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Ex-Trainer des SV Meppen Horst Ehrmantraut im Interview: „Ich denke noch oft an Meppen“

Von Daniel Brickwedde

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Horst Ehrmantraut gewann mit dem SV Meppen drei Bezirksderbys gegen den VfL Osnabrück:  Foto: Helmut KemmeHorst Ehrmantraut gewann mit dem SV Meppen drei Bezirksderbys gegen den VfL Osnabrück: Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Unter Horst Ehrmantraut erlebte der Fußball-Verein SV Meppen die erfolgreichsten Jahre seiner Vereinsgeschichte. Im Interview spricht Ehrmantraut über das hitzige Bezirksderby gegen den VfL Osnabrück, einen gescheiterten Transfer von Carsten Jancker, Burnout und darüber, dass er keinen neuen Verein mehr sucht.

Herr Ehrmantraut, wann waren Sie eigentlich das letzte Mal in Meppen?

Ich war zweimal kurz da, aber die vergangenen zehn Jahre nicht mehr. Den Verein habe ich aber ins Herz geschlossen. Ich habe den Werdegang nach mir und auch in den vergangenen Jahren immer genau verfolgt.

Der SV Meppen ist mittlerweile zurück in der 3. Liga. Und auch das Bezirksderby gegen den VfL Osnabrück steht wieder an. Ihre Erinnerungen an das Derby?

Es war eins der klassischen Derbys, die noch ein wenig inniger geführt werden. Zwei Vereine, bei dem jeder den anderen übertrumpfen will. In meinen Erinnerungen war das Derby bei den Osnabrücker-Fans allerdings heftiger ausgeprägt. Es waren brisante Spiele und das macht den Fußball aus. Der VfL Osnabrück war im direkten Vergleich der größere Verein, vom Erfolg war zu jener Zeit aber der SV Meppen federführend.

Sie kamen damals aus Berlin ins Emsland und hatten keinerlei Bezug zur Region. Wie schnell wurde ihn diese Rivalität eingeimpft? Immerhin ist ihre Derbybilanz mit drei Siegen aus vier Duellen sehenswert.

Das hört man natürlich gerne in der Nachbetrachtung (lacht). Die Rivalität war damals ein Automatismus. Da brauchte ich keine Hilfe von außen. Zwischen Meppen und Osnabrück liegen nur 80 Kilometer, da war es klar, dass es ein brisantes Derby ist. Auch, wenn ich mich im Detail nicht mehr an jedes Spiel erinnern kann, es waren immer hitzige Duelle, gerade in Osnabrück. Die Bremer Brücke ist ein ganz enges Stadion mit heißblütigen Fans.

Dennoch, wie geht ein Trainer von außen an so ein regionales Derby heran?

Für mich war es kein Spiel wie jedes andere, aber auch kein außergewöhnlich besonderes Spiel. Die Mannschaft hat da sicherlich mehr Energie reingesteckt als der Trainer. Manchmal kann es aber auch gut sein, wenn man nicht so tief involviert ist und eine gewisse Distanz zeigen kann. Dann sieht man das Spiel nüchterner und realistischer.

In ihrer fünfjährigen Amtszeit beim SV Meppen kam es nur zu vier Derbys. Einfacher Grund: Der VfL stieg aus der 2. Bundesliga ab, während der SV Meppen sich zur etablierten Kraft im Unterhaus entwickelte. In der Saison 1994/95 schien sogar der Aufstieg in die Bundesliga möglich.

Ganz Meppen fieberte damals mit. Ich weiß noch, wie mehrere Tausend Fahrräder immer vor dem Stadion standen. Im Prinzip war die ganze Stadt im Stadion. Der Verein war über die ganze Woche das Gesprächsthema, überall wurde über den SV Meppen geredet. Das war für mich das Größte überhaupt. Es war gigantisch, wie sich alle euphorisierten. Es war aber auch erstaunlich, dass so viele Spieler aus der Gegend für einen Zweitligisten spielten – das Verhältnis in der Mannschaft war ungefähr 4:1. Frappierend, wie wir mit einer so regional besetzten Mannschaft erfolgreich sein konnten. Mein Co-Trainer Bernd Kugler ging damals noch einem Vollzeitjob bei der Telekom nach – das muss man sich mal vorstellen.

Der Aufstieg wäre eine Riesensache gewesen, wurde am Ende als Tabellensechster jedoch um zwei Punkte verfehlt. Ganz ehrlich, wie lange hadert ein Trainer damit?

Das frustet, keine Frage. Ich habe es aber nicht so groß nach außen getragen, das hätte dem Verein nicht gut getan. Realistisch war die 2. Bundesliga für Meppen die Grenze. Ein Aufstieg wäre ein Gigantismus gewesen, so ein tragendes Wort muss man dafür einfach verwenden. Aber wie wäre es nach dem Aufstieg weitergegangen? Das große Investieren wäre nicht möglich gewesen. Die Chance zum Aufstieg war aber da und die will man natürlich auch nutzen.

