Medikamente für Fußball-EM? Spritzen und Schmerzmittel am Hotel der Ukrainer gefunden

Reporter von „correctiv“ haben im Müll der Ukraine Schmerzmittel und Entzündungshemmer gefunden. Verboten sind diese nicht, aber Sportmediziner warnen. Foto: imago/Ernst WukitsReporter von „correctiv“ haben im Müll der Ukraine Schmerzmittel und Entzündungshemmer gefunden. Verboten sind diese nicht, aber Sportmediziner warnen. Foto: imago/Ernst Wukits

Osnabrück. Reporter des Recherchekollektivs „correctiv“ haben im Müll verschiedener EM-Teilnehmer gewühlt. Am Hotel der Ukraine fanden sie dabei einen Müllsack voller Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Ein Einblick in die Behandlungspraxis bei Profifußballern.

Das Recherchekollektiv „correctiv“ will Missstände aufdecken und arbeitet nach eigener Aussage unabhängig. Mit ihrer jüngsten Aktion machen die Reporter dem journalistischen Vorbild des „muckracker“, also einem Journalisten, der sich nicht zu schade ist, im Müll zu wühlen, alle Ehre. In einem Müllsack der ukrainischen Fußball-Nationalmannschaft fanden sie Schmerzmittel, Spritzen und Infusionsbeutel. Der Fund gibt einen Einblick darüber, welche Medikamente Fußballprofis zu sich nehmen (müssen), um für wichtige Spiele fit zu werden.

Benutzte Spritzen und Ampullen

Der Müllsack stand neben dem Mannschaftshotel der Ukraine in Aix-en-Provence. Einen Tag nach dem letzten Spiel der ukrainischen Mannschaft, am 22. Juli, stellen Hotelangestellte Müllsäcke raus. In einem unbeobachteten Moment schnappen die Reporter zu. Neben eindeutigen Indizien, dass es tatsächlich Müll der Ukrainer sein muss (etwa eine Kapitänsbinde der Uefa, ein Aufwärmshirt und eine Liste der Zimmerbelegung der ukrainischen Spieler) finden die Reporter auch benutzte Spritzen, Medikamentenpackungen und Ampullen.

Verbindungen zu Doping?

Unter den Arzneien befanden sich keine Dopingsubstanzen, das machen die Rechercheure deutlich. Dennoch bestünden mögliche Verbindungen zu Doping, wie ein Mediziner im „correctiv“-Gespräch sagt. Auf Nachfrage, wie die gefundenen 50-Milliliter-Glucose-Infusionen zu bewerten seien, sagt Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz: „Das kann für einen Diabetiker gelten, der an Unterzuckerung leidet oder einen Marathonläufer im absoluten Erschöpfungszustand.“

Sinnlos für Profifußballer

Für Profifußballer könnten solche Infusionen nur dann Sinn ergeben, wenn sie zum Beispiel in extremer Hitze spielen und akut den Zuckerspeicher im Körper aufstocken müssten, schreibt „correctiv“. Die Reporter verweisen auf Dopingfälle in Verbindung mit Glucose aus der Vergangenheit, bei denen Glucose mit Insulin gemischt wurde. Das wäre verboten, sagt Simon. Ein Hinweis auf ein Insulin-Präparat fand sich im Müll der Ukrainer aber nicht.

Profi beendet Karriere wegen Behandlungspraxis

Wie gefährlich „zu viele Schmerzmittel“ sein können, zeigt der Fall des ehemaligen dänischen Fußballprofis Daniel Agger, der erst kürzlich seine Karriere beendete. „Ich bin fertig mit diesem Zirkus“, erklärte er vor knapp drei Wochen. In einem Interview mit der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erklärte der Verteidiger, bei seinem ehemaligen Verein Liverpool sei er systematisch mit Medikamenten vollgepumpt worden. Laut dem Bericht hätten die Teamärzte in Liverpool die Einnahme der Medikamente gesteuert. Wann immer Agger sich weigerte, die schmerzstillenden Mittel einzunehmen, sei er dazu gezwungen worden, heißt es bei „n-tv.de“.

Müll der deutschen Mannschaft nicht zugänglich

Übrigens wühlten die Reporter auch im Müll anderer Mannschaften. An den Quartieren der Schweizer Mannschaft und der Isländer fanden sie keine Medikamente im Müll. Die Abfallcontainer der deutschen und der italienischen Mannschaft seien nicht zugänglich gewesen.


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