Sven Hannawald im Interview „Das ist schon Gänsehautfeeling“

Von Marco Scheinhof

Die früheren deutschen Skispringer Sven Hannawald (links) und Martin Schmidt unterhalten sich. Foto: Daniel Karmann/dpaDie früheren deutschen Skispringer Sven Hannawald (links) und Martin Schmidt unterhalten sich. Foto: Daniel Karmann/dpa

Garmisch-Patenkirchen . Der frühere deutsche Skispringer Sven Hannawald kommentiert als TV-Experte die Vierschanzentournee 2016. Im Interview spricht er über das Gefühl, wieder „mitten drin“ im Sport-Geschehen zu sein und sein Leben nach dem Spitzensport.

Herr Hannawald, Sie sind zurück im Skisprungzirkus. Wie fühlt es sich an, als TV-Experte bei Eurosport wieder mitten im Geschehen zu sein?

Ich hatte gedacht, dass es sich nicht anders anfühlt, als vor ein paar Jahren, als ich hin und wieder als Zuschauer da war. Mit Eurosport aber bin ich jetzt wieder ein Interner. Weil du genau mitbekommst, wie es sich bei den einzelnen Springern einpegelt. Jetzt zur Tournee ist es nochmal was ganz anderes. Jetzt bin ich wirklich mitten drin und kann das ganze Drumherum aufnehmen. Als Springer merkt man schon, dass wir bei der Tournee sind, aber kriegt das Drumherum nicht so mit. In meiner jetzigen Position habe ich die Zeit, alles aufsaugen zu können. Das ist schon Gänsehautfeeling.

Das heißt, Sie erleben die Tournee jetzt intensiver?

Anders intensiv. Das kann man nicht vergleichen. Wenn man aktiv ist, ist man in seinem Tunnel. Man hat Schmetterlinge im Bauch, leichte Anspannung und Nervosität. Weil man weiß, jetzt geht wieder die prestigeträchtige Tournee los. Der Beginn einer zehntägigen Reise. Ich habe jetzt natürlich auch Erwartungen an mich, aber das sind andere als damals. Natürlich nicht so hohe wie zu meiner aktiven Zeit. Es ist aber bewegend, wenn man mal auf einer anderen Seite mit dabei sein kann.

Wenn Sie jetzt zuschauen, kribbelt es da in Ihnen, vielleicht selbst wieder springen zu wollen?

Wenn wir am Schanzentisch stehen mit den Trainern und uns auf den neuesten Stand bringen und wenn man dann sieht, dass alles perfekt vorbereitet ist, gibt es schon eine Ecke im Körper, die sagt: Komm, lass uns doch auch nochmal. Aber die Vernunft wird siegen und sagen: Lass es. Die Erinnerungen bringen mehr Chaos in einem. Aber wenn es so weit wäre, dass man selbst hoch muss, bleibt man doch zurückhaltend.

Wie hat sich das Skispringen nach Ihrem Karriereende entwickelt? Wenn man sich zum Beispiel Domen Prevc anschaut, der sehr aggressiv springt.

Extrem und aggressiv waren auch damals die Japaner im Parallelstil oder in der Anfangszeit des V-Stils. Man hat immer wieder Jahre, in denen es Neuerungen gibt. In diesem Jahr ist es der Domen Prevc. Von seiner Grundtechnik ist er ein Kandidat, der vielen ein paar Schritte voraus sein kann. Aber auch Daniel-André Tande kann auf seine Art Fahrt aufnehmen. Das mitzuerleben, ist spektakulär und spannend, weil du noch keine Antwort bekommst, wie es ausgeht. Aber solche Geschichten wiederholen sich. Der ein oder andere hat einfach mal einen Lauf, und keiner hat die geringsten Chancen mitzuhalten.

Mit Martin Schmitt bilden Sie ein jetzt ein Expertenduo bei Eurosport, früher sind Sie zusammen gesprungen. Wie ist Ihr Kontakt untereinander?

Jetzt natürlich noch mehr. Wir sind jetzt beruflich gekoppelt. Es ist schön, dass wir jetzt ohne Konkurrenzdenken zusammen arbeiten können, früher war das natürlich anders. Aber das stand unserer Freundschaft nie im Weg. Auch wenn von außen immer versucht wurde, kleine Keile reinzutreiben. Wir haben uns aber intern immer abgesprochen, wie wir uns verhalten, damit niemand Probleme bekommt. Jetzt profitieren wir von unseren vielen Jahren Erfahrung. Und ich noch mehr, dass Martin noch länger gesprungen ist. So ist es ein schönes Paket, was wir erleben dürfen. Wir freuen uns auf die WM und Olympia, weil wir merken, dass das Team passt. Da ist keiner dabei, bei dem du sagst, Gott sei Dank ist das Wochenende wieder vorbei. Wir sind wie eine kleine Familie, die zusammenwächst und sich auf eine lange Reise begibt.

Wie sieht sonst Ihr Alltag aus. Wie haben Sie sich Ihr neues Leben aufgebaut?

