Vor dem Start der Tour de France Radsportexperte Meutgens: Man kann immer noch dopen, ohne aufzufallen

Von Susanne Fetter

Der Verdacht fährt immer mit, wenn am Samstag die Tour de France wieder startet – diesmal in Düsseldorf. Foto: dpaDer Verdacht fährt immer mit, wenn am Samstag die Tour de France wieder startet – diesmal in Düsseldorf. Foto: dpa

Osnabrück. Jahrelang wurde sie als „rollende Apotheke“ bezeichnet. An diesem Samstag startet die Tour de France in Düsseldorf. So sauber wie lange nicht zuvor soll es zugehen, betonen Veranstalter und Fahrer. Ralf Meutgens, anerkannter Radsport- und Dopingexperte glaubt nicht daran. Im Interview erklärt er, wieso.

Herr Meutgens, in wenigen Tagen startet die Tour de France in Düsseldorf. Finden die Deutschen den Radsport wieder gut?

Zumindest sagen nicht wenige: Ich weiß, dass da noch gedopt wird, aber ich schau trotzdem zu. Der Start in Düsseldorf wird übrigens hauptsächlich durch die öffentliche Hand getragen. Die derzeit genannten Kosten von 13 Millionen Euro dürften am Ende deutlich höher liegen. Utrecht, der Start der Tour vor zwei Jahren, hat die realen Kosten jetzt mit knapp 17 Millionen Euro beziffert. Einen wirklich großen privaten Sponsor sehe ich in Düsseldorf nicht.

Dabei scheinen alle gerade sehr bemüht, zu zeigen: Der Radsport hat sich verändert und ist sauber geworden. Auch die ARD ist wieder groß eingestiegen.

Die ARD hat sich meiner Meinung nach nicht pro Radsport entschieden, sondern pro Quote. In der Vergangenheit ist man nach meinem Kenntnisstand mit der Übertragung der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft baden gegangen. Jetzt hat man gesehen: Bei der Tour sind die Deutschen wieder dabei, deutsche Firmen steigen wieder ein. Das Damoklesschwert „Doping“ schwebt aber weiter über der Tour. Deshalb versucht man nun darzustellen, dass der Radsport sauberer geworden ist.

Etwa in der NDR-Dokumentation „Wie sauber ist der Radsport“, in der der deutsche Fahrer Tony Martin sagt: 98 Prozent der Fahrer seien nicht gedopt.

Da ist ja noch nicht mal mehr der Wunsch Vater des Gedanken, das ist – mit Verlaub – Volksverdummung. Nebenbei bemerkt, finde ich es auch sehr schwierig in einer Dokumentation zu diesem Thema ausschließlich Personen zu befragen, die Teil dieses Systems sind.

Das Fazit war: Der Radsport ist sicher nicht ganz sauber, aber die befragten Fahrer werden einem bestimmt nicht ins Gesicht gelogen haben. Dabei war das lange Praxis. Zwei Tage vor seinem Geständnis hat mir Erik Zabel in einem Interviewintensiv versichert, nie gedopt zu haben.

Und der war ja noch dreister. Der hat ja noch nicht einmal die Wahrheit gesagt als er dann auf dem Podium zur medienwirksamen Kollektivbeichte saß. Der musste ja nachbeichten, als immer mehr ans Licht kam. Die meisten Radsportler haben mit blauen Augen und Sommersprossen jahrelang in die Kameras dieser Welt gelogen. Mediziner übrigens auch. Und das soll sich nun alles geändert haben?

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Wenige Tage vor dem Tourstart ist die Meldung herausgekommen, dass André Cardoso vom Team Trek-Segafredo positiv getestet worden ist – ich nehme an, Sie sind nicht überrascht.

Natürlich nicht. Das Team hat wie viele andere Dopingbelastete Leute im Management. Aber der Fall erinnert mich an die zwei Italiener, die kurz vor dem Giro d‘Italia erwischt worden sind. Das wurde da auch so sang- und klanglos durchgewinkt, dabei hätte man bei der Art des Dopings – ein Releasing-Hormon – hellhörig werden können.

Weshalb?

Weil gar nicht sicher ist, dass man das so einfach nachweisen kann. Und jetzt Cardoso, ein Portugiese, den man zwar kennt, der aber nie so richtig gut war. Das ist wieder einer aus der Kategorie: Der kann gut damit leben, dass er mal eine Zeit aus dem Verkehr gezogen wird und wir dokumentieren damit, dass das System funktioniert. Da drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass er nur Kanonenfutter ist, damit wieder alle beruhigt sind.

Sie haben eine Liste erstellt nach der 22 Ex-Profis in 15 von 22 Teams bei der Tour eine wie auch immer geartete Dopingvergangenheit haben. Kim Andersen, der Teamleiter von Trek-Segafredo, ist lebenslang gesperrt worden. Wundert es nicht, dass er da so eine Position bekleiden kann?

