Claudia Neumann als Pionierin EM 2016: Die erste Frauenstimme beim Männerturnier

Von Niklas Molter

Mit Claudia Neumann kommentiert bei der EM erstmals eine Frau. Foto: dpa/Rainer JensenMit Claudia Neumann kommentiert bei der EM erstmals eine Frau. Foto: dpa/Rainer Jensen

Paris. Mit Claudia Neumann kommentiert bei der EM erstmals eine Frau. Im Interview spricht die Kommentatorin über Anfeindungen, Vorurteile und wie es ist, „immer die Erste“ zu sein.

Frau Neumann, Sie kommentieren als erste Frau bei einer Männer-Europameisterschaft. Mal ehrlich: Können Sie verstehen, dass Sie immer wieder auf das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ angesprochen werden?

Claudia Neumann: Verstehen kann ich es, weil ich das Geschäft ganz gut kenne. Aber ich würde mir wünschen, dass es nicht so wäre. Ich fände es viel schöner, wenn das schon eine relativ normale Geschichte wäre, statt dauernd darüber zu reden.

Stört Sie die Reduzierung auf die Rolle als „Erste“?

Neumann: Ich würde nicht sagen, dass ich darauf reduziert werde. Aber diese Aufmerksamkeit aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau bin, mag ich nicht. Entweder bekomme ich Aufmerksamkeit, weil ich es vernünftig mache oder weil ich es schlecht mache. (lacht) Aber nicht weil ich eine Frau bin. Der Fußball ist nun wirklich kein Punkt, wo wir die Gender-Frage diskutieren müssten - schon gar nicht im Jahr 2016. Mittlerweile gibt es ganz viele Kolleginnen, die im Fußball arbeiten, auch in leitenden Funktionen. Das wird kurioserweise immer übersehen.

Frauenfußball unterscheidet sich von der Spielweise her vom Männerfußball. Kommentieren Frauen auch anders?

Neumann: Ich versuche so zu kommentieren, wie es meinem Naturell entspricht. Und das ist, glaube ich, nicht viel anders als bei Männern, weil ich den Fußball genauso erlebe. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist die Stimme. Da kann ich nur insofern darauf Einfluss nehmen, dass ich bei Spielen, bei denen es noch nicht um den WM- oder in diesem Fall EM-Pokal geht, die Emotionalität nicht gleich bei jeder Strafraum-Annäherung auf die Spitze treibe. Da kann ich dosieren.

Claudia Neumann: Ich habe mehr Männerfußball als Frauenfußball gesehen

Geht es auch darum, dass der eine oder andere eine Frauenstimme, sobald sie energischer wird, schneller als unangenehm empfindet?

Neumann: Klar. Es ist ungewohnt, dass eine Frauenstimme in dieser Form über Fußball spricht. Und das über 90 Minuten. Ich selbst habe gar keine hohe Stimme als Frau. Ich werde oft am Telefon für einen Mann gehalten. Aber es ist und bleibt eine Frauenstimme, die Klanglage ist eine andere. Das ist in erster Linie Gewohnheit, hat mit Toleranz und Akzeptanz zu tun. Wenn man von vornherein dagegen ist, wird man sie auch nach zehn Mal nicht schön finden. Auf der anderen Seite sage ich Ihnen: Es gibt auch männliche Kollegen, bei denen ich sage: Die ideale Stimme hat der nicht. Das ist eine Geschmacksfrage.

Sie haben unter anderem die Frauenfußball-Weltmeisterschaften 2011 und 2015 kommentiert. Auf welche Änderungen müssen Sie sich einstellen, wenn Sie Männerspiele kommentieren?

Neumann: Ich muss mich nicht auf Änderungen einstellen, weil ich viel mehr Männerfußball als Frauenfußball gesehen habe. Meine Berichte betreffen zu 95 Prozent Männerfußball. Ich habe ihn auch schon live kommentiert. Das ist nur ein bisschen untergegangen, weil es Olympia war und überwiegend im Livestream gesendet wurde. Es war auch nicht in meinem Interesse, die Leute da mit dem Finger drauf zu stoßen. (lacht) Männerfußball zu kommentieren kann sogar angenehmer sein, weil die Ereignisdichte höher ist und man sich dadurch mehr beim Spiel befindet. Andererseits ist das Tempo viel höher, sodass strittige Situationen schwieriger einzuordnen sind.

Wie gehen Sie mit Anfeindungen, mit Sprüchen über Frauen und Fußball um?

Neumann: Wir müssen da ein paar Sachen trennen. Wir leben in einer Zeit, in der der eine oder andere über die sozialen Netzwerke ein Hobby betreibt, das nicht nach meinem Geschmack ist, womit ich mich aber arrangiere. Ich persönlich habe da Erfahrung, allerdings nicht annähernd so viel wie prominente Kollegen von mir. Aus meiner Sicht ist es kein Zufall, dass die am meisten kritisierten Kommentatoren die exponierten und die besten sind. Wer mit seiner Arbeit viele Menschen erreicht, muss damit rechnen – nicht nur in unserer Branche. Gerade in Grillrunden, wenn alle zusammen sitzen und zuhören, schaukeln sich Kommentare schnell hoch. Da muss sich nur einmal jeder selbst überprüfen: Wer in Gesellschaft guckt, hat immer etwas zu dem zu sagen, was er sieht. Da beklage ich mich gar nicht darüber. Das hat nichts mit mir persönlich zu tun, die kennen mich ja nicht.

Die EM wird von starken Sicherheitsvorkehrungen begleitet sein. Machen Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit?

Neumann: Nein, ich versuche mir überhaupt keine Gedanken darüber zu machen. Bis jetzt ist mir das auch gut gelungen. Es ist ja völlig wurscht, ob ich nach Paris, Brüssel, Madrid fahre: Diese Bedrohungslage ist überall. Ich glaube, es ist sinnvoll, das in dem Zusammenhang´auszublenden. Ich fahre lieber Fahrrad, als in die Metro zu gehen. Das habe ich bei allen Großveranstaltungen der letzten zehn Jahre gemacht, weil ich mich lieber überirdisch als unterirdisch bewege. Da fühle ich mich in Paris auch besser, was die Bedrohungslage betrifft.