Meppens Trainer über Fußballlehrer-Lehrgang Christian Neidhart: „Würde nicht beim nächsten Angebot sofort umfallen“

Von Dieter Kremer

SVM-Trainer Christian Neidhart im Gespräch mit Emslandsport-Redakteur Dieter Kremer. Foto: Werner ScholzSVM-Trainer Christian Neidhart im Gespräch mit Emslandsport-Redakteur Dieter Kremer. Foto: Werner Scholz

Meppen. DFB-Präsident Grindel konnte sich beim Festakt die Spitze in Richtung Mehmet Scholl nicht verkneifen: „Toll, dass sie zehn Monate Gehirnwäsche überstanden haben“, richtete er sich an die Absolventen des Fußballlehrer-Lehrgangs. Wie Christian Neidhart die Zeit empfunden hat, berichtet Meppens Trainer im Interview.

Herr Neidhart, Sie haben jetzt beim DFB noch einmal monatelang die Schulbank gedrückt. Wie schwer ist es Ihnen gefallen?

Richtig schwer. Jedes Mal, wenn wir dann am Wochenende von einer Auswärtsfahrt zurückgekommen sind, habe ich meinen Frust bei Mario (Neumann, Anmerkung der Redaktion) abgelassen. Weil es mich genervt hat, am Sonntagabend wieder nach Köln zu fahren. Dann haben mich Sonntagsabends immer zwei Experten, Ismail Atalan und Andreas Golombek, um zehn Uhr im Auto angerufen und gefragt: Na, bist du wieder auf dem Weg nach Köln? Und haben mich so ein bisschen auf die Schippe genommen, weil sie den Lehrgang ja im Jahr davor absolviert haben. Das war schon schwer, auch vom ganzen Lernen her. Jetzt im Nachhinein, wo ich durch bin, bin ich froh darüber, dass ich es gemacht und letztendlich auch die Chance gekriegt habe – durch den Aufstieg in die 3. Liga. Sonst hätte ich wahrscheinlich nie den Fußballlehrer gemacht. Es kommt halt nicht jeder rein. Und ich weiß, dass sich immer wieder über 100 Leute bewerben, und es werden nur 24 genommen. Im April steht schon wieder die nächste Eignungsprüfung für den Lehrgang an. Da muss man durch, wenn man den Lehrgang machen will. Ich brauchte nicht durch die Eignungsprüfung. Denn die Regularien sind so, dass du drin bist, wenn du in die 3. Liga aufsteigst.

Sie haben sich sicherlich noch nie über so einen langen Zeitraum so intensiv mit Fußball und der Lehre davon befasst. Sind Sie jetzt ein besserer Trainer?

Mario und ich haben ganz oft darüber gesprochen: Bleib so wie du bist! Das bin ich auch. Ich habe mich jetzt durch den Fußballlehrer nicht verändert. Sondern habe jetzt ein paar Fachausdrücke mehr drauf (schmunzelt). Aber grundsätzlich bin ich der gleiche Typ geblieben, was mir auch ganz wichtig ist. Natürlich hat man vieles aus dem Lehrgang mitgenommen. Zum Beispiel strukturierter zu arbeiten. Wir mussten unheimlich viel präsentieren. Wenn wir Trainingseinheiten auf dem Platz gemacht haben, wurdest du von anderen Trainern durchleuchtet. Hast ein Feedback gekriegt. Wie hast du dich als Trainer auf dem Platz verhalten? Was hast du gemacht? Die Aufgaben waren immer extrem aufgeteilt. In der Psychologie haben wir ganz viele Seminare gehabt, wo es um das Verhalten gegenüber der Presse ging, wenn du ein neues Team übernimmst. Du wurdest im Grund genommen auf alle Sachen, die im Profigeschäft vorkommen können, vorbereitet. Beziehungsweise haben versucht, dich bestmöglich darauf vorzubereiten. Deswegen waren auch viele interessante Sachen dabei. Sicherlich auch Sachen, von denen ich mir sage, die kann ich mir auch schenken. Ich glaube, jeder Trainer, der dabei ist, sucht sich das raus, was er am besten braucht.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Zu dem Spieler Christian Neidhart. Waren Sie in Ihrer Zeit auf dem Platz schon der verlängerte Arm des Trainers?

