Rafael Buschmann im Interview Spiegel-Reporter spricht über die Enthüllungen der „Football Leaks“

Von Thomas Rellmann

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18,6 Millionen Dokumente über Geldflüsse und Vertragsdetails des internationalen Fußballs hat die Enthüllungsplattform „Football Leaks“ dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zur Verfügung gestellt. Foto: dpa18,6 Millionen Dokumente über Geldflüsse und Vertragsdetails des internationalen Fußballs hat die Enthüllungsplattform „Football Leaks“ dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zur Verfügung gestellt. Foto: dpa

Münster. Mit Daten der Enthüllungsplattform „Football Leaks“ deckten zwölf europäische Medienhäuser am Wochenende die skandalösen Steuerpraktiken von Weltstars wie Cristiano Ronaldo, José Mourinho oder Mesut Özil auf. Für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ arbeitete der Münsteraner Rafael Buschmann, der mit seinen Kollegen bereits die „Sommermärchen-Affäre“ ins Rollen gebracht hatte, an den Recherchen.

Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Rellmann beschreibt der 34-Jährige, welches Volumen die Akten hatten, welche Tricks die Beraterszene anwendet und welche Motive die anonymen Macher von „Football Leaks“ antreiben.

Können Sie den Aufwand der vergangenen Monate in etwa skizzieren?

Es waren die größten Recherchen, an denen ich beteiligt war, allein schon von der Quantität. Die Daten hatten ein Volumen umgerechnet einer halben Million Bibeln. Vor sieben Monaten haben wir angefangen, sie auszuwerten. Seit der EM gab es für mich nichts anderes mehr. Zuletzt ging es dann vermehrt um die Treffen mit den Quellen und darum, die Beschuldigten mit den Ergebnissen zu konfrontieren.

Kommt da noch was nach?

Ja, wir haben das Thema als Serie angelegt. Die Enthüllungen werden uns noch bis ins neue Jahr begleiten.

Hat sich die Arbeit gelohnt? Immerhin ist wie so oft fraglich, wer wie hart belangt werden kann...

Ich bin total zufrieden. Wir haben Debatten auch auf dem politischen Sektor losgetreten und aufgezeigt. Es ging um die Ungerechtigkeit, dass sich Steuern mit einfachen Mitteln eklatant minimieren lassen.

Gab es keine Bedenken, dass die Quelle „Football Leaks“ mit ihrem portugiesischen Informanten namens „John“ unseriös ist?

Wir waren anfangs natürlich vorsichtig. Fast zwei Monate hatte ich nur Mailkontakt, dann ging es auf einer verschlüsselten Plattform weiter. Mit der Zeit bekommt man aber eine Idee davon, welche Ideale diesen Mann antreiben. Intern haben wir lange diskutiert und abgewogen. Nach dem ersten Treffen haben wir das komplette Material erhalten. Als die Echtheit der Dokumente nach intensiver Prüfung klar war, ist die Quelle auch in den Hintergrund gerückt. Und: Uns wurde nie reingeredet, was wir publizieren dürfen.

Welche Ziele verfolgen „John“ und Co.?

Das wichtigste Motiv: Er will eine Form von Sauberkeit in den Fußball zurückbringen. Seine Haltung ist, dass sich das System von innen auffrisst. Er ist selbst großer Fan, fühlt sich von der Gier im Fußball persönlich angegriffen und hofft, dass diesem Betrieb Grenzen gesetzt werden.

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Verlagsnetzwerk EIC aus?

Wir hätten unser Projekt ohne die guten Partner nicht in der Tiefe umsetzen können. Die Einordnung für das jeweilige Land war wichtig, die Einblicke, die Quellen, die jeder liefern konnte. Aber es war auch schwierig, weil in jedem Land eine andere Sicht auf Journalismus herrscht. Es war also nicht nur harmonisch, es wurde intensiv diskutiert, führte am Ende aber zu sinnvollen Lösungen.

Hat jemand versucht, die Veröffentlichungen zu verhindern?