Beruflich habe ich 2016 mit Sven Ehricht eine Unternehmensberatung gegründet. Er hat über 15 Jahre Erfahrung mit Vorträgen und Seminaren mit reingebracht und ich meine Geschichte „4gewinnt! Erfolg in Balance“. Das Thema mentale Gesundheit wird immer wichtiger, weil immer mehr gefordert wird von uns Menschen. Wir aber keine Computer sind, bei denen man die Festplatte austauschen kann und einen neuen Prozessor rein macht, damit alles schneller geht. Deswegen muss man Wege gehen, beide Seiten zu bedienen. Sowohl die Leistungsfähigkeit, den Erfolg als auch den Ausgleich, die Balance. Dies schulen wir auch ganz oben auf Skisprungschanzen. Während des Winters – da habe ich aus meiner Geschichte gelernt – machen wir nicht viel zusätzlich, da ich viel unterwegs bin. Den Rest des Jahres widmen wir uns den Business Talks, Events und Seminaren.

Sie hatten während Ihrer Karriere selbst erlebt, mit einem Burnout umgehen zu müssen. Hat Sie das dazu bewegt, anderen Menschen helfen zu wollen?

Es gab schon 2013 eine Autobiographie von mir, weil ich gemerkt habe, dass ich mittlerweile über den Dingen stehe und darüber reden kann, ohne dass es mir drei Tage danach wieder schlecht geht. Daher das Buch über meine Geschichte: Wie alles begann und wie ich rausgekommen bin. In wissenschaftlichen Büchern ist alles immer Theorie, da fehlt oft die praktische Konstante. Wenn jemand so etwas erlebt hat, spricht er mit Worten, die du in Büchern kaum findest. Die aber jeder versteht, der ähnliche Probleme hat. Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter in die beratende Tätigkeit, mit all dem praktischen Wissen von Sven Ehricht. Ich kann meine Geschichte erzählen, bin aber nicht der betriebswirtschaftliche Fachmann, der weiß, wie man Manager-Seminare auf Schanzen umsetzt. Mittlerweile haben wir bei unseren Veranstaltungen Experten führender Kliniken dabei. Ich bin kein Therapeut. Ich bin nur der, der es erlebt hat und darüber sprechen kann. Das ist für mich die Grenze. Was darüber hinausgeht, ist Aufgabe der Mediziner.

Sie selbst sind wieder im Reinen mit sich und der Welt. Vor ein paar Monaten haben Sie geheiratet, bald kommt Nachwuchs. Sind Sie rundum glücklich?

Jetzt ergibt sich alles, ohne dass man es groß planen muss. Ich habe natürlich eine lange Zeit gebraucht, ins normale Leben zu finden. Ich habe früher rigoros alles dem Erfolg untergeordnet. Dann kann ich von einer Lebenspartnerin nicht erwarten, dass sie die ganze Zeit nur in der Ecke steht und nur dann mitreden kann, wenn ich Lust und Zeit dazu habe. Deswegen habe ich für mich aktiv eine Beziehung immer ausgeschlossen. Danach brauchte ich die Zeit, um mich zu finden. Aber dann hat sich alles ergeben. Die Hochzeit hat sich jetzt genauso schnell ergeben wie bald unser Kinderwunsch. Wir sind momentan nur am Genießen. Obwohl wir schon merken, dass das Tempo, das wir gerade leben, hoch ist. (Weiterlesen: DSV-Adler hoffen auf Tournee-Überraschung)

Jetzt sind Sie mit Melissa Thiem, einer Profifußballerin, verheiratet. Auch für Ihre Karriere als Hobbyfußballer sicherlich kein Nachteil.

Ja, jetzt kann ich etwas lernen. Wenn sie mich spielen sieht, gibt sie mir Tipps und erklärt vieles. Ich finde das immer faszinierend, wenn wir Fußball gucken und der Kommentator etwas erklärt, während sie gleich sieht, dass es ganz anders ist. Oder wenn wir Freiburg gucken und ich nicht einsehen will, warum sie jetzt wieder ein Tor kassiert haben und was jetzt da falsch war. Das erklärt sie mir recht schnell. Somit wächst auch mein Wissen.

Sie waren früher Wahlschwarzwälder. Gibt es heute noch Kontakte?

Ich bin nach wie vor Freiburg affin und verfolge alles. Und freue mich über die aktuelle Fußball-Saison. Es hat momentan den Vorteil, dass nicht viele Spieler weggegangen sind. Mit der Gewissheit, dass der Trainer immer Vollgas gibt, war mit klar, dass diese Saison eine entspanntere werde kann. Vom SC Freiburg ist man auch Fan, wenn er in der zweiten Liga spielt. Das ist auch das, was mich in dem Verein widerspiegelt. Dass man nicht nur Nummer eins sein muss. Auch mein Lebensweg hatte Höhen und Tiefen.

Wenn Sie etwas machen wollen, dann richtig. Sie haben es im Motorsport versucht, zwei Jahre. Ist das abgehakt?

Ich habe nach wie vor den Eifer, schnell Auto zu fahren, aber aktuell ergibt sich das nicht. Damals war es eine schöne Zeit, ich habe es genossen. Ich hatte auch die Voraussetzungen, um es richtig zu tun. Heute spielt das finanzielle eine große Rolle. Das ADAC GT Masters ist so schnell so populär geworden, dass viele Nachwuchsfahrer sich dort präsentieren wollen und Geld mitbringen. Das mache ich nicht. Ich möchte kein Geld verdienen, aber auch am Ende der Saison nichts bezahlen müssen. Ich sage aber niemals nie. Wenn sich etwas ergeben sollte, nutze ich das sofort. Es war eine traumhafte Zeit. Ich würde aber nie über mein Limit gehen.