Das würde zu weit gehen. Gerade in der Anfangszeit überhaupt gar nicht. Als man älter geworden ist schon. Wenn man professionell aufgehört hat zu spielen und unterklassig unterwegs ist, habe ich, glaube ich, schon immer wieder auf dem Platz wie ein Trainer gewirkt. Und habe eigentlich auch unterbewusst Dinge umgesetzt, die mir der Trainer gar nicht vorgegeben hat. Sondern habe es einfach gemacht und eine Mannschaft geführt.

Stichwort Mannschaftsführung: Sie stehen Tag für Tag vor einer Gruppe von Männern. Die einen sind bereits ältere Familienväter, andere gerade erst Anfang 20. Inwiefern lassen Sie die Spieler auch mal in Ihre Seele blicken?

Ich bin da eigentlich sehr offen. Nicht vor der gesamten Mannschaft, aber in Einzelgesprächen. Es schon so, dass man auch mal über private Sachen spricht. Wir sprechen nicht nur über Fußball. Ich möchte schon wissen, ob es Probleme gibt. Darüber wird ganz oft gesprochen. Gerade auch in der Lehrgangsphase haben mich die Jungs auch mal angesprochen und gefragt, Trainer, wie geht’s? Ich bin auch ganz froh, dass es bei uns nicht immer nur um Fußball geht.

Sie sind jetzt seit fast fünf Jahren beim SV Meppen. Für einen Trainer eine eher lange Zeit. Ist der SV Meppen etwas Besonderes für Sie?

Ja, absolut. Gerade weil man immer auch die Geduld hatte. Auch in Phasen, in denen es mal „negativ“ lief. Negativ in Anführungsstrichen, weil ich glaube, dass wir aus den Möglichkeiten immer das Optimale herausgeholt haben. Wenn man überlegt, dass ich jetzt im fünften Jahr hier bin. Bis zum Aufstieg wurde eigentlich in jedem Jahr der Etat gekürzt. Die Zielsetzung war trotzdem immer gleich: Dass man aufsteigen sollte. Auch in dem Jahr, in dem ganz viele negativ gesprochen wurde. Wo wir die Derbys verloren haben, wo sie uns eigentlich schon am nächsten Baum aufhängen wollten, haben wir gesagt, dass es letztendlich eine schwierige Situation ist. In Hildesheim haben wir eine komplette erste Mannschaft nicht auf dem Platz gehabt. Trotz der schwierigen personellen Situation haben wir am Ende noch 55 Punkte geholt, was sensationell war - auch wenn wir keine Verletzten gehabt hätten. Gerade in einer solchen Phase lernt man den Verein auch kennen und weiß, wie man in einer Drucksituation arbeitet. Was in irgendwelchen Foren diskutiert wird, ist mir auch egal. Das ist nicht meine Welt. Die Leute haben keinen Einblick in Sachen. Warum wir was gemacht haben. Wahrscheinlich sind das dieselben Leute, die dich hochleben lassen, weil du aufgestiegen bist. Das ist mir zu viel Schwarzweißmalerei und hasse ich wie die Pest. Mir geht es darum, dass man beurteilen kann, was hinter den Kulissen passiert. Mit welchem Etat wir aufgestiegen sind, ist überragend. Andere haben es mit dem Vier- oder Fünffachen probiert und es nicht gepackt. Gott sei Dank stand der Vorstand immer hinter uns. Das zeigt, dass wir den richtigen Weg gegangen sind. Und dieser Weg für uns noch lange nicht zu Ende ist. In der 3. Liga haben wir wieder den kleinsten Etat und leisten dafür wieder Großes. Vor allen Dingen die Mannschaft. Was wir geschafft haben, ist gar nicht hoch genug anzurechnen. Wir schöpfen ja nicht aus dem Vollen, das muss man auch mal deutlich sagen. Wir haben in den letzten fünf Jahren bei einem guten Verein immer mit bescheidenen Mitteln gearbeitet und uns trotzdem weiterentwickelt. Wir haben viele, viele gute Spieler geholt und immer ein gutes Händchen bei den Leuten, die wir geholt haben.

