Von Hannover über Osnabrück nach London Spielerberater von Mesut Özil über Honorare und Transfersummen


Osnabrück. Am Wochenende startet die Bundesliga in die 55. Saison. In der aktuellen Transferphase wurden erneut Transferrekorde geknackt. Dr. Erkut Söğüt ist lizenzierter Spielerberater. Im Interview gewährt er einen Einblick in das Milliardengeschäft Fußball und spricht über Beraterhonorare und galaktische Transfersummen.

Herr Söğüt, in der aktuellen Transferphase sorgte unter anderem der Wechsel von Anthony Modeste für Aufsehen. Laut Medienberichten drohte der Rekordtransfer für den 1. FC Köln zu scheitern, weil die Berater des Stürmers eine zu hohe Provision verlangten. Sind Berater in manchen Fällen zu gierig?

Das ist etwas schwierig zu beurteilen. Es gibt keinen festen Prozentsatz, aber in der Regel liegt der zwischen fünf und zehn Prozent. Das ist vereinsabhängig und natürlich Verhandlungssache. Der Prozentsatz wird an dem Bruttogehalt berechnet. Wird zum Beispiel ein Dreijahresvertrag abgeschlossen mit einem Jahresgehalt von einer Million Euro, also drei Millionen Euro in drei Jahren, erhält der Spielerberater, bei einer ausgemachten Provision von zehn Prozent, 300.000 Euro – das ist die normale Regel. Das bezahlt der Verein im Namen des Spielers on top.

Mittlerweile verdienen die Spielerberater zusätzlich an der Transfersumme, und zwar dann, wenn der Berater sich einen Teil der Transferrechte vertraglich gesichert hat. Ein Beispiel: Ein Verein kommt auf mich zu und möchte Spieler xy verpflichten. Ich habe für den Spieler allerdings mehrere Angebote. Der Verein bietet mir 20 Prozent der Transfereinnahmen bei einem möglichen Weiterverkauf, dann gebe ich den Spieler an den Verein ab.

Ist das ein Geschäftsmodell, das höhere Einnahmen für Berater erlaubt, oder verlangen die Berater mehr Geld, weil sie sehen, welche Summen fließen?

Ich glaube, die Summen im Fußball sind generell sehr hoch, und parallel zu den steigenden Gehältern steigen die Beraterhonorare. Das hat sich so entwickelt. Die Ablösesumme für zum Beispiel Neymar, der für 220 Millionen Euro von Barcelona nach Paris St. Germain gewechselt ist, ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Das Fußballgeschäft generell wächst immer weiter. Das ist ein Milliardengeschäft.

Zynisch gesagt: Die Entwicklung ist für Sie dann ja von Vorteil.

Wenn Sie auf die Frage hinauswollen: Verdienen Spielerberater zu viel Geld? Ja, kann man sagen für die Leute, die nichts machen, aber so viel Geld verdienen. Auf der anderen Seite gibt es Berater, die 24 Stunden für ihre Spieler arbeiten. Die verdienen dieses Geld. Man kann unterscheiden zwischen einem Agenten und einem Manager. Ein Agent schließt einen Transfer ab, bekommt seine Provision und hat seinen Job erledigt. Als Manager kümmerst du dich rund um die Uhr um den Spieler.

Sie selbst kommen aus einfachen Verhältnissen. Wie schafft man es aus einer Arbeiterfamilie in Hannover zum Spielerberater von Mesut Özil?

Während meines Aufbaustudiums in Istanbul habe ich bereits Interessenten auf die türkische Prüfung zum Spielerberater vorbereitet, die Prüfung gibt es heute allerdings nicht mehr. Aber mit der Arbeit habe ich mir einen Namen in der dortigen Fußballcommunity gemacht.

Ende 2012 ist die Özil Marketing-Firma auf mich aufmerksam geworden und hat mich nach Düsseldorf eingeladen. Anfangs habe ich die Mitarbeiter in Spielerberatung geschult. Am Ende bot mir die Familie an, als Anwalt für Mesut und die Marketing-Agentur zu arbeiten. Nachdem ich Mesut in Madrid getroffen habe, hat er sein Einverständnis gegeben. Seit dem arbeite ich als Jurist für die Firma. Neben Mesut beraten wir auch andere Spieler. So bin ich in die Arbeit des Spielerberaters reingerutscht.

Welche Spieler beraten Sie noch?

Es gibt einen kleinen Kreis von Spielern, die ich eng berate. Das sind Mesut Özil, Shkodran Mustafi, und dann gibt es noch fünf, sechs weitere Spieler. Bei all diesen Spielern stehe ich 24 Stunden zur Verfügung, was immer die brauchen. Ich achte darauf, dass ich wenig Spieler habe, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann. Den Shkodran habe ich auch 2016 in engem Austausch mit seinem Vater Kujtim, der sein Berater ist, von Valencia nach London zu Arsenal geholt.

