„So viel Aufmerksamkeit wie nie“ Andreas Toba über die Turn-Boygroup, das Turnfest und seinen Plan B

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Berlin. Bei den Olympischen Spielen in Rio turnte er mit einem Kreuzbandriss weiter – und wurde dadurch zum Medienstar. „Komisch“, meint Andreas Toba heute. Im Gespräch blickt der 26-Jährige auf Rio und düstere Gedanken zurück und verrät, warum er gerne Mitglied der Turn-Boygroup ist.

Herr Toba, fangen wir mit der Verletzung Ihres Turnkollegen Lukas Dauser an – Kreuzbandriss am Mittwochabend. Sie dürften seine Gefühlslage am besten einschätzen können.

Ich wusste genau, wie es ihm geht. Ich habe ihm nur ein Bild von den Olympischen Spielen in Rio geschickt – von dem Moment, als er mich nach meiner Verletzung getröstet hat. Dazu habe ich geschrieben: Das Bild sagt alles. Du kannst Dich jederzeit bei mir melden.

Ihre Verletzung von Rio war sofort präsent?

Klar. Vor allen Dingen die Nacht nach der Verletzung, als mir so viele Dinge durch den Kopf gingen.

Zu der dann folgenden Odyssee kommen wir gleich. Lassen Sie uns zunächst noch über das Turnfest sprechen. Sie genießen es?

(atmet tief durch) Wer mich kennt, weiß ganz genau, dass ich lieber in der Halle bin.

Aber so ein Show-Auftritt mit einer Übung am Pauschenpferd vor vielen Menschen am Brandenburger Tor tut doch gut, oder?

Ja, schon. Der Empfang war unglaublich beeindruckend und unfassbar. Ein Moment fürs Leben. Aber ich bin Leistungssportler geworden, um vor einem großen Publikum meine Wettkampf-Übungen zu zeigen. Nun gut, momentan geht es noch nicht.

Noch ein Bad in der Turnfest-Menge – die Autogrammstunde.

(lächelt) Das war schon keine Autogrammstunde mehr, zweieinhalb Stunden bin ich geblieben. Und trotzdem waren noch einige enttäuscht, weil sie kein Foto mehr mit mir bekommen haben. Ich weiß ganz genau, wie sie sich fühlen. Als ich klein war, wollte ich auch von den großen Turnern Fotos haben. 2002 war das. Da hatte ich meine Schwierigkeiten, an Fabian Hambüchen heranzukommen.

Zurück in den August 2016: Kreuzbandriss in Rio. Anschließend stellen Sie sich in den Dienst der Mannschaft und turnen mit der Verletzung weiter, was Ihnen Preise, Auszeichnungen und Medienaufmerksamkeit einbringt. Kamen Ihnen diese Ehrungen befremdlich vor?

Es war komisch. Meine Verletzung hat mehr Aufmerksamkeit gezogen als davor meine sportlichen Leistungen. Aber: Gewürdigt wurde mein Charakterzug, nie aufzugeben und sich durchzubeißen. Insofern habe ich nie daran gedacht, diese Preise nicht anzunehmen. Es war halt eine Leistung auf eine andere Art und Weise.

Sie haben danach oft gesagt, dass Sie sich nicht als Held fühlen.

Das ist auch bis heute so. Für mich war es eine ganz normale Handlung.

Auf Ihrer Homepage ist aber auf der Startseite „Hero de Janeiro“ zu lesen.

Man hat mich so betitelt. Und wenn Sie mal über die Straße gehen und nach Andreas Toba fragen, werden einige nichts mit dem Namen anfangen können. Mit „Hero de Janeiro“ schon eher.

Auch das Pauschenpferd, an dem Sie in Rio turnten, hat seitdem eine Aufmerksamkeit wie niemals zuvor.

Das stimmt. Ist schon lustig, weil ich nicht gerade ein Pauschenpferd-Spezialist bin.

Nach der Verletzung gab es viele Aufs und Abs. Immer wieder Rückschläge im Heilungsprozess. Wie haben Sie es geschafft durchzuhalten?

Es war schwierig. Ehrlich gesagt, ich hatte auch einige düstere Momente im Krankenhaus. Ich habe darüber gegrübelt, ob ich es tatsächlich noch einmal schaffe. Das war nach der dritten Operation, als sich Keime im Knie gebildet haben. Das Antibiotikum wurde erhöht. Ich bin in ein körperliches Loch gefallen. Die Gedanken waren nicht mehr positiv. Irgendwann ging es dann wieder aufwärts – und die negativen Gedanken waren verschwunden. Und als ich mir dann noch im Fernsehen die Turn-EM in Rumänien angeschaut habe, war mir klar, dass ich unbedingt wieder zurückmuss. Ich spürte, dass ich da noch locker mitturnen kann, wenn ich wieder fit bin.

Hoffen wir, dass es wieder aufwärtsgeht. Hätten Sie denn einen Plan B?

Natürlich. Ich bin Gott sei Dank abgesichert. Im vergangenen Jahr habe ich nach den Spielen meinen Bachelor im Sport gemacht. Ich bin auch auf dem Weg zum A-Lizenz-Trainer. Vielleicht hänge ich jetzt noch den Master dran, wenn es zeitlich passt. Ich hätte in jedem Fall eine Grundlage, Trainer zu werden. Das ist auch mein Ding für die Zeit nach der Karriere.

Wie ist Ihr Fitnessstand?

Der liegt bei etwa 70 Prozent. Momentan ist das rechte Knie noch zwei Zentimeter dünner als das linke. Ich habe noch einige Kraftsessions vor mir. Ansonsten mache ich alles Schritt für Schritt. In jedem Fall will ich die Qualifikation für die WM Anfang September turnen. Nächste Woche muss ich vielleicht für den TV Wetzgau in Schwäbisch Gmünd in der 2. Bundesliga ran, aber nur am Pauschenpferd.

Reden wir noch über das Image des Turnsports. Sie haben schon öfter gesagt, dass mehr für die Außendarstellung gemacht werden müsse.

Als Sportler ist es unsere Aufgabe, jedem zu zeigen, wie schön diese Sportart ist. Und dass es eine Sportart ist, die diszipliniert ablaufen muss. Auf der anderen Seite ist es wichtig, auf vielen Plattformen – und das nicht nur über das Turnfest – für diesen Sport zu werben. Wir Turner sind in den sozialen Netzwerken gut unterwegs. Fabian Hambüchen hat mehr als 100000 Likes auf Facebook, Marcel Nguyen ist irgendwo bei 300000, ich liege immerhin auch schon bei 20000.

Ein bisschen erinnert das an die Skispringer-Boygroup von damals mit Sven Hannawald, Martin Schmitt und Co.

Ja. Das müssen wir nutzen. Die Zeit, das zu bedienen, müssen wir uns nehmen. Turnen hat derzeit so viel Aufmerksamkeit wie nie. Und da bin ich gerne Mitglied einer Turn-Boygroup.


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