Zwischen NBA und Quakenbrück Isaiah Hartenstein: Am Ende ist es einfach nur Basketball

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Quakenbrück. Ein aufregender Sommer liegt hinter Isaiah Hartenstein. Das Basketballtalent aus Quakenbrück wurde im NBA Draft von den Houston Rockets ausgewählt. Im interview spricht er über die beste Liga der Welt, ein Treffen mit James Harden und Tätowierungen.

Herr Hartenstein, nach fast einem Jahr haben Sie mal wieder Zeit in Quakenbrück verbracht. Ist es ein gutes Gefühl, den Urlaub bei und mit der Familie zu verbringen?

Auf jeden Fall. Mit der Familie zusammen zu sein ist für mich das Wichtigste. Aber auch wenn ich hier in der Halle bei den Artland Dragons bin, kommen alte Gefühle wieder auf. Es ist für mich etwas Besonderes, die ganzen Leute wiederzusehen, mit denen ich aufgewachsen bin. Es war für mich natürlich eine kurze Umgewöhnung auf die kleine Stadt, aber das ist auch wieder schön, dass ich meine Ruhe habe und einfach wieder zu Hause bin.

Mussten Sie denn im Haushalt gleich wieder mithelfen, oder durften Sie einfach mal die Beine ausstrecken und wurden verwöhnt?

Ich glaube, dass ich vorher auch schon verwöhnt wurde und für meine Mutter nicht so viel machen musste. Allgemein konnte ich mich jetzt aber hier einfach ausruhen. Ein Jahr musste ich alles für mich alleine machen, und jetzt konnte ich mal ein paar Wochen meine Füße hochlegen und mich verwöhnen lassen.

Sie haben in diesem vergangenen Jahr auch sportlich eine Menge erlebt. Mit Zalgiris Kaunas sind Sie Meister und Pokalsieger in Litauen geworden. Wie lief die Saison dort für Sie persönlich?

Es gab Höhe- und Tiefpunkte, aber insgesamt habe ich viel daraus gelernt. Es war meine erste Saison, in der ich von allen weg war und komplett auf mich gestellt war. Klar hätte ich es mir insgesamt etwas bessergewünscht, aber es war okay. In der Liga habe ich meine Minuten bekommen, undes wurde zum Ende auchimmer mehr. In der Euroleague war es auch nach meiner Verletzung zu Beginn etwas schwierig. Natürlich hätte ich da gerne mehr gespielt, aber das war dann eine Entscheidung des Trainers.

Mit Sarunas Jasikevicius haben Sie als Coach in Kaunas einen der besten europäischen Spieler aller Zeiten.

Besonders im mentalen Bereich hat er mich sehr weit nach vorne gebracht und mir die kleinen Dinge im Spiel gezeigt. Allein deswegen kann ich schon eine Menge von ihm mitnehmen.

Im April waren Sie in Portland in den USA beim Nike Hoop Summit, mit Kaunas waren Sie die ganze Saison ebenfalls in ganz Europa unterwegs. Wird das irgendwann für Sie als jungen Spieler nicht etwas viel, oder wissen Sie immer, wo sie gerade sind?

Man gewöhnt sich dran, und am Ende ist es einfach immer nur Basketball. Die Körbe sind gleich, der Ball ist gleich. Am Ende spielt man einfach immer nur Basketball, egal ob in einer Kleinstadt wie Quakenbrück oder in New York. Man muss sich immer beweisen, und es kommt drauf an, was auf dem Feld passiert und nicht daneben.

Am 22. Juni dieses Jahres waren Sie dann beim NBA Draft in New York dabei und wurden an 43. Stelle von den Houston Rockets ausgewählt. Was geht einem in diesem Moment durch den Kopf?

Es war allgemein eine gute Erfahrung, aber ich bin schon mit anderen Erwartungen reingegangen. Dann wird man nervöser, wenn es immer weiter runtergeht. Beim Medizincheck, den alle Spieler vorher machen, wurden die Rückenprobleme, die ich hatte, erkannt, und so haben einige Teams davor zurückgeschreckt, mich weiter vorne zu wählen. Ich musste dann damit leben, und die Mannschaft, die mich jetzt genommen hat, hatte eben keine Angst davor. Am Ende werde ich dann eben den anderen, die mich nicht gedraftet haben, beweisen, dass es ein Fehler war. Es ist ja letztendlich auch einfach nur eine Nummer.

Weiterlesen: Tür zur NBA steht für Quakenbrücker Basketballer offen

Einen Tag nach dem Draft ging es für Sie direkt nach Houston. Was haben Sie dort in den ersten Tagen erlebt?

Ich habe mit den Leuten vom Club gesprochen und alle kennengelernt. Dann gab es eine Interviewrunde mit den Medien aus Houston und danach habe ich eigentlich direkt schon angefangen zu trainieren.

