Erste Blindentennis-Gruppe in Ostwestfalen Mit dem Gehör Tennis spielen

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Löhne. Sehbehinderte und blinde Menschen können sicher vieles, das auch sehende Menschen können – aber Tennis spielen? Beim Löhner Tennisclub Rot-Weiß in Ostwestfalen beweist jetzt eine kleine Gruppe, dass das gar kein Problem ist.

Wer Charlotte Schwagmeier bei ihrem Hobby zusieht, würde nicht vermuten, dass die 16-Jährige ein Handicap hat. Sie macht Aufschläge, hechtet dem Tennisball hinterher und ja, manchmal ist sie einen Moment zu spät am Ball – wie jeder andere Spieler auch mal. Aber dass die Abiturientin nur fünf Prozent Sehkraft hat, auf den Gedanken würde niemand kommen.

Auf das Gehör vertrauen

Charlotte – von ihren Freunden wird sie Lotti genannt – spielt seit zwölf Jahren beim Tennisclub Rot-Weiß Löhne. Sie erkennt die Umrisse von ihren Mitspielern, Gegnern und dem Ball. Den sieht sie meistens erst, wenn er auf ihrer Seite des Spielfelds ist – manchmal auch erst kurz vor dem Auftippen. Das hängt davon ab, wie hoch und schnell der Ball gespielt wird. Charlotte muss beim Tennisspielen ihrem Gehör vertrauen. Ihre Ohren sagen ihr, wann der Ball wo ist.

Die 16-Jährige trainiert vier Mal die Woche. „Entweder mit der Damenmannschaft, im Einzeltraining oder ich trainiere selbst eine Jugendmannschaft“, sagt die 16-Jährige. Seit einigen Wochen ist noch eine Trainingseinheit dazu gekommen: Freitags macht sie bei der Blinden- und Sehbehinderten Tennisgruppe mit. Blindentennis ist noch nicht sehr weit verbreitet, die Gruppe in Löhne ist eine der wenigen bundesweit.

Gute Resonanz beim Workshop

Trainer Marc René Walter geht das Training mit Sehbehinderten genauso an, wie bei sehenden Tennisspielern. Foto: Michael Gründel

„Für uns war es immer das Normalste der Welt, dass Lotti bei uns Tennis spielt“, sagt Marc René Walter, der die Jugendliche seit ihrem vierten Lebensjahr trainiert. Im Herbst habe der 49-Jährige das erste Mal von einem Tennis-Workshop für Blinde und Sehbehinderte in Köln gehört. Dort organisierte ihn Niklas Höfgen, der momentan an seiner Abschlussarbeit an der Sporthochschule Köln schreibt und Zertifikate ins Leben rufen will, die zeigen, welche Sportvereine besonders blindentauglich sind.

Sofort kam Marc René Walter die Idee, einen ähnlichen Workshop in Löhne zu veranstalten: „Wir haben Verbände, Vereine und Augenärzte angeschrieben, damit wir die Zielgruppe erreichen.“ Das Ergebnis: Sieben Menschen, die sehbehindert oder blind sind, kamen zum Workshop des Rot-Weiß Löhne. „Mit so einer großen Resonanz haben wir nicht gerechnet. Es scheint, als hätten wir hier eine Nische entdeckt, auf die die Leute gewartet haben“, sagt Marc René Walter.

Endlich ein Angebot für Sehbehinderte

Aus diesem Workshop ist ein fester Kurs mit Anfängern entstanden, der einmal pro Woche trainiert. „Eine feste Gruppe ist der beste Multiplikator für uns“, sagt der 49-Jährige, der seit 28 Jahren beim Löhner Tennisclub verschiedene Gruppen trainiert. Die Menschen seien froh, dass es endlich auch für sie ein Angebot gibt. „Außer Fußball oder Golf gibt es da nicht viel“, sagt Marc René Walter.