Wie kann man sich als Laie so einen Wechsel vorstellen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei Shkodran bin ich auf den Verein zugegangen und habe gesagt, dieser Spieler könnte den Verein weiterbringen. Ich habe einen sehr guten Draht zu Arsenals Trainer Arsene Wenger und kann mit ihm über den Verkauf oder Kauf von Spielern reden. Der Trainer macht sich dann Gedanken. Findet er den Spieler interessant, gehe ich auf die Familie oder den Berater zu, und man steckt den Rahmen des Gehalts ab. Sind sich Spieler und Verein einig, kommt die nächste Stufe: Dann müssen sich die Vereine einigen. Das bedeutet, dass ich neben den Spielern auch den Verein berate, zum Teil sogar mehr als die Spieler.

Also umschreibt der Begriff „Spielerberater“ Ihre Aufgaben nicht gänzlich?

Genau. Hier in England sagt man dazu „deal broker“ (Anm. der Red.: Zwischenhändler oder Vermittler). Kürzlich hat ein Verein in London einen Partner für das Namensrecht am Stadion gesucht. Ich kenne den Inhaber des Vereins, ich kenne mögliche Geschäftsmänner in verschiedenen Ländern. In dem Fall bin ich nach Istanbul geflogen, um mit einem möglichen Interessenten darüber zu verhandeln. Ich bringe die beiden Parteien zusammen, bekomme meine Provision und bin raus.

Welche Aufgaben übernehmen Sie für Ihre Spieler?

Bei den Spielern, die ich eng berate, kümmere ich mich um die Finanzen, um die Gesundheit, um die Wohnung, um Gespräche, um nahezu alles. Ich habe zuletzt zum Beispiel mit einem Ernährungsberater gesprochen. Oder ein Spieler möchte seine Einnahmen in Immobilien investieren, das bereite ich vor, setze die Verträge auf. Ich reise nach Japan, um japanische Konzerne zu besuchen, weil der Markt für Fußballer in Japan lukrativ sein kann. Man investiert schon sehr viel Zeit.

Gibt es Spieler, die beratungsresistent sind?

Es gibt jede Art von Spieler. Ich sage immer, Spieler zu beraten ist wie eine Gehirnoperation, jede Operation ist anders. Ich mache das jetzt seit knapp sechs Jahren hauptberuflich, und jeder Tag in meinem Leben ist anders. Es kann sein, dass ich morgen einen Anruf bekomme und nach Madrid muss oder nach New York, man muss sehr flexibel sein.

An dieser Stelle bittet Söğüt mich, das Telefonat kurz zu unterbrechen. Der Vater von Shkodran Mustafi hat ihn während unseres Gesprächs mehrfach versucht zu erreichen. Er würde ihn gerne zurückrufen. Nach etwa fünf Minuten setzen wir das Telefonat fort.

Was muss ein Spieler mitbringen, damit Sie sich für eine Zusammenarbeit entscheiden?

Geduld, das ist einer der wichtigsten Faktoren. Viele Spieler sind ungeduldig und haben keine Zeit, die Entwicklung abzuwarten. Manche reagieren zum Beispiel so: „Mein Mitspieler hat bereits einen Profivertrag erhalten, ich aber noch nicht. Das muss an meinem Berater liegen.“ Da habe ich keine Lust auf eine Zusammenarbeit. Wenn die Leistung nicht stimmt, kann man noch so einen guten Berater haben, dann bekommt man keinen Profivertrag.

Haben Sie einen Spieler schon mal nicht bekommen?

Eine Anekdote, die ich nie vergessen werde: Ich wollte einen U-19-Spieler unter Vertrag nehmen, habe die Eltern getroffen und war mit dem Spieler einig. Fünf Tage später hat der Vater mich angerufen und gemeint: Erkut, mein Sohn wird keinen Profivertrag bekommen, wenn er nicht mit dem Spielerberater kommt, den uns der Sportdirektor des Vereins empfohlen hat. Genauso ist es gekommen. Der Sohn wurde bei dem Spielerberater unter Vertrag genommen und hat einen Profivertrag bei dem Verein bekommen. Es gibt weltweit Vereine, die seit Jahren eng mit Spielerberatern arbeiten, da bekommt man keinen Fuß dazwischen.

Wenn man aus einfachen Verhältnissen kommt und mittlerweile mit Fußballstars arbeitet und durch die Welt jettet, kann man das eigentlich noch fassen?