Die Rockets haben kurz danach mit Chris Paul von den Los Angeles Clippers einen weiteren Superstar verpflichtet und waren auch sonst sehr aktiv auf dem Personalmarkt. Wie haben Sie das vor Ort alles miterlebt?

Sie haben ja insgesamt acht Spieler geholt, die dann beim Training waren, aber zum Großteil nicht lange geblieben sind. Es war das erste Mal, dass ich direkt mitbekommen habe, dass in der NBA alles passieren kann. Einen Tag kann man auf Wolke sieben sein und die Mannschaft lieben, und am nächsten Tag sieht man auf Twitter, dass man getradet worden ist. Es war für mich schon ein kleiner Schock, Klar weiß man, dass es so läuft, aber wenn man direkt dabei ist und die Reaktion der Leute sieht, ist es schon etwas anderes.

Dadurch, dass sie erst in der zweiten Runde des Drafts gewählt wurden, haben Sie noch keinen Vertrag in Houston. Belastet einen solch eine Situation?

Am Anfang schon, aber ich weiß, dass ich gut genug bin und es irgendwann in die Liga schaffe und dann denkt man nicht so daran.

Jetzt im Juli haben Sie für die Rockets in der Summer League gespielt. Sicherlich auch eine interessante Erfahrung.

Dort wird natürlich etwas anders gespielt. Jeder spielt eher für sich selbst, um sich für einen Vertrag zu empfehlen. Als Europäer muss man sich ohnehin daran gewöhnen, dass es mehr aufs Tempo geht, aber das wurde auch von Spiel zu Spiel besser.

War es von der Qualität auf dem Feld in der Summer League ein großer Unterschied zum europäischen Basketball?

Ich glaube, dass es in Kaunas oder eben Europa sogar schwerer war. Die Summer League ist aber natürlich nicht mit der NBA oder der Euroleague zu vergleichen.

An dieser Stelle schaltet sich Vater Florian Hartenstein ins Gespräch ein und betont, dass der größte Unterschied in der Schnelligkeit liegt. Während es in der Summer League mehr um Athletik und Tempo ankommt, wird in Europa mehr auf die Technik geachtet.

Sie waren in der Summer League in jedem Spiel für die Rockets dabei und bekamen dabei mal mehr, mal weniger Spielzeit. Auf die Zahlen kommt es dabei aber gar nicht so an oder?

Für die Trainer sind sie nicht das wichtigste. Für Mike D´Antoni (Headcoach Houston Rockets, Anm. d. Red.) ist die Summer League nicht so bedeutend. Klar guckt er ein bisschen, aber er hat sich in diesem Sommer ein Superteam zusammengestellt und so war es für ihn etwas mehr wie Urlaub.

Hartenstein in der Summer League – 11 Minuten, 11 Punkte

Neben Coach Mike D’Antoni hatten Sie ja auch Kontakt zu den Rockets-Superstars James Harden und Neuzugang Chris Paul. Wie kam es dazu?

Wir hatten zwischen den Spielen einen freien Tag, und da haben einige Spieler aus unserem Summer-League-Kader gegen die Starting Five der Rockets gespielt. Wir haben die ersten drei Viertel gewonnen und dann eben so lange gespielt, bis sie gewonnen haben (lacht). Am Anfang ist es natürlich schon ein kleiner Schock, diese Superstars direkt zu sehen, aber am Ende ist auch das einfach nur wieder Basketball, und sie sind auch nur Menschen. Vorher habe ich sie nur im Videospiel oder im Fernsehen gesehen, und dann ist es erst natürlich etwas anders. Wenn man dann aber spielt, merkt man, dass der Unterschied nicht so riesig ist. Natürlich haben sie ihre Punkte gemacht, aber manchmal habe ich sie auch gestoppt.

Haben Sie auch außerhalb des Feldes Kontakt gehabt, oder sind die Stars nur zum Training in die Halle gekommen?

Das war unser freier Tag, und wir sollten dann gegen sie spielen, weil James Harden trainieren wollte. Sie haben danach auch weiter trainiert, aber der Coach wollte uns auch im Spiel gegen sie sehen.

Mit D’Antoni haben Sie sicher einige Male gesprochen. Was haben Sie einen Eindruck vom Trainer?

Richtig gut. Er hat mit dem Sieben-Sekunden-Angriff einen besonderen Spielstil bei ihnen reingebracht. Natürlich muss man sich dran gewöhnen, in nur sieben Sekunden abzuschließen, aber insgesamt ist es natürlich sehr gut, was er mit dieser Mannschaft gemacht hat, und als Mensch ist er auch sehr sympathisch.

Was hat er einen Eindruck von Ihnen gewonnen?

