Frauenfußball-EM in den Niederlanden DFB-Kapitänin Marozsan: Ich will trainieren wie die Männer

Anführerin im deutschen Team: Kapitänin Dzsenifer Marozsan. Foto: dpaAnführerin im deutschen Team: Kapitänin Dzsenifer Marozsan. Foto: dpa

Heidelberg. Am Montag starten die deutsche Fußballerinnen in die Europameisterschaft. Gleich zu Beginn geht es in der niederländischen Stadt Breda gegen Schweden. Kapitänin Dzsenifer Marozsan spricht im Interview über die größten Konkurrentinnen, ihre vielen Tattoos und wieso sie nicht so viel verdienen muss wie ihre männlichen Kollegen, aber die Möglichkeit haben will, wie sie zu trainieren.

Frau Marozsan, alle in Deutschland erwarten von den deutschen Frauen den

Titel bei der EM – Sie auch?

Natürlich ist der Titel unser Ziel. Aber das wird kein Spaziergang. Druck verspüren wir aber nicht, wir lassen nur wenig von außen an uns heran. Es wird immer viel von uns erwartet. Wir haben die EM sechsmal in Folge und achtmal insgesamt gewonnen. Wenn wir es noch mal schaffen, wäre das eine großartige Sache.

Welches sind die größten Konkurrenten?

Frankreich ist Mitfavorit. Spanien spielt auch schönen Fußball. England und Schweden haben ebenfalls gute Chancen auf den Titel.

Sie sind vor der vergangenen Saison ins Ausland gegangen, haben mit Lyon gleich die Französische Meisterschaft und die Champions League gewonnen und sind Frankreichs Fußballerin des Jahres geworden.

Es war unfassbar, ein super Jahr. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich will nicht sagen, dass ich Angst hatte, aber es war schon was anderes, auf einmal 600 Kilometer von der Familie entfernt zu sein, statt 200. Aber ich bereue nichts.

Wie stark war am Anfang der Trennungsschmerz?

Meine Familie hat es mir sehr einfach gemacht und mich anfangs fast alle zwei, drei Wochen besucht. Ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann, sie unterstützt mich immer in allem.

Ihr Vater gilt auch als sportlicher Ratgeber.

Papa ist unendlich stolz. Er weiß genau, was ich kann, er kennt meine Stärken und Schwächen. Viele denken, er wäre mein größter Kritiker. Aber er hat noch nie etwas Schlechtes zu mir gesagt, er sieht immer die positiven Seiten. Und er weiß, dass ich selbst sehr kritisch mit mir bin und weiß, woran ich arbeiten muss.

Wieso haben Sie sich entschieden, nach Frankreich zu gehen?

Ich habe fast zehn Jahre in der Bundesliga gespielt und kannte jeden Baum auf jeder Busfahrt. Es war immer das Gleiche. Ich hatte Sehnsucht nach einer neuen Herausforderung, einer neuen Kultur, nach neuen Spielerinnen um mich herum.

Was hat Sie in dem vergangenen Jahr besonders beeinflusst?

Alles. Man lernt neue Menschen kennen, eine neue Mentalität und eine neue Sprache. Wobei ich ehrlich bin: Ich lerne Französisch und verstehe es auch schon ganz gut, wenn meine Mitspielerinnen es mit mir sprechen. Aber selbst antworte ich noch auf Englisch.

Wie gefällt Ihnen die französische Lebensweise?

Sehr gut. Ich vermisse sie auch ein bisschen. Gleich beim ersten Lehrgang in Deutschland habe ich gespürt, dass hier wieder viel mehr Disziplin herrscht und die Zeiten genau beachtet werden. In Frankreich ist das viel entspannter. Da macht es nichts aus, wenn man mal fünf Minuten später kommt. Und das Wetter ist auch besser.

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Lyon hat sehr professionelle Bedingungen, gibt es in Deutschland aus Ihrer Sicht Vergleichbares?