Das grobe Umfeld von Ronaldo wollte das tatsächlich zuletzt. „El Mundo“ sah sich mit einer einstweiligen Verfügung konfrontiert. Klar, die Branche wehrt sich. Auch Özils Anwalt hat uns klar mitgeteilt, dass er die Berichte nicht lesen möchte.

Gab es auch Bedrohungen, die über das Juristische hinaus gingen?

Nicht gegen uns, aber ein Sportvermarkter hat die Quelle massiv unter Druck gesetzt und damit gedroht, ihr „Schmerzen zuzufügen“.

Was treibt Stars wie Ronaldo, die Millionen verdienen, dazu, mit Steuertricks noch mehr Geld zu scheffeln?

Aus den Dokumenten habe ich gelernt, dass es ein Spiel hinter dem Fußball gibt, das auch auf Siege angelegt ist. Jeder will jeden Euro am liebsten zwei Mal verdienen. Es gibt einen Periphermarkt mit Beratern, Anwälten, Steuerexperten, der das Ziel hat, jeden Ertrag so hoch wie möglich zu gestalten. Ronaldo und Özil verstehen dieses Konstrukt vermutlich nicht einmal in Gänze. Ihnen kann man nur vorwerfen, es nicht zu hinterfragen. Aber ein Berater wird manchen Spieler nicht bekommen, wenn er nicht mit einer Masche und Versprechungen dieser Art im Portfolio werben kann.

Noch mal konkret: Sind die Profis die Schuldigen?

Sie versuchen halt schon, auch den letzten Tropfen Geld aus der Zitrone zu pressen mit hochaufwendigen Steuerkonstrukten. Da sehe ich schon eine Relevanz, die man zur Diskussion stellen muss. Ein 31-jähriger Ronaldo muss in der Lage sein, Fragen zu stellen, warum in seiner Steuererklärung die British Virgin Islands oder Irland auftauchen – gerade, wenn er sich sonst auf einer hohen moralischen Ebene geriert.

Neymar oder Lionel Messi kamen wegen diverser Steuervergehen nicht ins Gefängnis, Uli Hoeneß schon. Was erwarten Sie in diesem Fall?

Von dieser Ebene habe ich in den letzten Jahren versucht, mich freizumachen. Wir warten mal ab, ob und wie die Behörden der Sache nachgehen. Die Dinge, die wir offengelegt haben, müssten jeden Steuerprüfer interessieren. Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich aber auch darauf, dass es europaweit keine einheitlichen Steuergesetze gibt – das wird auch die Politik interessieren.

Ein Hinweis der Plattform führte zur Europacup-Sperre und fast zum Abstieg von Twente Enschede in den Niederlanden....

Dort hatte sich ein Sportvermarkter an Spielern beteiligt, die der Verein aber in seiner Bilanz als Kapital führte – was der nationale Verband nicht wusste. So viel kann man sagen – das war ganz sicher kein Einzelfall.

Ist es nur Zufall, dass die Bundesliga bislang nicht ins Kreuzfeuer geraten ist, weil sich „Football Leaks“ auf Südeuropa fokussiert?

Am Ende verhalten sich Fußballer nicht aufgrund von Ligen anders – der Unterschied liegt nur in der Umsetzung, die das Land zulässt. Uns liegen aber auch Daten mit deutschen Bezügen vor.


Rafael Buschmann

Der gebürtige Pole (Zabrze) kam als Siebenjähriger nach Deutschland und wuchs in Lünen auf. Er zog 2003 zum Studium nach Münster und lebt nach wie vor in der Stadt, inzwischen in Hiltrup. Mit 20 sammelte er erste journalistische Erfahrungen bei verschiedenen Lokalzeitungen, arbeitete freiberuflich für viele große deutsche Verlage und wechselte 2011 zu „Spiegel Online“. Seit 2013 sitzt er in Hamburg, wo er als Reporter für die Printausgabe des Magazins in der Sportredaktion recherchiert und schreibt. Der frühere Oberliga-Handballer (Sparta Münster) ist auch heute noch aktiv – beim Bezirksligisten Eintracht Hiltrup.

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