Sehr. Der Bund Deutscher Radfahrer hat das mal geändert, nachdem darüber in den Medien berichtet wurde, dass Radsportler , , die die Lizenz verloren haben, trotzdem eine Lizenz als sportlicher Leiter inne haben können. Beim Weltverband scheint das kein Problem zu sein. Im Rahmen einer rigorosen Doping-Bekämpfung müsste man eigentlich sagen: Des Dopings überführt, schließt aus, eine Lizenz als sportlicher Leiter zu erhalten. Zumindest, wenn jemand lebenslang gesperrt ist. Aber das ist vermutlich ein arbeitsrechtliches Problem.

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Aber wäre das nicht der erste Schritt, um den Radsport tatsächlich sauber zu bekommen?

Sauber geht sicher nicht, aber vielleicht sauberer. Doch dann muss man das auch übertragen auf die Funktionäre, die Ärzte und die Physiotherapeuten. Da sind ja auch noch oft die alten Personen am Werk. Und von denen ist so gut wie nie einer belangt worden.

In Deutschland hat man das Gefühl, dass das nicht interessiert, so lange es nicht um Jan Ullrich geht. Auf ihn wurde gefühlt das Problem oft reduziert.

Ja leider. Ullrich ist sicher suboptimal beraten worden, auch nach 2006. Aber nicht nur das. Der Radsport an sich stand stellvertretend für das Problem Doping. Solange man sich auf ihn fokussieren konnte , hat das natürlich von anderen Schauplätzen abgelenkt. In Russland wissen wir jetzt, wurde systematisch in unterschiedlichen Sportarten gedopt. In der Leichtathletik, im Gewichtheben, auch im Fußball – überall wird manipuliert. Mit Medikamenten und mit Moneten. Und ganz sicher nicht nur in Russland.

Bleiben wir dennoch beim Radsport. Nach den neuesten Enthüllungen sind die 98 Prozent von Tony Martin jedenfalls dahin.

Das waren sie vorher ja auch schon. Wenn man rein mathematisch die rund 200 positiven Radprofis pro Jahr nimmt, die die WADA aufzählt.

Wie hoch schätzen sie die realistischen Zahlen?

Der Sportsoziologe Eike Emrich und andere haben durch Befragungen sichere Zahlen erlangt. Realistisch ist,dass 20 Prozent der Sportler insgesamt gedopt sind, plus/minus x je nach Sportart. Wenn man dann weiß, dass Radsport nach Gewichtheben, Bodybuilding und Leichtathletik die am viertmeisten durch Doping belastete Sportart ist, bewegt sich die Zahl also vermutlich im Rahmen 20 plus x im gesamten Radsport. Bei der Tour, wo das meiste Geld zu verdienen ist, dürfte die Dichte noch höher liegen.

Alle Beteiligten schwören, dass das Kontrollsystem engmaschiger geworden ist?

Daran glaube ich nicht. Es gibt immer noch so vieles, bei dem nicht klar ist, ob es nachweisbar ist: Releasing-Hormone etwa. Also Hormone, die die Produktion des körpereigenen Wachstumshormons anregen. Eigenblutdoping oder auch viele Präparate, die für den Schwarzmarkt produziert werden wie auch diverse Epo-Varianten, die aus den unterschiedlichsten Ländern, auch Schwellenländern, kommen. Oft wissen die Labore gar nicht, wonach sie suchen müssen. Man kann immer noch dopen ohne aufzufallen. Und da kann mir keiner erzählen, dass es dann einen Wechsel gibt und alle plötzlich sagen: Nein, dann mache ich das nicht mehr. Nicht im Radsport und auch nicht in anderen Sportarten.

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Wer hätte es denn in der Hand, eine Änderung herbeizuführen?

Das kann der, der die Zeche bezahlt. Also auch wir, die Zuschauer. Wenn wir sagen, ich gehe da nicht mehr hin, ich schaue das nicht mehr an, dann wird sich vielleicht etwas ändern. Aber das ist utopisch. Der Sportmediziner Wildor Hollmann hat es vor Jahrzehnten so ausgedrückt: „Wer einen Sport ohne Doping für möglich hält, hält auch eine Gesellschaft ohne Kriminalität für möglich“.

Der schottische Ex-Profi David Millar hat das mal umgekehrt als er sagte. Der Radsport war nie sauber, weil er als Unterhaltungssport geschaffen wurde.

Das kann man noch ausweiten. Er war nie sauber, weil er einer der ersten professionell betriebenen Sportarten war, mit der man seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Und die ersten Fahrer mussten dopen – damals wurden Strychnin und Amphetamin genommen – um überhaupt anzukommen. Da gab es ja teilweise 600 Kilometer-Etappen über Berge und Schotter ohne Gangschaltung. Und das unter hohem Existenzdruck. Der erste Dopingtote der Neuzeit war nicht zufällig ein Radsportler.

