Videoassistent: Eine erste Bilanz Immer diese Technik

Von Susanne Fetter

Hallo, hallo! Tobias Stieler hat Kontakt zum Videoassistenten. Foto: WittersHallo, hallo! Tobias Stieler hat Kontakt zum Videoassistenten. Foto: Witters

Osnabrück. Mit ihm sollte alles besser werden. Doch ob er hält, was man sich versprach, ist noch nicht sicher. Der Videobeweis ist mit einigen Problemen in die neue Saison der Fußball-Bundesliga gestartet. Die DFL ist verärgert. Was passiert ist und was nun passieren muss – ein Überblick:

Wo hat es eigentlich genau gehakt? Bei einigen Spielen gab es „massive technische Probleme“ aufseiten des Dienstleisters Hawkeye. Das teilte die Deutsche Fußball-Liga mit. Die Probleme gab es demnach vor allem bei den 15.30-Uhr-Spielen am Samstag. Laut der DFL-Mitteilung gab es dort starke Einschränkungen bei der Nutzung des Video-Beweises. Der Betrieb sei bei „drei Begegnungen nicht oder vorübergehend nicht möglich“ gewesen. Im Detail hieß das: Bei den Partien Hoffenheim gegen Bremen und Hertha gegen Stuttgart funktionierte der Videobeweis erst nach der Halbzeitpause, beim Spiel des Hamburger SV gegen Augsburg gar nicht. „Zudem stand bei keinem Spiel die zur Unterstützung bei Abseitsentscheidungen vorgesehene kalibrierte Hilfslinie zur Verfügung“, so die DFL. Bei Freiburg gegen Frankfurt am Sonntag stand die Linie zumindest teilweise nicht zur Verfügung.

Woran lag es? Das soll nun noch erörtert werden. Aus der Mitteilung der DFL war deutlich die Unzufriedenheit der Liga mit den Schwierigkeiten herauszulesen. Für die Außendarstellung sind Probleme bei dem Vorzeigeprojekt schlecht. Daher kündigte sie an, dass sich Vertreter der DFL und die Geschäftsführung von Hawkeye Anfang der Woche zu einem Gespräch in Frankfurt treffen wollen. „Dabei sollen die Hintergründe der technischen Schwierigkeiten schonungslos offengelegt und die Konsequenzen für das weitere Vorgehen besprochen werden“, heißt es.

War das abzusehen? Jein. Dass es beim Einsatz des Videobeweises gerade zu Beginn Diskussionen geben wird, davon konnte man ausgehen. Dass die Technik streikt, ist eher überraschend – denn schon in der vergangenen Saison wurde sie mehrfach getestet. Zudem, so betont die DFL, sei die „umfassende Vorbereitungsphase“ nach der Premiere beim Supercup am 5. August „noch einmal intensiviert worden.“ Dass es allerdings schwierig ist, diese Linien genau zu ziehen, war bekannt. Die Linien, die im TV gezogen werden, sind meist verzerrt, die Ansprüche an die Technik daher besonders hoch.

Gab es noch andere Schwierigkeiten? Grobe Fehlentscheidungen gab es keine – aber Szenen, über die diskutiert werden kann. Die erste gleich zum Auftakt: Leverkusens Karim Bellarabi rauschte im Eröffnungsspiel in Bayerns Joshua Kimmich hinein. Schiedsrichter Tobias Stieler gab weder Gelb noch Rot. Videoassistent Jochen Drees griff nicht ein. Wieso? Aufgeklärt wurde das bisher nicht. Möglich, dass für Drees das Foul gelbwürdig war. Der Videoschiedsrichter soll sich aber nur bei klaren Entscheidungen für Rot einmischen. Ob das hier der Fall war, liegt im Auge des Betrachters. Hellmut Krug, Chef-Instruktor der Schiedsrichter und Projektleiter Video beim DFB, sprach bei Sky90 von einem Foul am Rande des Platzverweises, aber nicht von einer glasklaren roten Karte. Daher habe es auch keine Intervention des Videoassistent gegeben.

Genau dieses Problem führte zu einem weiteren Grenzfall. Denn während am Freitagabend zu Recht ein Elfmeter an Robert Lewandowski nach Videobeweis gegeben wurde, wurde beim 0:1 der Mainzer gegen Hannover 96 eine ähnliche Szene nicht geahndet. Das Foul an Yoshinori Muto wurde nicht einmal überprüft. Ob eine Szene eindeutig ist oder nicht, liegt also weiterhin offenbar im Auge des Betrachters. Schiedsrichter Manuel Gräfe sagte dazu im Tagesspiegel: „Es werde zu vielen Szenen kommen, die für den einen klar falsch sind und für andere noch im Grenzbereich liegen. Jeder Schiedsrichter hat seine Sicht.“

Lief auch was gut? Ja. Wie schon erwähnt, wurde das Reißen an Lewandowskis Schulter im Spiel der Bayern gegen Leverkusen zu Recht mit einem Elfmeterpfiff bestraft. Schiedsrichter Stieler selbst betonte: „Vom Gefühl her war da was. Aber ein Elfmeter muss für mich hundertprozentig sein.“ 36 Sekunden nur dauerte die Rücksprache mit dem Videoschiedsrichter, die zur richtigen Entscheidung führte. Der Einstand war also geglückt. Den Freiburgern wurde nachträglich ein Abseitstor beim 0:0 gegen Frankfurt aberkannt. Auch das war richtig.

Woran muss nun gearbeitet werden? Vor allem an der Technik. Läuft diese nicht sauber, bringt der ganze Ansatz nichts. Beim Spiel Hoffenheim gegen Bremen hätte das beinahe fatale Folgen gehabt. Dort schoss Werders Florian Kainz am leeren Tor vorbei. Es wäre Abseits gewesen, und die Technik war ausgefallen. Hätte er getroffen, wäre das Tor vielleicht gegeben worden. In einem anderen Spiel mit Videoassistent hätte ein Abseitstor zurecht nicht gezählt. Da kann man durchaus von Wettbewerbsverzerrung sprechen.

Gibt es sonst noch Unklarheiten? Ja. Einmal geht es da um die Frage, wer wann eingreift. Beim Spiel des VfB Stuttgart in Berlin etwa entschied Schiedsrichter Sascha Stegemann auf Freistoß für den Aufsteiger knapp vor der Strafraumgrenze. Hat er das selbst entschieden, oder hat der Videoschiedsrichter eigenmächtig eingegriffen? Wenn ja, durfte er das? Denn Stegemann hatte keinen Elfmeter gepfiffen. Das wäre aber Voraussetzung gewesen, denn nur bei Fehlentscheidungen soll sich der Mann am Bildschirm einschalten, oder wenn er gerufen wird. Ex-Schiedsrichter Krug erklärte bei Sky90, dass es den nachträglichen Freistoß nicht hätte geben dürfen.

Auch nicht ganz klar ist die Frage, ob der Zuschauer künftig per Einspieler auf dem Bildschirm von der Entscheidung informiert wird. Beim Supercup etwa sorgte es für Unmut bei den Fans, dass sie nicht wussten, wieso etwas wie entschieden wurde. Ob sich das noch ändert? Vorerst ist es nicht geplant. Auch, weil die Technik dafür noch nicht problemlos funktioniere, wie es heißt. Manchmal ist es eben besser zu warten, bis etwas einwandfrei läuft. (Mit dpa und sid)


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