Im Türkischen gibt es ein Sprichwort, das so viel bedeutet wie „Du darfst niemals sagen, wer du bist, du musst immer sagen, wer du sein willst.“ Das hat sich bei mir nie verändert. Es gab in meinem Leben keinen Moment, in dem ich gesagt habe, ich habe es geschafft oder ich bin angekommen. Das liegt vielleicht an meinen Wurzeln, weil ich immer hart für alles kämpfen musste, damit habe ich nie aufgehört. Ich setze mir immer neue Ziele. Mein nächstes Ziel ist, an der Universität mit Studenten zusammen zu arbeiten und Spielerberater auszubilden. Irgendwann möchte ich an einer Universität in Amerika meine Professur machen, um Sportrecht und Sportmanagement zu unterrichten und Spielerberater auszubilden. Spielerberater zu sein, war nie mein primäres Ziel.

Haben Sie eine besondere Erinnerung an Osnabrück?

Besondere Erinnerungen und einen besonderen Bezug. Am ersten Abend meiner Ankunft in Osnabrück landete ich im Dönerimbiss Ali Baba in der Innenstadt. Im Gespräch mit dem Betreiber stellte sich heraus, dass er (Anm. d. Red. Ali Metin) und meine Eltern aus derselben Stadt in der Türkei stammen. Das war für mich klasse, eine Person in Osnabrück zu haben, die gleiche Wurzeln wie meine Eltern hat. Es entwickelte sich ein vertrautes Verhältnis. Ich habe angefangen, bei Ali auszuhelfen. Das ging aber total in die Hose. Einmal habe ich die Pommes anbrennen lassen, und der ganze Laden war voller Rauch. Ali wurde schnell klar, das wird nichts mit mir (lacht). Wenn ich es nach Osnabrück schaffe, dann nur um Ali zu sehen, zu ihm pflege ich nach wie vor regelmäßigen Kontakt. Er ist eine sehr wichtige Person in meinem Leben, er hat mich immer unterstützt und ist so etwas wie mein zweiter Vater geworden.

Generell haben mich die Zeit und das Studium in Osnabrück sehr geprägt, ich habe dort viel gelernt und mich sehr stark weiterentwickelt.

Haben Sie einen Bezug zum VfL Osnabrück?

Nein, da habe ich keinen Bezug entwickelt. Ich war während meiner Zeit in Osnabrück einmal im Stadion, viel ist davon nicht hängengeblieben. Generell verfolge ich das Geschehen von Hannover 96 und vom VfL Osnabrück schon. Osnabrück gehört für mich mindestens in die 2. Liga, mindestens. Die Stadt und der Verein hätten es verdient.

Einen Spieler aus Osnabrück haben Sie für den FC Arsenal aber noch nicht im Blick?

Nein (lacht). Aber man weiß nie, wo die Talente herkommen. Wir hatten kürzlich bei Arsenal noch einen Spieler aus der deutschen Oberliga im Training. Ein super Talent, 20 Jahre alt. Er hat in der U23 mittrainiert. Der Verein hat sich dann gegen ihn entschieden, jetzt spielt er in der Reserve U21 vom VfL Wolfsburg.

Herr Söğüt, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Dr. Erkut Söğüt ist 1980 als Sohn türkischer Einwanderer in Hannover geboren. Sein Vater arbeitete 30 Jahre in Hannover in einer Fabrik, seine Mutter war Putzfrau.

Nach dem Abitur absolviert er seinen Zivildienst und beginnt 2001 ein Jurastudium in Osnabrück. Das Studium finanziert er mit Bafög und verschiedenen Aushilfsjobs. 2006 macht er das erste Staatsexamen in Osnabrück, 2009 das zweite Staatsexamen in Düsseldorf. Anschließend promoviert er in Osnabrück und schreibt seine Doktorarbeit in Sportrecht über „Die Überprüfbarkeit von Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters“ bei Prof. Dr. Wulf Eckart Voß.

Während seiner Promotion erlangt Söğüt verschiedene Masterabschlüsse im Wirtschaftsrecht, unter anderem in Bochum, Istanbul und London. Darüber hinaus verfügt er über die Spielerberaterlizenz des Deutschen Fußballbundes (DFB), des Weltbasketballverbandes (FIBA) und der Deutschen Eishockeyliga (DEL).

Söğüt lebt mittlerweile in London. Er arbeitet unter anderem als lizenzierter Spielerberater und Rechtsanwalt für die Fußballnationalspieler Mesut Özil und Shkodran Mustafi. Er berät Fußballvereine und Unternehmerfamilien. Laut eigener Aussage ist er spezialisiert in der Ausbildung von Spielerberatern. Aktuell schreibt er an dem Buch „How to become a football agent“. Ab Oktober unterrichtet er an der Wembley University in London.

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