Meiner Meinung nach nicht. Der Präsident des Clubs steht so sehr hinter dem Frauenfußball, dass kein Unterschied gemacht wird zwischen den Männern und uns. Wir haben ein nagelneues Trainingsgelände, das alle nutzen dürfen.

Und es ist auch eine finanzielle Besserstellung. Verdienen Bundesliga-Spielerinnen immer noch zu wenig, um den Sport professionell ohne zweites Standbein betreiben zu können?

Mir geht es weniger ums Geld, sondern mehr um die Bedingungen. Da zieht in Europa Manchester City jetzt nach, aber der Rest hinkt hinterher. Es wird noch dauern, bis viele Vereine kapieren, dass die Rahmenbedingungen aktuell nicht ausreichen. Ich muss nicht so viel verdienen wie die Männer, aber ich will die Möglichkeit haben, wie sie zu trainieren.

Das können Sie nun auch, weil das Gehalt in Lyon Ihnen die Möglichkeit gibt, sich auf Fußball zu konzentrieren.

Ich will mich nicht beschweren. Ich kann sehr gut für den Moment mit dem, was ich verdiene, leben. Und ich habe eine tolle Familie. Es geht mir blendend.

Und Sie sind in Frankreich ein Star.

Das Land ist total fußballbegeistert. Ich werde dort mehr erkannt als hier. Wenn ich in den Supermarkt gehe, werde ich immer angesprochen. Das ist eine große Ehre und eine schöne Sache.

Steffi Jones hat Sie in der Nationalmannschaft zur Kapitänin ernannt.

Das ist natürlich eine Riesensache. Dieses Vertrauen zu bekommen hat mir einen großen Schub gegeben. Klar muss ich noch vieles lernen. Aber die Mannschaft gibt mir ein gutes Gefühl. Ich habe eine tolle Truppe, die mir alles sehr einfach macht. Und: Ich kann dabei immer ich bleiben. Das ist das Wichtigste.

Anja Mittag hat sie eher als stille Leaderin beschrieben. Die großen Töne sind nicht Ihr Ding.

Die brauche ich auch nicht. Nicht in dieser Mannschaft, weil jede weiß, welches Ziel wir vor Augen haben und mitzieht.

Als Steffi Jones jeder Spielerin eine Comic-Figur zugeordnet hat, haben sie Robin Hood bekommen. Sind Sie eine Rächerin?

Ich glaube, das liegt mehr daran, dass ich so ein großes Herz habe. Mir ist es wichtig, dass jede sich wohlfühlt und wir einen guten Umgang auf und neben dem Platz miteinander haben.

Müssen Sie nie auf den Tisch hauen?

Natürlich würde ich das machen. Wenn ich merke, dass im Training die Spannung nachlässt, muss auch mal was gesagt werden. Aber bisher ist das noch nicht passiert.

Vor dem Spiel halten Sie die Ansprachen an die Spielerinnen. Überlegen Sie vorher, was Sie sagen oder ist das spontan?

Ich habe mir vorher überlegt, wie ich es am besten mache. Da habe ich festgestellt, es muss einfach spontan sein – sonst kommt es nicht ehrlich rüber.

Waren Sie aufgeregt vor der ersten Ansprache?

Ich musste das bei Silvia Neid schon einmal machen als ich noch keine Kapitänin war. Da war ich schon sehr aufgeregt. Das war ich noch sehr jung. Und als kleines Mädchen vor so tollen Spielerinnen zu sprechen, das war schon eine Herausforderung. Heute fällt mir das leichter, die richtigen Worte zu finden, um noch einmal die letzten Prozente aus der Mannschaft herauszukitzeln.

Ihren Arm zieren einige Tattoos. Ist da schon ein Plätzchen für den EM-Titel reserviert?

Ich plane meine Tattoos nicht. Wenn mir spontan etwas einfällt, dann mache ich das. Ich habe mir Erinnerungen an die U-20-WM 2010 und das Champions-League-Finale 2015 stechen lassen. Das waren meine ersten größten Erfolge. Die wollte ich unbedingt verewigt haben. Ob noch welche dazu- kommen? Platz genug ist jedenfalls da.


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