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08.06.2016, 20:49 Uhr KOLUMNE

Blick ins TV: Wirklich mehr als Effekthascherei?

Von Benjamin Kraus


Heftig: Toni Schumacher räumt bei der EM 1982 Patrick Battiston ab – ein Thema bei „Ziemlich beste Gegner“. Foto: dpaHeftig: Toni Schumacher räumt bei der EM 1982 Patrick Battiston ab – ein Thema bei „Ziemlich beste Gegner“. Foto: dpa

Osnabrück. Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Was nicht nur an der Themenwahl der beiden Reportagen zur EM am Dienstagabend im deutschen TV lag. Sondern auch an der Qualität. Während die eine starke Bilder und liebenswerte Menschen ins Zentrum rückte und als richtig gut in Erinnerung blieb, setzte die andere auf übertriebene Inszenierung sowie martialische Effekte – und war einfach nur schlecht.

Die Arte-Reportage zum Fußball in Deutschland und Frankreich lautete „ Ziemlich beste Gegner“ (abrufbar in der Mediathek unter arte.tv, nochmal im TV am Montag ab 9.25 Uhr) – die Anspielung auf den Titel eines der besten französischen Filme der letzten Jahre, in dem ein reicher, an den Rollstuhl gefesselter Weißer und ein armer, kleinkrimineller Schwarzer trotz aller Gegensätze „Ziemlich beste Freunde“ werden, ist gelungen. Spielerisch illustriert der Film die fußballerische Rivalität der Länder, indem sie einen Adler und einen Hahn auf dem Massagetisch einer Kabine ins Bild setzt, wo sich die Tiere misstrauisch und nicht frei von Komik gegenseitig beäugen.

Die Reise durch die Fußball-Jahrzehnte fasziniert: Angefangen mit der Nacht von Sevilla bei der WM 1982, als Deutschlands Torwart Toni Schumacher Frankreichs Stürmer Patrick Battiston ausknockte – und bis heute keine geeigneten Worte findet, das zu erklären. Im Gegensatz zu Gernot Rohr , Bonvivant von der Gironde, der aus Mannheim stammt, aber nicht nur bezüglich Fußball in Bordeaux eine neue Heimat gefunden hat und eine ähnlich beeindruckende deutsch-französische Fußball-Vita vorweist wie Bixente Lizarazu und Willy Sagnol (je neun Jahre bei den Bayern). Und natürlich darf das Finale im Europapokal der Landesmeister 1976 nicht fehlen. Als München 1:0 siegte, weil der AS St. Etienne zweimal den Innenpfosten traf. Weshalb sie noch heute Kult machen im Zentralmassiv Frankreichs aus den eckigen Holzpfosten, die damals im Glasgower Hampden Park die Tore verhinderten.

Und in der ARD? Warf Reinhold „Hashtag“ Beckmann in seinem so genannten Reportageformat am späteren Abend zwei Themen in einen Topf: „Der Titeltraum der deutschen Fußballstars: EM-Vorbereitung in Zeiten des Terrors“ (abrufbar unter ardmediathek.de ). So konnte man altbekannte Jubelszenen mit altbekannten Schreckensbildern aller stattgefundenen – oder auch ausgebliebenen – Terroranschlägen der letzten Monate im Film zusammenmischen.

Der Ansatz ist angesichts der Ereignisse beim Länderspiel in Paris am 13. November 2015 und der abgesagten Partie der Deutschen in Hannover kurz danach zwar noch plausibel. Umgekehrt darf man aber fragen, ob es wirklich mehr ist als Effekthascherei, wenn der nicht nominierte Keeper Kevin Trapp von Paris St. Germain mit dem Finger auf die noch sichtbaren Einschusslöcher im Bataclan zeigt. Oder der in der Türkei aktive Nationalstürmer Mario Gomez auf einer Terrasse mit der Bosporus-Meerenge im Hintergrund erklärt, dass es überall passieren kann – angesichts des im Film konstruierten Zusammenhangs mit einem Terroranschlag in Istanbul ein paar Tage vorher, der gar nichts mit Fußball zu tun hatte.

Man kann mit Worten von Lilian Thuram aus der Arte-Reportage auf den Beckmann-Film blicken. Dort sagte der Rekordnationalspieler Frankreichs und WM-Sieger von 1998: „Wir Menschen sind emotionale Wesen. Und die Emotion, die heute die Gesellschaft bewegt, ist die Angst. Aber: Diese Angst ist auch gewollt.“

Hier geht es zum letzten Blick im TV: Der Ball rollt schon


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