Er mag mich auf jeden Fall. Besonders, dass ich in meinem Alter schon so hart und physisch spiele, und er sieht, dass ich viel Talent habe. Ich habe mit vielen von den Rockets gesprochen, und sie haben mir alle gesagt, dass sie etwas geschockt waren, dass ich im Draft noch verfügbar war, sich aber natürlich sehr darüber gefreut haben. Allgemein sind sie wohl sehr glücklich, dass ich da bin, und sie sehen wohl sehr viel in mir.

Haben die Rockets denn schon irgendwas anklingen lassen, wie es weitergeht? Im Rahmen eines weiteren Trades könnten Sie theoretisch ja auch noch woanders landen.

Ich habe mit ihnen gesprochen, aber in der NBA weiß man nie. Auch wenn sie sagen, dass sie mich nicht traden: Wenn das Angebot so gut ist und der letzte Baustein dafür ein Zweitrundenpick ist, dann machen sie das natürlich.

Dazu Vater Florian Hartenstein: Wir sind in einer glücklichen Position, dass wir jetzt schauen können, was das Beste für Isaiah ist. Ob er jetzt in den USA spielt oder noch einmal in Litauen oder in Deutschland, müssen wir jetzt herausfinden. Isaiah hat im letzten Jahr gerade im mentalen Bereich sehr viel gelernt in Kaunas und jetzt müssen wir dahin kommen, dass er sich technisch und körperlich am besten an den NBA-Stil gewöhnt.

Wie realistisch ist die NBA für Sie schon in der nächsten Saison?

Da muss man sehen, was der General Manager der Rockets vorhat, das lässt sich aktuell schwer sagen.

Sollte es in diesem Jahr nicht klappen: Wie sicher sind Sie sich, dass Sie eines Tages in der NBA spielen werden?

120 Prozent. Seit ich klein bin, träume ich davon und arbeite dafür.

Aber ist es nicht auch schwierig, wenn man sich etwas in der Schwebe befindet und noch nicht weiß, wie es weitergeht?

Klar ist es etwas schwierig, aber damit muss man leben. Ich muss Basketball spielen und mich beweisen und dann kommt es auch.

Sollte Deutschland für Sie eine Option werden, kommen für Sie ja wahrscheinlich nicht so viele Vereine in Frage...

Wenn ich nach Deutschland gehen sollte, wird es schon ein Verein, der auch europäisch spielt. Bayern München, Ratiopharm Ulm und Alba Berlin haben jedenfalls Interesse gezeigt.

Nach der kurzen Pause in der Heimat geht es für Sie jetzt erst einnal ins Trainingslager der Nationalmannschaft in Vorbereitung auf die Europameisterschaft im September. Reizt Sie das sehr?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe in der Vorbereitung auf den Draft auch mit den Brooklyn Nets trainiert, wo Bundestrainer Chris Fleming ja Co-Trainer ist. Allgemein ist es außerdem immer eine Ehre für sein Land zu spielen. Bei der U19 konnte ich wegen des Drafts nicht spielen, aber die EM mit Leuten wie Dennis Schröder und den anderen Jungs ist schon reizvoll. Ich liebe es zu lernen und das kann ich da bestimmt gut.

Andere Frage: Sie haben bereits jetzt ein relativ großes Tattoo auf dem Unterarm. Wird es dabei bleiben, und welche Bedeutung hat der Spruch „Make every Day your own Masterpiece“ für Sie?

Wahrscheinlich nicht, aber ich werde jetzt wohl erst einmal ein paar Jahre mit dem nächsten warten. Man soll keinen Tag bereuen, denn man lebt nur einmal. Das gilt für mich beim Basketball, aber auch außerhalb des Sports, dass man im Leben alles respektiert und immer man selbst ist und nicht vergisst, wo man herkommt. Klar habe ich jetzt noch nichts erreicht, aber es kommen immer mehr Leute, die dabei sein wollen. Für mich war es immer wichtig, dass ich den Kreis um mich herum klein halte.

Ein wichtiger Teil dabei ist Ihr Vater Florian, der im Sommer auch überall dabei war. Welche Bedeutung hat er für Sie und Ihre Karriere?

Eine sehr wichtige natürlich. Er war einer der Typen, die immer an mich geglaubt haben. Meine Familie generell war immer dabei, egal ob es gut oder auch mal schlecht lief. Mein Vater hat ja gerade auch sehr viel zu tun und bereitet eigentlich ununterbrochen die Saison mit den Artland Dragons vor. Dass er dann nach New York und überall sonst hinkommt, ist schon etwas Besonderes, auch wenn er parallel die ganze Zeit am Handy war, um seine Mannschaft zusammenzustellen (lacht). Die Draftnacht war für mich nicht das Tollste und eine sehr nervöse Zeit, aber ohne ihn wäre es noch viel schwerer gewesen. Ohne ihn und meine Familie wäre ich glaube ich verrückt geworden. Allgemein ist meine Familie sehr wichtig für mich und je älter man wird, desto mehr weiß man das auch zu schätzen.


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