Fußballmatch heute vor 75 Jahren Was steckt hinter dem Mythos vom „Todesspiel“ in Kiew?

Übersicht über das Stadion „Start“, in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Im Stadion „Start“ (ehemals Zenith-Stadion) fand am 9. August 1942 ein Fußballspiel zwischen ukrainischen Zwangsarbeitern und einer Auswahl deutscher Wehrmachtssoldaten statt, welches als „Todesspiel“ in die Geschichte einging. Foto: Thomas Eisenhuth dpaÜbersicht über das Stadion „Start“, in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Im Stadion „Start“ (ehemals Zenith-Stadion) fand am 9. August 1942 ein Fußballspiel zwischen ukrainischen Zwangsarbeitern und einer Auswahl deutscher Wehrmachtssoldaten statt, welches als „Todesspiel“ in die Geschichte einging. Foto: Thomas Eisenhuth dpa

kna Kiew/Bonn. Mitten im Zweiten Weltkrieg: Die Deutschen halten die Ukraine besetzt, verbreiten Angst und Schrecken. Ein Fußballspiel zwischen beiden Seiten konnte da eigentlich nur in Mord und Totschlag enden – oder?

Ein einziges Foto existiert von jenem Fußballmatch, das in der Ukraine nach den Worten von Filmwissenschaftler Jan Tilman Schwab einen ähnlichen Rang hat, wie der WM-Titel für Deutschland beim „Wunder von Bern“ 1954.

Das Bild zeigt die beiden Teams, die vor 75 Jahren, am 9. August 1942, im Zenit-Stadion in Kiew das sogenannte „Todesspiel“ bestritten. Auf dem Platz standen sich die ukrainische Mannschaft „Start“ und eine deutsche „Flak-Elf“ gegenüber. Die Ukrainer konnten die lange offene Begegnung vor 2.000 Zuschauern schließlich mit 5:3 für sich entscheiden.

Gegner aus Zorn über Niederlage erschossen?

Soweit die Fakten. Nun zum Mythos: Kurz nach Abpfiff sollen die Deutschen aus Zorn über die Niederlage die gegnerischen Spieler erschossen haben. Bereits während des Spiels habe ein deutscher Offizier in der „Start“-Kabine eine entsprechende Drohung ausgesprochen, lautet die Legende. Die heldenhaften ukrainischen Spieler hätten sich davon jedoch nicht beeindrucken lassen.

Diese Erzählung passte allzu gut zur Brutalität des Krieges - und vor allem zu jener der deutschen Besatzer, die am 19. September 1941 in Kiew einmarschiert waren und kurz darauf beim Massaker von Babi Jar mehr als 33.000 Menschen, die Mehrheit davon Juden, getötet hatten.

Trotzdem: Die Ausgangslage beim „Todesspiel“ war komplizierter. Die unter anderen von ukrainischen Historikern in den vergangenen Jahren ausgewerteten Quellen zeichnen ein differenzierteres Bild der Ereignisse. Und das, obwohl die Nachspielzeit der Legende bis heute andauert.

Normalität in der besetzten Stadt simulieren

Mit dem Fußball, so halten Maryna und Oleksandr Krugliak fest, wollten die Deutschen so etwas wie Normalität in der besetzten Stadt simulieren. „Die Veranstaltungen waren von Konzerten und Tanzveranstaltungen begleitet, so dass nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die Einheimischen Unterhaltung und Zeitvertreib geboten werden konnte.“

Das Publikum nahm solche Auszeiten vom Krieg offenbar gerne an. Schon ein erstes Spiel zwischen „Start“ und „Flak-Elf“ lockte die Zuschauer in Scharen. Die Stimmung war laut Darstellung der beiden ukrainischen Forscher aufgeheizt. Einige Fans wurden verhaftet.

Es mögen diese Umstände gewesen sein, die zum Entstehen des „Todesspiel“-Mythos beitrugen. Hinzu kam, dass erwiesenermaßen vier „Start“-Spieler tatsächlich später in den Fängen der Deutschen starben: Drei wurden im Konzentrationslager Syretsky erschossen, einer starb beim Verhör durch die Gestapo mutmaßlich an den Folgen von Folter.

Fußballer im Verdacht, Untergrundkämpfer zu sein

Doch all das geschah deutlich nach dem Spiel - und ohne einen direkten Zusammenhang damit. Die vier Fußballer standen vielmehr im Verdacht, Untergrundkämpfer zu sein. Doch die Legendenbildung setzte offenbar noch während des Krieges ein; der Begriff „Todesspiel“ tauchte erstmals 1946 in einem Fortsetzungsroman der Jugendzeitschrift „Stalinscher Nachwuchs“ auf.

Es folgten weitere Bücher, aber auch Filme. Zum Beispiel 1961 „Zwei Halbzeiten in der Hölle“. Der ungarische Regisseur Zoltan Fabri verlegte die Handlung seines als Parabel angelegten Streifens in ein Straflager für ungarische Gefangene. Auch Hollywood wollte sich den Stoff nicht entgehen lassen. 1981 kam John Hustons „Flucht oder Sieg“ in die Kinos.

Der Starregisseur ließ in seinem Film eine Mannschaft der Wehrmacht gegen eine Auswahl von Kriegsgefangenen in Paris antreten. Um ein möglichst realistisches Bild von den Zuschauermassen zu vermitteln, verpflichtete Huston 30.000 Statisten - und für die Szenen auf dem Platz sogar Starkicker vom Schlage eines Pele und Bobby Moore.

Aufwand und Ertrag standen nach dem Urteil von Filmwissenschaftler Schwab in eher ungünstigem Verhältnis, was unter anderem am fußballspielenden Zugpferd Sylvester Stallone lag: „Stallone als Torwart war an Peinlichkeit kaum zu überbieten.“

Ein vorerst letztes Kapitel öffnete die russische Produktion „Das Spiel“ von 2012. Indem er die Helden russisch sprechen lässt und die mit den Deutschen kollaborierenden Charaktere ukrainisch, diskreditiere der Film die Bestrebungen der Ukraine nach Autonomie von Russland, so Schwab - just zu dem Zeitpunkt als die Ukraine engere Bande zur EU knüpfte. Der Mythos vom „Todesspiel“ erwies sich einmal mehr als quicklebendig.