Nach Bombenangriff auf BVB-Bus So ordnet ein Psychologe die Situation der BVB-Spieler ein

Fällt es den BVB-Spielern schwer die Erinnerungen an den Anschlag auf den Mannschaftsbus mental zu verarbeiten oder stärkt das Erlebte sogar den Teamgeist? Sportpsychologe Jürgen Walter gibt einen Einblick in die mentale Situation der Spieler. Foto: Kay Nietfeld/dpaFällt es den BVB-Spielern schwer die Erinnerungen an den Anschlag auf den Mannschaftsbus mental zu verarbeiten oder stärkt das Erlebte sogar den Teamgeist? Sportpsychologe Jürgen Walter gibt einen Einblick in die mentale Situation der Spieler. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Dortmund. Nur einen Tag nach dem Angriff auf den BVB-Mannschaftsbus wird das Championsleague-Spiel gegen Monaco nachgeholt. Können sich die Spieler nach einer solchen mentalen Belastung sofort wieder auf den Fußball fokussieren oder stärkt ein solches Extremereignis den Mannschaftsgeist? So sieht Sportpsychologe Jürgen Walter die Situation der Spieler.

Wenige Stunden nachdem der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund auf dem Weg von Hotel zum Stadion durch die Detonation dreier Sprengsätze beschädigt wurde, stand fest, dass das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco nicht wie geplant am Dienstag stattfinden, sondern am heutigen Mittwoch um 18.45 Uhr nachgeholt wird.

Darum wird das Spiel laut Jürgen Walter schon heute nachgeholt

Die Reaktionen darauf waren geprägt von Verständnis, gegenseitigem Respekt und Solidarität, insbesondere der mitgereisten monegassischen Anhänger. Jedoch wurde natürlich auch relativ schnell der Blick zurück aufs Sportliche gelenkt. Dabei wurde relativ klar, welche Intention BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke dabei verfolgte, das Spiel schon einen Tag später nachzuholen: „Druck von der Mannschaft nehmen“, war wohl die Devise. Diese habe eine „sehr gravierende Erfahrung“ gemacht und sei „extrem geschockt.“ Er sprach von einer „Herkulesaufgabe“, die Mannschaft innerhalb eines Tages wieder in „einen spielfähigen Zustand zu versetzen.“

So können die Spieler die Erinnerungen verarbeiten

Auf den ersten Blick scheint es kaum möglich zu sein, ein solches, plötzliches Extremereignis, wie in diesem Fall ein Sprengstoffanschlag, mental zu verarbeiten. Jedoch sind bis auf Marc Bartra alle Spieler körperlich unversehrt geblieben und daher zumindest physisch auch in der Lage am nächsten Tag ihre Leistung abzurufen. Die vollständige Aufarbeitung des gestrigen Tages erfolgt höchst individuell und mag für den ein oder anderen Spieler auch längere Zeit in Anspruch nehmen.

So gelingt es laut Walter, das Erlebte im Spiel auszublenden

Während die Partie läuft, können die Spieler kein anderes Problem der Welt lösen und das Sportliche muss zu 100 Prozent im Fokus stehen. Anderweitige Sorgen, Ängste und Probleme, Vertragspoker, Eheprobleme oder ein solcher Anschlag können gedanklich zwar manchmal auftauchen, jedoch sollte ein Spieler gelernt haben und in der Lage sein, seine Gedanken insoweit zu kontrollieren und Negatives auszublenden. In solchen Momenten gilt es, die (Gedanken-)Stopptaste zu drücken, vor allem wenn der Spieler bemerkt, dass er über (negative) Vermutungen nachdenkt, die darüber hinaus nicht zielführend sind und das Abrufen der vollen Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Walter sieht immer ein Restrisiko

Natürlich kann immer irgendetwas passieren. Die Bewertung dieser Wahrscheinlichkeit obliegt aber nicht den Spielern, sondern (in diesem Fall) der Polizei, sodass sich die Mannschaft darauf verlassen kann, dass bei Austragung des Spiels auch sämtliche Vorkehrungen getroffen sind, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten. Wenn dieses Vertrauen nicht bestände, dürfte man streng genommen an keiner öffentlichen Veranstaltung mehr teilnehmen und schon gar nicht – als Spieler, Funktionär, Medienvertreter oder Zuschauer – ein Fußballstadion betreten. Ein – kalkuliertes – Restrisiko besteht immer. So kann ein Ereignis wie gestern abend eine Mannschaft aber auch noch mehr zusammenschweißen.

Von Jürgen Walter, Diplom-Sportpsychologe


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