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Khedira und Gomez verletzt Drama im Elfmeterschießen: Deutschland im Halbfinale

Von Johannes Kapitza


Bordeaux. Deutschland darf weiter vom EM-Titel träumen, für die italienische Nationalmannschaft ist das Turnier beendet. Sie unterlag im Viertelfinale in Bordeaux am Samstagabend der DFB-Elf nach einem Nervenkrimi mit 5:6 im Elfmeterschießen. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 gestanden. Mesut Özil hatte Deutschland in Führung gebracht (65.), Leonardo Bonucci traf per Handelfmeter zum Ausgleich (78.).

Der Bann, bei großen Turnieren nicht gegen Italien gewinnen zu können, ist gebrochen. Um 23.49 Uhr schoss Jonas Hector die DFB-Elf mit dem entscheidenden Elfmeter ins Halbfinale, das am Donnerstag um 21 Uhr in Marseille angepfiffen wird. Dann geht es gegen den Sieger aus der Partie Frankreich - Island (Sonntag, 21 Uhr). Fehlen wird Mats Hummels nach seiner zweiten Gelben Karte, die er sich in der 90. Minute abholte.

Löw setzt auf Dreierkette

Bundestrainer Joachim Löw hatte in seiner Startaufstellung nur einen personellen Wechsel vorgenommen: Benedikt Höwedes rückte wieder in die Abwehr, dafür musste Julian Draxler seinen Platz im Mittelfeld räumen. Taktisch stellte Löw um auf eine defensive Dreierkette mit Jérôme Boateng in zentraler Rolle sowie Höwedes und Mats Hummels an seiner Seite. Auf den Außenpositionen rückten Joshua Kimmich (rechts) und Jonas Hector (links) in der Defensive zurück und verstärkten die Abwehr – die taktische Ausrichtung, mit der die DFB-Elf Ende März die Italiener im Testspiel in München mit 4:1 geschlagen hatte.

Vor Mesut Özil im zentralen Mittelfeld stürmten Mario Gomez und Thomas Müller gemeinsam. Bei den Italienern, die auf den gelbgesperrten Thiago Motta verzichten mussten, saß der angeschlagene Daniele de Rossi nur auf der Bank. Marco Parolo rückte für ihn in die Zentrale im defensiven Mittelfeld; Parolos frei gewordenen Arbeitsplatz im Mittelfeld füllte Stefano Sturaro. Italien bot vor seiner Fünfer-Abwehrkette drei defensive Mittelfeldspieler auf.

Khedira muss nach 15 Minuten raus, Schweinsteiger kommt

Vor allem Hector leistete sich in der Anfangsphase unter Druck zwei Fehler, die zu Ecken führten, die von den Italienern aber nicht genutzt wurden (4./5.). Die Deutschen kamen zunächst nicht spielerisch zu Chancen. Eine Ecke war die erste Offensivaktion, die die Italiener zu entschärfen wussten (9.). Beide Mannschaften waren darauf bedacht, offensiv nicht zu viel Risiko zu gehen und ihre Ordnung nicht zu verlieren.

Beide Torwarte hatten noch nichts zu tun gehabt, als Sami Khedira nach einem Laufduell mit seinem Juventus-Kollegen Giorgio Chiellini an die Adduktoren griff und behandelt werden musste (13.). Kurz darauf gab er das Zeichen, ausgewechselt zu werden. Bastian Schweinsteiger kam für ihn (15.). Da hatte Alessandro Florenzi gerade ein harmloses Schüsschen abgegeben, das Manuel Neuer keine Probleme bereitete. Schweinsteiger übernahm die Kapitänsbinde vom deutschen Torwart, hatte aber Schwierigkeiten, ins Spiel zu finden, und fasste sich früh ans Knie. Es gelang der DFB-Elf nur phasenweise, etwas Druck aufzubauen. Allerdings stellte sie sich auf den letzten Metern vor Italiens Tor immer zu umständlich an, spielte zu leicht gechippte Bälle in die Spitze und bekam selten Tempo ins Spiel, um den Gegner überraschen zu können.

Neuer muss retten, Gomez köpft vorbei

Ein langer Ball von Hummels war solch ein Überraschungsmoment: Schweinsteiger köpfte ein, hatte sich vorher aber mit den Händen Platz gegen Mattia de Sciglio verschafft (27.). Guten Fußball boten beide Teams kaum, zu wenig kam aus dem deutschen Mittelfeld von Toni Kroos und Mesut Özil. Italien kam in die Vorhand, als Kimmich ein Ball unter dem Fuß durchrutschte. Boateng schlug die Hereingabe gegen Emanuele Giaccherini aus dem Strafraum (31.). Hectors abgefälschte Flanke hielt Gianluigi Buffon erst im Nachfassen (36.).

Italien war unter Druck für Fehler anfällig, sorgte aber für ausreichend Entlastung: Neuer musste aus seinem Strafraum eilen, um einen langen Ball auf Éder abzufangen. Es gelang ihm, er holte sogar einen Einwurf heraus und streckte den Arm in den Himmel. Aus einem Moment des Bangens saugte Neuer Selbstvertrauen (37.).