Knapp ein Jahr später endete ihre fast fünfjährige Amtszeit in Meppen. In einer sportlich schwierigen Situation gaben Sie „aus Interesse der Mannschaft und des Vereins“ ihren Posten auf, wie es damals offiziell hieß. Aus eigenen Stücken?

Es war eine Übereinkunft und das war für beide Seiten in Ordnung. Der Verein wollte zu diesem Zeitpunkt diesen Schritt.

Wie haben Sie den Abgang nach dieser intensiven Zeit verarbeitet?

Verarbeiten brauchte ich das gar nicht, ich will die Erinnerungen ja alle im Kopf behalten. Ich habe für mich nie in Anspruch genommen, zehn Jahre in diesem Verein zu arbeiten. Irgendwann kommt die Situation, dass sich gewisse Dinge abnutzen und Abläufe normalisieren. Das darf im Fußball nicht passieren. Fußball muss immer etwas Besonderes sein, am Spieltag muss sich alles euphorisieren und auf Spannung sein – der Trainer, die Mannschaft und der Verein. Über die Dauer von fünf Jahren schleifen sich die Dinge jedoch ab, das ist ein normaler Prozess. Das Niveau aus dem Vorjahr war nicht zu halten und wir erzielten nicht mehr die positiven Ergebnisse. Damals bin ich aber im Guten gegangen. Heute denke ich noch oft an den SV Meppen.

Beinahe hätten Sie den Verein früher verlassen. Im März 1993 gab es eine Offerte von Tebe Berlin, die öffentlich wurde. Sie überlegten lange, sind dann aber doch in Meppen geblieben. Was war für Sie damals das Besondere an dem Verein?

Finanziell hätte ich das Angebot von Tebe Berlin annehmen müssen. Die haben mich hofiert. Es gab aber nicht nur Tebe, das Geschäft ist schnelllebig, und sobald man als Trainer eine gute Saison hat, gibt es Angebote. Dass die Geschichte mit Tebe öffentlich wurde, war mir nicht recht, weil so etwas zwangsläufig ein Thema in der Mannschaft und im Verein wird. Das ist auf Dauer nicht förderlich. Vor allem von den Meppener-Fans kam damals viel Zuspruch. Das war sensationell und hat mich bewegt und berührt. Ausschlaggebend war aber auch das gegenseitige Vertrauen mit den Vereinsverantwortlichen. Präsident Wolfgang Geersmann war für mich in der Zeit wie eine Vaterfigur. So etwas im Fußball zu sagen, ein größeres Kompliment kann es nicht geben. Es war ein Verein, bei dem die menschliche Qualität noch zählte.

Bittere Ironie: Am Tag ihres Abschieds schoss Carsten Jancker mit einem Doppelpack Rapid Wien ins Finale des Europapokals der Pokalsieger. Ein Jahr zuvor wäre er beinahe in Meppen gelandet.

Das sprechen Sie eine Geschichte an, da könnte ich mich heute noch ärgern. Der Carsten war zum Probetraining bei uns. Er war damals ein Nobody aus der zweiten Mannschaft von Köln. Nach einer Niederlage bei Carl Zeiss Jena schoss es mir plötzlich durch den Kopf: Den müssen wir holen. Er war ein bulliger Stürmer und ich habe dann sofort aus dem Bus seinen Vermittler angerufen. Er meinte dann aber, es tue ihm leid, aber der Carsten hätte bei Rapid Wien unterschrieben. Ich war völlig fertig. Ich hatte mich auf einmal so auf diesen Transfer fixiert und wir hätten ihn haben können.

Wenn man sich mit dem Trainer Horst Ehrmantraut beschäftigt, liest man Beschreibungen wie „autoritär“, „pedantisch“, „kontrollsüchtig“. Wie viel Wahrheit steckt dahinter?

Da steckt schon ein wahrer Kern drin. Ein gewisser autoritärer Stil war mein Credo. Beispielsweise gab es in Meppen Spieler wie Robert Thoben, ein super Typ, der aber auch mal einen Tritt brauchte. Mein Stil hat damals gepasst, um den Jungs in Meppen zu zeigen, was mit ein wenig mehr Disziplin alles erreicht werden kann. Es war Profifußball, da muss man eine andere Richtung einschlagen. In der Mannschaft gab es kaum Widerstand. Ich glaube auch, die Verantwortlichen haben damals mit Absicht einen Trainertypen wie mich gesucht.

Aus dem beschaulichen Emsland gingen Sie anschließend in die Bankenmetropole Frankfurt. Was konnten sie aus Meppen mit zu einem großen Verein wie Frankfurt nehmen?