Also haben Veranstalter, Öffentlichkeit und Medien das Problem selbst kreiert.

Das sieht man schon an der Gründungsgeschichte der Tour. Eine Zeitung, die auch noch bizarrer Weise „l’Auto“ hieß erschuf das härteste Radrennen der Welt um die Quote zu steigern und die sinkenden Umsatzzahlen aufzufangen. Da muss man sich nicht wundern, was daraus geworden ist.

Was wird heutzutage im Radsport genommen?

Immer noch Epo, Releasing-Hormone, Insulin. Alles, was gemacht werden kann, wird gemacht. Mikrodosierungen ist das Stichwort. Auch im Winter. Also zu einer Zeit, in der man noch nicht mal weiß, ob man das überhaupt braucht. Auch Eigenblutdoping ist immer noch „in“, weil das nicht nachweisbar ist.

Dafür sollte ja eigentlich der Blutpass sorgen.

Der ist meiner Meinung nach ein Marketing-Instrument, um zu zeigen: Wir haben das Problem im Griff. Das stimmt so aber nicht. Die juristischen Schwächen liegen auf der Hand. Aber generell hat das Kontrollsystem große Schwächen. Da muss man doch nur mal auf Deutschland schauen. Wir haben hier 10000 Trainingskontrollen und 0,2 Prozent davon sind positiv. Der Schnitt weltweit liegt bei 2 Prozent. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Es wird hier kaum gedopt – halte ich für unwahrscheinlich – oder das System ist löchrig.

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Was muss man machen, um das zu ändern?

Transparenz und Unabhängigkeit sind die Stichworte. Wir brauchen mehr Mittel für die Forschung und müssen Whistleblower schützen und ihnen Anreize geben, auszupacken. Bislang werden sie stigmatisiert und ausgegrenzt. Und man muss die Aufklärung im Sinne einer Dopingprävention ausweiten, mit viel mehr Mitteln ausstatten, früh damit starten und insbesondere die Faktoren ändern, die Doping nahezu vorhersehbar machen. Das geht nur über eine Änderung der Strukturen und damit sind wir alle gefordert; Medien, Sponsoren, Politik, Zuschauer. Der falsche Weg ist ganz sicher, wenn man 30 Prozent mehr Medaillen fordert.

Wie sieht es mit dem mechanischen Doping aus?

Meines Wissens nach schreitet die Entwicklung da schneller voran als wir ahnen, auch hier sind die Kontrollmöglichkeiten eher beschränkt. Das findet alles im Rahmen statt – also im Fahrradrahmen. Es wäre verwunderlich, wenn nicht alles gemacht wird, bis hin zu Absprachen und gekauften Siegen.

Also hat sich nichts getan seit dem Telekom-Skandal?

Früher hieß es: Essen, trinken, schlafen, dopen. Ganz so ist es nicht mehr. Es kommen neue, intelligente Leute nach, aber die sind immer noch im alten System, das eher auf die Verbesserungen der Gegenseite reagiert als von sich aus zu agieren. Seit Epo nachweisbar war, machte man wieder mehr Eigenblutdoping. Als 1998 beim sogenannten Festina-Skandal erstmals die staatlichen Behörden massiv eingriffen, nahmen danach die Pfleger und Mechaniker die Mittelchen nicht mehr mit, sondern die Fahrer hatten sie selbst dabei. Dann gab es Kofferräume mit doppelten Böden. Man telefonierte nicht mehr, weil man Angst hatte aufzufliegen. Das ist aber nicht nur im Radsport so: Im ganzen Sport hat meiner Meinung nach kein grundsätzliches Umdenken eingesetzt. Es musste bis heute aber auch nicht einsetzen.


Ralf Meutgens wurde 1959 in Düsseldorf geboren. Bis Mitte der 80er Jahre war er als Radrennfahrer in der Amateurklasse aktiv, später als Honorartrainer in Nordrhein-Westfalen und Referent in der Trainerausbildung des Bundes Deutscher Radfahrer. Der freie Journalist hat jahrelang über den Radsport berichtet und sich auf das Thema Doping spezialisiert. Er gilt auf diesem Gebiet als einer der renommiertesten deutschen Journalisten. Zahlreiche seiner Beiträge zum Thema Radsport, Doping und Dopingprävention wurden in Print-, Hörfunk- und Fernseh-Medien veröffentlicht. Meutgens wurde mehrfach für seine Printbeiträge ausgezeichnet. 2007 veröffentlichte er das Grundlagenwerk „Doping im Radsport“. Meutgens sitzt im Beirat des Fachmagazins „Doping“, das vierteljährlich im Osnabrücker Inger-Verlag erscheint.

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