Spiele verschoben und verkauft 1971: Bundesliga-Skandal erschüttert Sportwelt

Der Schmiergeld-Skandal wird öffentlich: Horst-Gregorio Canellas (M.), Präsident des Bundesliga-Absteigers Kickers Offenbach, präsentiert am 6. Juni 1971 auf seiner Geburtstagsfeier heimlich aufgenommene Telefonmitschnitte, die die Bestechungsvorwürfe belegen sollen. Foto: dpaDer Schmiergeld-Skandal wird öffentlich: Horst-Gregorio Canellas (M.), Präsident des Bundesliga-Absteigers Kickers Offenbach, präsentiert am 6. Juni 1971 auf seiner Geburtstagsfeier heimlich aufgenommene Telefonmitschnitte, die die Bestechungsvorwürfe belegen sollen. Foto: dpa

Osnabrück. Gefüllte Geldkoffer, um den Abstieg aus der Bundesliga zu verhindern und die Gier nach schnellen Geld bei manchem sehr empfänglichen Fußballer – ein Sumpf von Schmiergeldern und Bestechung erschütterte den deutschen Profi-Fußball 1971 in seinen Grundfesten.

Sportlich schien zunächst – trotz aufkommender Gerüchte über Schiebung – alles klar gewesen zu sein: Borussia Mönchengladbach entschied in einer spannenden Saison 1970/71 das Titelrennen vor Bayern München am letzten Spieltag, dem 5. Juni 1971, mit einem 4:1 in Frankfurt für sich und verteidigte damit als erste Mannschaft in der Geschichte der Bundesliga erfolgreich den Meistertitel.

Das rettende Ufer, sprich den Klassenerhalt, erreichten die lange abstiegsbedrohten Vereine Arminia Bielefeld und Rot-Weiß Oberhausen, weil sie – wie sich herausstellte – erfolgreicher als andere die überlebensnotwendigen Punkte zusammengekauft hatten. Kickers Offenbach und Rot-Weiss-Essen mussten als sportliche Absteiger den Gang in die Regionalliga antreten, damals die zweithöchste Spielklasse.

Verdienst von maximal 2500 DM

Art und Umfang der verbrecherischen Schiebereien zu einer Zeit, als Bundesliga-Profis offiziell monatlich nicht mehr als 2500 DM (inklusive Prämien), verdienen durften, ähneln billigen Agentenfilmen, wie ein Beispiel zeigt.

Am letzten Spieltag der Saison 1970/71 empfängt Hertha BSC im Olympiastadion die Arminen aus Bielefeld. Für die Berliner geht es nach einer starken Saison, die sie mit Rang drei abschließen werden, um nichts – für die abstiegsbedrohten Bielefelder dagegen um alles. Und das vermeintlich Schöne für die Berliner Spieler. Für sie gibt es in jedem Fall ein ordentliches Zubrot. Wer bietet mehr? Bielefelder Unterhändler sitzen mit 260.000 Mark in Berlin und warten auf die (sportlich kaum vorstellbare) Niederlage der Hertha. Die Abordnung aus Offenbach hat 140.000 Mark im Geldkoffer, um Herthas Überlegenheit „nachhaltig“ zu unterstützen. Hertha verliert den vermeintlich sportlichen Wettkampf gegen die zahlungskräftigeren Bielefelder mit 0:1. Und die Fans schreien „Schiebung“.

Am Tag danach macht der Offenbacher Präsident Horst-Gregorio Canellas den Skandal publik. Offen bleibt bis heute, ob der 1999 verstorbene Südfrüchte-Großhändler den Gang an die Öffentlichkeit auch im Fall eines Nichtabstiegs seiner Offenbacher Kickers unternommen hätte. Canellas lässt anlässlich seines 50. Geburtstags am 6. Juni 1971 die Bombe platzen. Im Garten seiner Villa drückt er auf die Starttaste eines Tonbandes. Die illustre Gästeschar, darunter DFB-Bundestrainer Helmut Schön, hört fassungslos die heimlich aufgenommene Mitschnitte von Telefonaten, die Betrügereien in der Bundesliga nahelegen: „Boss, wir müssen Spiele kaufen!“

„Boss, wir müssen Spiele kaufen!“

Der Deutsche Fußball Bund (DFB) reagiert umgehend, mit den Ermittlungen wird ein gestrenger Stuttgarter Verkehrsrichter beauftragt: Hans Kindermann ist der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, doch berühmt wird er als „Chefankläger“ im Bundesliga-Skandal.

Seine Ermittlungen dauerten über zwei Jahre, erst im Januar 1976 wird die letzte Akte beim DFB geschlossen. Fest steht: In der Saison 1970/71 waren sechs Spiele nachweislich manipuliert worden, vier weitere Betrugsversuche waren gescheitert, die Dunkelziffer war hoch. Über eine Million DM Schmiergelder wurden gezahlt, 52 Profis aus acht Vereinen (Schalke 04, Hertha BSC, VfB Stuttgart, Eintracht Braunschweig, Arminia Bielefeld, 1. FC Köln und MSV Duisburg) wurden für Jahre, einige sogar lebenslang gesperrt und/oder mit Geldstrafen belegt. Sechs Klubfunktionäre und zwei Trainer traf der ewige DFB-Bann, und zwei Vereine – Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach – verloren die Lizenz.

Mit den Ausläufern des Skandals beschäftigten sich auch ordentliche Gerichte. Besonders spektakulär der „Fall Schalke“: Für 1300 DM pro Mann hatten 13 Profis am 17. April 1971 in der Glückaufkampfbahn 0:1 gegen Bielefeld verloren. Beim DFB leugneten sie, vor Gericht schworen sie sogar Meineide. Als sie schließlich vor dem Essener Landgericht gestanden, wendeten sie damit eine Gefängnisstrafe ab.

Zuschauerzahlen sinken

Arminia Bielefeld nutzten die Schmiergeldzahlungen übrigens nichts: Am 14. April 1972 wurde dem Verein die Lizenz entzogen, die Versetzung in die Regionalliga folgte. Die laufende Saison 1971/72 absolvierten die Bielefelder bis zum Schluss, doch wer heute auf die Tabelle von damals schaut, entdeckt Schlusslicht Arminia – mit null Punkten und 0:0 Toren.

Und die Fans? Sie hatten vom Lug und Trug in der Bundesliga, der angeblich schönsten Nebensache der Welt, erst einmal die Nase voll. Rote Karte für die Elite-Liga: Die Zuschauerzahl sank von 6,3 Millionen auf 5,5 in der Saison 1971/72 und 1972/73 auf fünf Millionen - nur 16.387 Zuschauer waren im Durchschnitt pro Spiel dabei

Erst die Vorfreude auf die Fußball-WM 1974 im eigenen Land ließ die Fußballfreunde allmählich den Skandal vergessen. Und der DFB reformierte die Rahmenbedingungen des Profifußballs an den beiden Stellen, deren anfängliche Fehlkonstruktion Vereine und Spieler anfällig für den Betrug gemacht hatte: Die Obergrenzen für Gehälter fielen, und mit der 2. Bundesliga bekam die Eliteklasse einen Unterbau, der die Angst vor dem Absturz abschwächte.


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