„Mechanismen im Sport begünstigen Doping“ Doping-Experte Seppelt fordert Worst-Case-Sankion für Russland

Von Susanne Fetter

Mit oder ohne Russland? Bald starten die Winterspiele – 2014 in Sotschi soll Doping im Team der Gastgeber verschleiert worden sein. Foto: dpaMit oder ohne Russland? Bald starten die Winterspiele – 2014 in Sotschi soll Doping im Team der Gastgeber verschleiert worden sein. Foto: dpa

Osnabrück. Die Winterspiele beginnen in wenigen Wochen – mit oder ohne russische Athleten? ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt fordert einen Ausschluss und ist sicher: Kleinere Nationen wäre härter bestraft worden für ein Dopingsystem dieser Art. Im Interview kritisiert er zudem verkrustete Strukturen im Sport.

Herr Seppelt, in wenigen Wochen starten die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Die Frage ist mit oder ohne Russland?

Ich glaube, für ein WorstCase-Szenario – und das ist Staatsdoping – muss es die Worst-Case-Sanktion geben. Und das wäre der Ausschluss.

Man hat nicht das Gefühl, dass es bislang einen Wandel im Denken in Russland gegeben hat.

Diesen wird man nur sehen, wenn man zeigt, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Die lasche Haltung, die viele Sportverbände Russland gegenüber zeigen, sendet aber ein fatales Signal in die Welt: Ihr könnt tun und lassen, was ihr wollt, ihr könnt von Staats wegen Athleten in großem Stil dopen – welcome trotzdem to the Games.

Eine Argumentation dagegen ist die Kollektivstrafe.

Wer von individueller Gerechtigkeit redet, lenkt davon ab, dass es hier gar nicht um die Frage geht, ob einzelne Athleten gedopt haben oder nicht, sondern um die klassische Verantwortung eines Sportsystems, das über Jahre positive Proben manipuliert und Dopingprogramme gefahren hat. Dass man das nicht nachweisen kann, weil Proben verschwunden, ja vernichtet sind, liegt auf der Hand. Ich bin mir relativ sicher, wäre es nicht Russland gewesen, sondern ein kleineres Land, wäre es keine Frage gewesen: Das wäre ausgeschlossen worden.

Die NADA lud kürzlich zur Diskussion über „Russland und die nächsten Olympischen Spiele“. Muss es nicht auch heißen: „Russland und die nächste Fußball-WM“?

Mit Sicherheit. Es gibt eindeutige Hinweise, dass auch der Fußball in Russland in das System mit einbezogen war, wenn auch nicht so üppig wie in der Leichtathletik. Aber der Zug, was Russland betrifft, ist nicht mehr aufzuhalten.

Weshalb?

Die Vorgehensweise des internationalen Sports ist beispiellos und entlarvt den Umgang des IOC und der FIFA mit dieser Causa: Alle Nationen sind gleich, nur Russland ist gleicher. Wenn man weiß, dass das IOC ein Land wie Kuwait wegen politischer Einmischungen suspendiert, fragt man sich, wie kann es sein, dass das in diesem Fall nicht geht? Die politischen Einmischungen Russland in den Sport sind offenkundig. Und es steht außer Frage, dass hier auch noch massiv in die Integrität des unmittelbaren sportlichen Wettbewerbs eingegriffen wurde.

Mehmet Scholl, damals ARD-Experte, wollte, dass Ihr Bericht beim Confed-Cup über Doping im russischen Fußball nicht gesendet wird, weil er ihn unpassend platziert fand.

Stimmt. Aber Sie sehen, dass er dennoch gesendet wurde. Wir werden selbstverständlich als Medium Dinge präsentieren, wenn sie relevant sind – auch im Vorfeld eines Spiels. Denn dann schalten die Zuschauer ein, die es interessiert und angeht. Wir berichten ja auch nicht über den Weihnachtsmann zu Ostern.

Der Vorfall hat gezeigt, dass der Fußball sich offenbar weiter sträubt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Es gibt wenige, die sich damit beschäftigen, stattdessen wird das ewig gleiche Mantra vom „Es gibt kein Doping im Fußball“ heruntergebetet und auch von den Medien zu oft wiedergekäut. Recherche im Fußball ist schwer. Wenn man Fußballer attackiert, riskiert man sofort, dass ein Brief beim Intendanten ist.

Die FIFA...

