Zahlen, Fakten, Hintergründe Die Bundesliga-Vereine und ihre Ultras

Von dpa

Durchaus berüchtigt: Chaoten unter den Fans bei Eintracht Frankfurt. Foto: imago/HMB-MediaDurchaus berüchtigt: Chaoten unter den Fans bei Eintracht Frankfurt. Foto: imago/HMB-Media

Berlin. Im Profifußball standen im Jahr 2017 vermehrt die Fans im Fokus – oft mit beeindruckenden Choreografien in den Kurven, aber auch mit brachialen Protestaktionen teils jenseits der Legalität. Ein Überblick über die Fanszenen der Bundesliga.

BAYERN MÜNCHEN: Der Rekordmeister hat mehr als 4300 Fanclubs mit über 340 000 Mitgliedern. Die große Mehrheit der Anhänger lehnt Gewalt ab, es gibt aber Problemgruppen. Bei der Meisterfeier 2017 erzürnten angebliche Maßnahmen gegen einen möglichen Platzsturm in der Allianz Arena die Ultras (etwa die Gruppierung Schickeria).

FC SCHALKE 04: Die bedeutendste Ultra-Gruppe sind die „Ultras Gelsenkirchen“ mit mehr als 1000 Mitgliedern. Meist sind es Jugendliche oder junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren, die eher der linken Szene zuzurechnen sind. Sie sehen sich als unpolitisch. Mit den Medien gibt es keine Kooperation, mit dem Verein teilweise. Jeglicher Fußball-Kommerz wird abgelehnt. Nur fünf bis zehn Prozent der Ultras gelten als gewaltbereit, allerdings läuft auch der leicht reizbare Rest nicht davon, wenn es ernst wird.

BORUSSIA DORTMUND: Die Dortmunder Ultras gelten als besonders problematisch, weil es viele Verbindungen in die große rechte Szene der Stadt gibt. Die Ultra-Guppe „0231Riot“ war extrem gewaltbereit und von Rechtsradikalen unterwandert. Viele waren Neonazis, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurden. Diese Fan-Gruppierung wurde zunächst verboten und inzwischen aufgelöst. Gleichwohl gibt es in Dortmund aufgrund der großen Neonazi-Szene weiterhin problematische Ultra-Gruppierungen.

BAYER LEVERKUSEN: Große Probleme hat Bayer Leverkusen mit seinen Ultra-Fans per se nicht. Für die neue Saison zeigte sich die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH „sehr daran interessiert, bei ihren Heimspielen eine gute und farbenfrohe Atmosphäre in der BayArena zu haben“. Die Regularien sind jetzt genau festgelegt und sind - in Absprache mit Bauaufsicht und Berufsfeuerwehr - bindend. Wegen Unstimmigkeiten zwischen Verein und Ultras gab es im Frühjahr 2017 allerdings auch Boykottmaßnahmen.

RB LEIPZIG: Die Sachsen haben derzeit 39 Fanclubs. Negativ fielen sie bisher nicht auf, stattdessen wurden RB-Fans vor allem in der ersten Bundesligasaison immer wieder Ziel von Anfeindungen. Im Mai kam allerdings erstmals eine Gruppe zusammen, die sich L.E. United nennt. Sie sorgt bei den Fanclubs der Roten Bullen Medienberichten zufolge auch für Unruhe. Ein namentlich nicht genanntes Mitglied von L.E. United sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“: „Wenn uns einer an die Wäsche will und keine Polizei zur Stelle ist, werden wir von unserem guten Recht Gebrauch machen, uns selbst zu schützen. Das kann uns niemand verwehren.“

BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH: Zum Ende der Vorsaison setzte eine Ultra-Fangruppe der Borussia „aus unterschiedlichen Gründen ihre gewohnte Form der Unterstützung bei Heimspielen auf unbestimmte Zeit aus“, wie es in einer Erklärung hieß. Ein Boykott sei das aber nicht gewesen. Sie seien lediglich ohne Megafon, Trommeln oder Fahnen in den Borussia-Park gegangen. In der Zwischenzeit gab es Diskussionen, bei denen eine Basis für eine künftige Vorgehensweise gelegt wurde. Man wolle „positiv und geeint“ in die neue Saison gehen, hieß es vor 2017/18.