Auf der Pressekonferenz nach dem erfolgreichen Relegationsspiel gegen Mannheim haben Sie zugegeben, dass Sie selbst mal über Rückzug nachgedacht haben. Gab es mal eine Phase, in der der Verein Zweifel an Ihnen hatte?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, weil ich auch nie nachgefragt habe. Es war schon so, als wir das Derby zu Hause nach der Winterpause verloren haben und es zum ersten Mal „Neidhart raus“-Rufe gab, dass man sich natürlich in solchen Momenten Gedanken macht. Man hört die Rufe ja auch. Wenn ich höre, dass viele in dem Aufstiegsjahr gesagt haben, die beiden Derbysiege sind uns wichtiger als der Aufstieg, dann sage ich: Leute, dann seid ihr die Falschen! Wir haben immer gesagt, wir können auch beide Derbys verlieren, was wir gar nicht wollten, aber dafür steigen wir auf. Wir haben Wort gehalten und sind aufgestiegen. In der 3. Liga zu sein ist zehnmal wichtiger als in der Regionalliga spielen zu müssen.

Der Wind hat sich komplett gedreht. Nun fragen sich die Fans des SV Meppen, wann Christian Neidhart seinen Vertrag verlängert?

Wir sind in Gesprächen und haben da ganz klare Vorstellungen. Andreas Kremer (SVM-Vorstandssprecher), Heiner Beckmann (SVM-Sportvorstand) und ich. Wir streben eine langfristige Zusammenarbeit an. Und sind final auf einem guten Weg, dass man in den nächsten 14 Tagen sicherlich auch irgendwo ein Stück weiter ist. Vielleicht auch, dass die Unterschrift unter den Vertrag kommt.

Auf der anderen Seite haben Sie durch die Fußballlehrerlizenz noch ganz andere Möglichkeiten. Könnten nun als Fußballlehrer sogar Vereine in der 1. und 2. Bundesliga trainieren. Wie stehen Sie dazu?

Ganz ehrlich, ich habe auch zu Heiner Beckmann gesagt, dass wir uns auch in den nächsten Jahren beim SV Meppen sehen. Wir haben dem Verein ja auch etwas zu verdanken. Zum einen, dass wir hier seit fünf Jahren arbeiten dürfen. Wir haben einen guten Arbeitgeber, einen tollen Verein. Es gibt nicht viele bessere Vereine, bei denen man sagt, da müsste man unbedingt hin. Klar, es gibt Sachen nach oben. Aber ich finde, unser Weg ist noch gar nicht zu Ende. Wir haben noch spannende Themen. Dass sich der Verein noch weiterentwickelt, dass mal der Etat größer wird. Dass wir in der 3. Liga vielleicht eine Mannschaft entwickeln können, die vielleicht mehr kann, als nur gegen den Abstieg zu spielen. Das wollen wir natürlich auch nicht jedes Jahr. Deswegen muss ich ehrlich sagen, dass ich mich in dem Verein sauwohl fühle, weil man fünf Jahre da ist und jeden kennt. Von den Fans kennt man viele, die auch in der Regionalliga immer mitgefahren sind. Auch den Jungs gegenüber stehen wir total in der Verantwortung. Ich würde nicht beim nächsten Angebot sofort umfallen, weil es natürlich auch ganz schnell in die andere Richtung gehen kann, siehe Atalan in Bochum. Natürlich ist es interessant, auch im oberen Bereich zu arbeiten. Wer weiß, vielleicht schafft man es auch, mit dem SV Meppen selber mal. Das sind schon Ziele, die wir uns selbst stecken. Aber im Fußball ist auch nichts ausgeschlossen. Alles kann, nichts muss. Wir sind ja keine Wandervögel. Für mich ist Geben und Nehmen wichtig, das muss passen. Wenn wir in den Gesprächen auf einen Nenner kommen, sehe ich mich langfristig beim SV Meppen.