... ist bei dem Thema sehr zurückhaltend. Das offene Bekenntnis von Gianni Infantino zu seinen russischen Partnern zeigt das Problem. Die Interessenkonflikte sind offenkundig. Der Fußball hat aber eine so starke Position, dass das kaum angetastet wird. Too big to fail.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich das mal ändert?

Es ist eine Frage der Zeit beim Fußball. Und beim Sport insgesamt sehen wir ja schon einige erste Veränderungsprozesse. Etwa rund um den Deutschen Olympischen Sportbund. Dass der nationale Dachverband wie ein Kaninchen vor der Schlange verharrt aus Angst vor Veränderungen, sieht man ja aktuell. Der DOSB hat sehr verschnupft auf den Athletenvorstoß, eine eigene Vertretung zu gründen, reagiert. Zudem prüft das Kartellamt, ob der organisierte Sport die Werberechte der Athleten und ihrer Sponsoren bei Olympia missbräuchlich behindert. Der DOSB ist plötzlich mit für ihn unangenehmen, aber völlig berechtigten Fragen beschäftigt, weil Athleten – aus meiner Sicht zu Recht – mehr Selbstbestimmung einfordern.

Wo liegt das Grundproblem dieser Verbände?

Sie begreifen nicht, dass Sport keine Einheitspartei ist. Sie sagen immer, mit einer Stimme sprechen, das macht uns stark. Aber das ist sehr eindimensional. Der Sport ist ein Abbild des Gemeinwesens und sollte damit auch demokratischen Prinzipien folgen. In einer Demokratie gibt es immer eine Opposition, die eigene Interessen vertritt. Daran ist überhaupt nichts Schlimmes – im Gegenteil. Aber dieses Grundverständnis fehlt so manchen altgedienten Funktionären im organisierten Sport. Verbandsstrukturen, vor allem auf internationaler Ebene, haben sich über Jahrzehnte kaum verändert. Manche der Repräsentanten könnten eine Art „Nachhilfeunterricht“ in moderner politischer Willensbildung gebrauchen, ist mein Eindruck.

Und Sie sind der Nachhilfelehrer?

So weit würde ich nicht gehen. Aber die Medien haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, das Bild des Sports durch Berichterstattung über Problemfelder zu relativieren. Insofern haben wir die Rolle der Mahner übernommen. Ich glaube, dass der Sport ein Kulturgut ist, bei dem zuletzt immer deutlicher wurde, welchen Gefahren es ausgesetzt ist.

Fühlen Sie sich manchmal wie Sisyphos, der immer wieder den Stein den gleichen Berg hoch rollt – ohne dass es jemals aufhört?

Ich bin mir relativ sicher, dass das Thema Doping endlos ist. In den Verbänden erleben wir anachronistische Zustände. Demokratie existiert nur auf dem Papier, aber nicht in der Realität. Genau diese Mechanismen führen dazu, dass Doping begünstigt beziehungsweise verschleiert wird. Wir stoßen überall im Verborgenen auf Tatbestände, die so ungeheuerlich sind, dass man eine Armada benötigen würde, um sich der Thematik anzunehmen.

Die gibt es leider nicht.

Und darüber dürften die Sportverbände ganz froh sein. Ich habe volles Verständnis dafür, dass nicht jeder Verlag finanziell in der Lage ist, Journalisten auf dieses Thema anzusetzen, auch wenn ich finde, dass dieses Feld viel Platz bietet, um sich publizistisches Renommee zu erarbeiten. Was ich aber bedauere, ist, dass sich viele Kollegen gar nicht dafür interessieren. Und dass sich viele Verantwortliche in Medienhäusern auch nicht gerade für eine tiefgründigere Berichterstattung ihrer Sportredaktionen einsetzen und stattdessen vor allem auf den Unterhaltungsfaktor des Sports setzen. Das ist aus meiner Sicht viel zu kurz gedacht. Sportjournalisten sollten keine Partner des Sports sein, sondern kritische Begleiter.

Sie recherchieren in diese, schwierigen Feld. Fühlen Sie sich dabei immer sicher?

In den letzten zwei Jahren gab es immer wieder Situationen, in denen Leute versucht haben, mich und meine Arbeit zu diskreditieren. Da habe ich mich auch nicht immer schlau verhalten und musste erst einige Dinge lernen. Das ist kein schöner Prozess, aber er gehört dazu. In einem Business, in dem viele in die gleiche Richtung laufen, schwimmen oder radfahren, macht man sich eben wenig Freunde, wenn man nicht dem Mainstream folgt.