Das haben auch Melanie Berger und ihre Tochter Cora aus Löhne gemerkt. Cora wurde vor 14 Jahren zu früh geboren und hat seitdem nur etwa 15 Prozent Sehkraft, auf dem linken Auge sieht sie fast gar nichts. Mit ihrer Brille kann sie den Alltag aber gut meistern. Melanie Berger ist durch einen Zeitungsartikel auf Facebook auf die Gruppe von Marc René Walter aufmerksam geworden. Auch Enya Lange hat vor der Teilnahme an dem Workshop nie dran gedacht, Tennis zu spielen. Die 14-Jährige hat auf einem Auge eine Sehkraft von zehn Prozent, auf dem anderen Auge ist sie fast komplett blind. Auch sie war ein Frühchen. Ihre Netzhaut löste sich bei der Geburt. Weil Enyas Augenarzt von dem Workshop in Löhne gehört hatte, sei sie mit ihrer Mutter Manuela aus Bruchmühlen gekommen. Nach zwei Mal Training findet sie bereits Gefallen an der Sportart und will auf jeden Fall weitermachen.

Andere Regeln

Im Blindentennis gibt es besondere Regeln für die Spieler: Die Felder sind kleiner und müssen mit Klebebändern abgegrenzt werden, damit die Spieler eine bessere Orientierung haben. Die Netze sind niedriger. Die Bälle sind farbig, größer und mit Metallstiften gefüllt, sodass sie beim Aufkommen Geräusche machen. Bei Sehbehinderten darf der Ball zwei Mal aufkommen, bevor der Spieler ihn zurückspielen muss, bei Blinden drei Mal.

Marc René Walter ist als Trainer an die Blindengruppe genauso herangegangen, wie an andere Anfängergruppen. „Man muss sich zuerst überlegen, wie kann ich ihnen den Sport zugänglich machen. Dann probiert man einfach ein paar Sachen aus und schaut, ob sie funktionieren.“ Die Probleme seien, dass diese Spieler den Ball erst spät erkennen und der Gleichgewichtssinn sowie die Orientierung nicht so gut funktioniere. Darauf müsse er als Trainer dann eingehen.

„Wenn es nicht funktioniert, liegt es am Trainer“

„Der erste Schritt ist dann, eine Orientierung zu schaffen. Dass die Spieler wissen, dass sie nicht fallen oder irgendwo gegenlaufen können. Sie müssen fühlen, wo sie stehen.“ Dabei helfen Bänder, die über das Feld gelegt werden. Wichtig sei, den Anfängern Zeit zu geben und zu schauen, wo die individuellen Probleme liegen. „Das mache ich bei sehenden Spielern aber genauso.“ Wenn es nicht funktioniert, liege es am Training oder am Trainer selbst, meint der 49-Jährige selbstkritisch, denn „die Spieler hängen sich voll rein und sind heiß drauf zu spielen.“

Bereits nach den ersten drei Trainingsstunden hat es der Kurs geschafft, sich gegenseitig Bälle zuzuspielen. „Das war erstaunlich, das schaffe ich mit sehenden Anfängern oft nicht“, sagt Marc René Walter.

Eigenes Turnier in Löhne?

Auch, wenn die Gruppe noch am Anfang sei, würde Marc René Walter gerne Turniere spielen – das sei aber nur möglich, wenn mehr Blinde und Sehbehinderte auf den Tennissport aufmerksam werden würden. „Es gibt ja bisher in Deutschland nichts, keine Turniere, keine Rangliste. Nur etwa 30 registrierte blinde Spieler.“ Er könne sich gut vorstellen, selbst Gastgeber eines solchen Turniers zu sein: „Wenn es nichts gibt, müssen wir das eben organisieren.“

Dieses Jahr soll ein internationales Tennisturnier für Blinde und Sehbehinderte in Spanien stattfinden. Bisher stehen die Chancen gut, dass die Gruppe aus Löhne daran teilnehmen kann. Das sei auch eine große Chance für Charlotte. Wir haben das, was Lotti leistet, immer als normal betrachtet, das ist es aber gar nicht, wenn man sich das mal genau überlegt.“ Charlotte möchte übrigens nächstes Jahr nach dem Abitur Sport studieren.


Die Blinden- und Sehbehindertengruppe des Tenissclubs Rot-Weiß Löhne trainiert freitags um 17 Uhr im Kaisercenter, Albert-Schweitzer-Straße 35, 32584 Löhne. Interessierte können einfach vorbei kommen oder sich Marc René Walter melden unter (0176) 66660735. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

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