1899 HOFFENHEIM: Hoffenheim und die Ultraszene – das ist immer nur dann ein Thema, wenn gegnerische Fans den Verein und seinen Mäzen Dietmar Hopp unflätig beschimpfen. Aber auch rund um die beschauliche TSG gibt es eine Gruppe von rund 150 Anhängern, die von der Polizei schon einmal als „gewaltorientiert“ eingestuft wurde.

EINTRACHT FRANKFURT: Die Eintracht und ihre Problemfans – das ist eine lange und teure Geschichte. Erst im Juli musste der Verein wieder 80 000 Euro Strafe zahlen, weil es zu mehreren Vorfällen gekommen war. Schon mehrfach war die SGE zudem von den sogenannten Kollektivstrafen betroffen, bei denen der gesamte Fanblock bei einem Heimspiel leer blieb. Für die Eintracht spricht: Ihr Vorstand führt schon lange einen intensiven und vorbildlichen Dialog mit den Ultras, die Clubspitze sprach sich schon immer gegen Kollektivstrafen aus.

FC AUGSBURG: Die wichtigste Ultragruppe bei den Fuggerstädtern nennt sich „Legio Augusta“. Vereinspräsident Klaus Hofmann sagte einmal in einem Interview der „Augsburger Allgemeinen“ ganz grundsätzlich zu den Ultras beim FCA: „Bei uns sind das Fans. Die unterstützen den FC Augsburg und interessieren sich für Fußball.“ Manchmal sogar so intensiv, dass sie die Mannschaft zur Aussprache auffordern. So geschehen im April am Trainingsgelände vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln, als der FCA im Abstiegskampf steckte.

HERTHA BSC: In den 80er Jahren galt die Hooligan-Szene unter den Hertha-Fans als rechts und besonders gewaltbereit. Berüchtigt waren vor allem die „Hertha-Frösche“, deren Einfluss mit dem Aufkommen der Ultra-Szene jedoch schwand. Die heutigen Ultras sind keiner politischen Ausrichtung zuzuordnen. Die größten Gruppierungen heißen „Harlekins 98“, „Hauptstadtmafia 2003“ sowie „Dynamic Supporters 2005“, die sich kritisch mit Themen rund um den Verein auseinandersetzen. Bis Jahresbeginn hatten sich die Ultras regelmäßig mit der Geschäftsführung getroffen, ehe sie den Dialog einstellten, weil sie sich nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner sahen.

HANNOVER 96: Der Aufsteiger hat ein gewaltiges Problem mit den Ultras, denen vor allem Clubchef Martin Kind als Feindbild gilt. Es gehört seit Jahren zur Folklore bei den 96-Spielen dazu, lieber Kind zu beschimpfen, als die Mannschaft zu unterstützen. Aus Protest gegen Kinds Vereinspolitik und dessen Plan, die Mehrheit an der Profigesellschaft zu übernehmen, verweigern die Ultras in dieser Saison die Unterstützung des Teams komplett. Sehr zum Ärger der Spieler und der Verantwortlichen. Eine Aufstiegseuphorie war so nie wirklich spürbar. Ein großes Problem ist auch das seit Jahren andauernde ständige Fehlverhalten von Teilen der Ultras. Pyrotechnik, Gewalt und Randale haben in den vergangenen Jahren bereits zu erheblichen Geldstrafen für 96 geführt.

VFL WOLFSBURG: Auch in Wolfsburg gibt es Ultra-Gruppierungen. Beim 0:3 gegen Borussia Dortmund in der Hinrunde sorgten diese auch bei VfL-Verantwortlichen für Unmut. Weil Dortmunder Ultras ein altes Banner einer inzwischen aufgelösten Wolfsburger Ultra-Gruppe zeigten, stellten Teile der VfL-Ultras die komplette Unterstützung des eigenen Teams ein und verließen das Stadion. Eine Art Ehren-Kodex unter den Ultras, die hinter vorgehaltener Hand als „Kinderei“ bezeichnet wurde. „Die schlechten Dinge sind, dass es Scharmützel im Fußball wie geklaute Fahnen oder Kritik am DFB gibt. Das will ich nicht kommentieren“, sagte Wolfsburgs Sportchef Olaf Rebbe.