Frankfurt war natürlich ein Kontrapunkt zu Meppen. Ich wollte dort etwas verändern, aber es gibt dort so viele Strömungen in der Stadt, das kannst du gar nicht in den Griff bekommen. Ich habe dann meinen eigenen Weg durchgezogen. Als Trainer habe ich bei den Spielen immer alleine gesessen, nicht aus Arroganz, sondern um das Spiel konzentrierter zu verfolgen. Das wollte ich auch in Frankfurt. Dort wollten sie mir allerdings – typisch Frankfurt – einen Ledersessel mit Armpolster an das Spielfeld stellen. Ich habe dann zu meinem Mannschaftsbetreuer gesagt, er soll mir stattdessen den billigsten Plastikstuhl aus dem Baumarkt besorgen. Das mit dem Stuhl fing aber in Meppen an.

Sie galten als akribischer Trainer. Wie weit geht man da an seine Grenzen?

Ich hatte kein Potenzial mehr. Ich war damals der einzige Trainer, der einen Tag nach dem Spiel bereits eine Spielersitzung mit Einzelkritik abhielt. Nach dem Spiel und der Pressekonferenz bin ich nach Hause, habe mir das Spiel auf Videokassette angeschaut, bin dann am nächsten Morgen um 5 Uhr aufgestanden und habe mir das Spiel erneut angeschaut. In meiner Anfangszeit in Meppen musste ich auch noch meine Fußballlehrerausbildung abschließen. Da bin ich sogar um 3 Uhr aufgestanden, um nach Köln zur Sporthochschule zu fahren. Neben der eigentlichen Trainertätigkeit war das schon brutal belastend. Ich habe mich damals auch oft über mich selbst geärgert, habe mir immer wieder gesagt: ‚Reibe dich nicht so auf, gehe es etwas ruhiger an.‘ Ich war total drin und manchmal war es zu viel für mich. Damals war der Begriff Burnout noch nicht so ausgeprägt. Ich lief aber immer an der Grenze. Wenn man sieht, wie früh ich aufgehört habe, dann kann man da einiges rauslesen.

Ihre letzte Trainerstation war der 1. FC Saarbrücken im Jahr 2005. Wird es noch einmal einen Trainer Horst Ehrmantraut geben?

Ich wollte damals eine Pause machen. Seitdem hatte ich zwölf Angebote, von Zweitligisten und Drittligisten aus Deutschland und Erstligisten aus China, Thailand, Österreich und der Schweiz – zu allen habe ich Nein gesagt. Finanziell hätte ich China machen müssen, aber es ging mir nicht ums Geld. Die Pause wurde dann immer länger und heute bin ich froh, es so gemacht zu haben. Die Zeit rinnt einem durch die Finger und 30 Jahre Profifußball haben gereicht. Ab und zu juckt es natürlich noch, einen kleineren Verein mit Perspektive auf den Weg zu bringen. Insgesamt war es aber die richtige Entscheidung. Ich suche nicht mehr.

Aktuell sind im deutschen Profi-Fußball vor allem viele junge Trainer am Werk – ein Trend, der mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco losgetreten wurde. Sie waren damals bei ihrem Trainerdebüt mit 34 Jahren eine Ausnahme. Wie verfolgen Sie die Diskussion um die jungen Trainer?

Das stimmt, damals war es außergewöhnlich. Da spielte Erfahrung eine große Rolle. Ich hatte die 2. Mannschaft von Blau-Weiß Berlin trainiert und habe dann im März 1990 die Profi-Mannschaft in der 2. Bundesliga übernommen. Und dann ging es so seinen Weg. Die jungen Trainer finde ich heutzutage aber gut, weil sich die Umgangsformen und die Gesellschaft mittlerweile sehr verändert haben. Früher war es so: Der Trainer stand oben, die Spieler unten. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Heute befindet sich das Verhältnis mehr im Gleichgewicht. Die junge Gilde an Trainern ist einfach damit aufgewachsen.

Wie hat sich der Trainerberuf aus Ihrer Sicht ansonsten verändert?

Der Trainer muss heute mehr sprechen, erklären und psychologische Arbeit leisten. Das ist eine große Herausforderung, die die jüngeren Trainer besser meistern. Der Beruf ist heute mental härter, aber einfacher in der Ausführung. Es gibt große Trainerstäbe, die Aufgaben sind mehr verteilt. In dieser Form ist es leichter, der Trainer muss trotzdem alles zusammenhalten. Er muss ein Teamplayer sein. Die Trainer, die alles alleine regeln wollen, sterben aus.

Welchen Stellenwert spielt Fußball noch in ihrem Leben?

Ich fahre nicht mehr so oft zu den ganz großen Partien. Aber in der Region besuche ich immer noch regelmäßig Spiele. Zu einer gewissen Zeit war Fußball aber mein Leben. Ich musste zu meiner Profikarriere unheimlich viel leisten, habe immer Sondertraining sowie Kraft- und Fitnesstraining machen müssen. Ich habe mich komplett aufgerieben. In der Nachbetrachtung aber im positiven Sinne. Fußball hat mir alles gegeben. Nur eine Sache ist wichtiger: Gesundheit.


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