Wenig später gelang der Löw-Elf sogar so etwas wie eine Torchance, aber Gomez‘ Kopfball nach Flanke von Kimmich verfehlte Italiens Tor (41.). Müller brachte kurz darauf keinen Druck hinter den Ball, Buffon parierte ohne Probleme (42.). Dann war auf der Gegenseite Luft-Anhalten angesagt. Giaccherini startete durch, brachte den Ball noch von Neuer abgefälscht in die Mitte: Sturaro schoss aus dem Hinterhalt, Boateng bekam sein Schienbein in die Bahn und lenkte den Ball zur Ecke, die nichts einbrachte (43.).

Özil bricht den Bann, auch Gomez verletzt sich

Schwere Kost boten beide Mannschaften auch direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit. Vor allem Kimmichs rechte Abwehrseite war einige Male offen. Dann kam die DFB-Elf zu Chancen: Hector gewann den Ball, spielte schnell weiter zu Schweinsteiger, der Gomez schickte. Der Stürmer legte ab auf Müller, dessen Schuss Florenzi noch artistisch auf der Linie rettete (54.). Kurz darauf ließ Boateng einen Distanzschuss folgen (54.), Deutschlands Spiel lief etwas flüssiger und führte zu mehr Offensivaktionen – sowie zu drei Verwarnungen gegen Italien innerhalb weniger Minuten.

Nach einer Viertelstunde befreiten sich die Italiener, aber Parolos Schuss ging vorbei (62.). Kurz darauf gelang Özil sein erstes Turniertor: Neuers langer Ball auf Gomez leitete die Chance ein, Gomez lief die Linie entlang, bediente Hector mit gutem Auge, dessen Hereingabe abgefälscht in die Mitte fand: Dort setzte sich Özil durch und traf aus kurzer Distanz (65.). Die Deutschen waren am Drücker, setzten sich vor Italiens Strafraum fest: Özil bediente mit einem Zuckerpass Gomez, der nur noch mit der Hacke zum Abschluss kam und in Buffon seinen Meister fand (68.). Die Führung brachte spürbar Sicherheit ins deutsche Spiel, aber die Mannschaft musste einen weiteren Ausfall verkraften: Gomez ging vermutlich mit einer Zerrung im Oberschenkel, für ihn kam Draxler in die Partie (72.).

Bonucci trifft per Handelfmeter zum Ausgleich

Kurz darauf hatte Italien seine erste Chance der zweiten Hälfte: Graziano Pellè schoss eine Flanke von De Sciglio knapp am Tor vorbei (74.). Die Italiener erhöhten den Druck – und bekamen einen Elfmeter, als Boateng den Ball nach einer Ecke an den hoch ausgestreckten Arm bekam. Buffon mochte gar nicht hinsehen, aber Verteidiger Leonardo Bonucci verwandelte zum Ausgleich (78.). Die italienischen Fans waren obenauf, aber die DFB-Elf blieb im Vorwärtsgang. Hectors Ausrutscher brachte jedoch Italien in die Offensive, Pellè holte eine Ecke heraus, die aber dieses Mal ohne Folgen blieb (81.). Das Momentum hing in der Schwebe: De Sciglios Schuss traf das Außennetz (89.), Deutschland fehlte trotz intensiveren Anrennens die große Möglichkeit, um das Spiel noch in der regulären Spielzeit für sich zu entscheiden.

DFB-Elf mit mehr Chancen in der Verlängerung

Chancenarm verlief auch die erste Halbzeit der Verlängerung, in der die Deutschen mehr vom Spiel hatten und öfter in der Vorwärtsbewegung waren. Die Italiener verteidigten die letztlich harmlosen Angriffe konzentriert und wirkten leichtfüßiger am Ball. Es war eine Zufallschance, dass Draxler nach einer Hereingabe von der rechten Seite im Fünfmeterraum mit dem Rücken zum Tor an den Ball kam – sein Schuss ging nur knapp über die Latte des italienischen Tores (107.), Schweinsteigers Distanzschuss nach einem nicht gut zu Ende gespielten Konter verfehlte das Ziel weiter (109.). Italien lauerte, tat aber kaum noch etwas für das Spiel. Der eingewechselte Lorenzo Insigne kam im Strafraum zum Schuss, aber Neuer hielt (113.). Im Anschluss sorgte Deutschlands Schlussmann mit einem Abstoß gegen den Schiedsrichter kurz für Unruhe, aber die DFB-Elf hatte das Spiel schnell wieder im Griff. Nach Chiellinis Foul an Müller auf dem Flügel brachte Kroos den Freistoß in die Mitte, fand aber keinen Abnehmer (116.). Özils Schuss landete bei Buffon (119.) – so musste das Elfmeterschießen auf das Tor vor den italienischen Fans entscheiden.


Die Entscheidung im Elfmeterschießen

1. Insigne trifft – Kroos trifft

2. Zaza schießt über das Tor – Müller scheitert an Buffon

3. Barzagli trifft – Özil trifft den Pfosten

4. Pellè schießt am Tor vorbei – Draxler trifft

5. Bonucci scheitert an Neuer – Schweinsteiger schießt über das Tor

6. Giaccherini trifft – Hummels trifft

7. Parolo trifft – Kimmich trifft

8. De Sciglio trifft – Boateng trifft

9. Darmian scheitert an Neuer – Hector trifft