SC FREIBURG: In Freiburg gibt es vor allem zwei Ultra-Gruppierungen, die eine Rolle spielen: die „Natural Born Ultras“ (NBU) und die „Corillos“, dazu kommen noch „IWF“ und die „Supporters Crew“, die eher eine Art Dachorganisation ist. Probleme gab es mehrfach wegen Pyro-Einsätzen. Deswegen hatte der SCF zum Ende der vergangenen Saison bei den Profis und der zweiten Mannschaft für die drei ersten Heimspiele der Saison Banner, Spruchbänder und Fahnen im Schwarzwald-Stadion verboten. Die Anti-DFB-Plakate schaffen es dennoch regelmäßig ins Stadion.

VFB STUTTGART: Die Ultras des VfB Stuttgart um die größte Gruppe „Commando Cannstatt“ sind weder rechts noch links und grundsätzlich unpolitisch – so lange es nicht um interne Angelegenheiten des Vereins geht. Da positionieren sich die Fans klar und gerne auch in Opposition zur Vereinsführung. Gewalt um der Gewalt willen ist für die große Mehrheit unattraktiv. Werden die Schwaben jedoch ihrer Meinung nach provoziert, halten sich die VfB-Ultras nicht zurück. Als problematisch gelten die Anhänger aber nicht.

FSV MAINZ 05: Die Mainzer Ultraszene ist einflussreich. Der mittlerweile wieder zurückgetretene Vorstandschef Johannes Kaluza wurde im Juni maßgeblich mit den Stimmen der Ultra-Fangruppierung ins Amt gewählt und bedankte sich dafür mit der Ankündigung: „Die Fans müssen im Zentrum unseres Handelns stehen.“ Kaluza wies danach den Verdacht zurück, er sei einen Pakt mit den Ultras eingegangen. Zuvor war es immer wieder zu Verwerfungen zwischen dem Verein und den Ultras gekommen, die nach mehreren Ausschreitungen in der Vorsaison keine Karten mehr für Auswärtsspiele der Mainzer erhielten.

WERDER BREMEN: Werder hat ein unproblematisches Verhältnis zu seinen Ultras, die als Teil der vielzitierten „Werder-Familie“ angesehen werden. Sofern sie sich an die Regeln halten. Ausfälle kommen selten bis gar nicht vor. In den letzten Jahren soll es linken Gruppierungen gelungen sein, rechtsradikale Hooligans aus dem Stadion zu drängen.

HAMBURGER SV: Die Ultraszene beim HSV ist übersichtlich. Das sind derzeit drei Gruppen mit zusammen rund 250 Fans. Andere Fangruppierungen sympathisieren mit den Ultras. Der HSV geht bei Konflikten auf die Ultras zu. Eine Radikalisierung ist in den vergangenen 15 Jahren nicht zu beobachten. Konflikte mit Verbänden flammen immer wieder auf, sind aber nicht von Dauer. Die Stadionordnung ist für den Verein keine Verhandlungsmasse.

1. FC KÖLN: Seit langem und in zahlreichen Fällen hat der 1. FC Köln ein Ultra-Problem. Das hat auch der ehemalige FC-Manager Jörg Schmadtke konstatiert. Die Unterstützer des Vereins betrachten derartige Äußerungen als Bruch zwischen ihnen und dem Club. Sie pochen darauf, dass sie dem FC, als es sportlich und finanziell nicht zum Besten bestellt war, die Treue hielten. Man habe sie gebraucht, als es dem Club schlecht ging. Nun fühlen sie sich vom FC nicht so richtig ernst genommen. Das birgt auch künftig Brisanz.


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