Tennisstar im NOZ-Interview Roger Federer: „Kleine Momente machen es für mich aus“

Roger Federer ist der große Gentleman des Tennis – kein Mann für laute Töne. Im NOZ-Interview spricht er über Olympia, Eiskunstlaufen und Facebook. Foto: AFPRoger Federer ist der große Gentleman des Tennis – kein Mann für laute Töne. Im NOZ-Interview spricht er über Olympia, Eiskunstlaufen und Facebook. Foto: AFP

Monaco. Er ist der große Gentleman des Tennis – kein Mann für laute Töne oder Extravaganzen. Bevor Roger Federer sich in einem edlen Hotel in Monaco mit einer kleinen Gruppe Journalisten an den Tisch setzt, begrüßt der Schweizer jeden von ihnen lächelnd per Handschlag und tauscht sichtlich gut gelaunt Höflichkeiten aus.

Zu diesem Zeitpunkt stand der 34-Jährige nach einer Verletzungspause kurz vor dem Comeback beim ATP-Turnier von Monte Carlo. Mit der Gruppe spricht er über seine Ziele bei den Olympischen Spielen, Eiskunstlaufen und seinen Facebook-Account.

Herr Federer, wenn Sie es sich wünschen dürften: der achte Wimbledon-Titel oder Einzel-Gold in Rio de Janeiro?

Es ist völlig schwierig, das zu beantworten. Der Grand Slam hat einen hohen Stellenwert bei uns Tennisspielern, das ist klar. Olympia ist einfach anders. Da ist die Enttäuschung riesig, wenn du verlierst, weil diese Chance nur alle vier Jahre kommt. Das sind wir Tennisspieler nicht gewohnt. Wir sind gewohnt: „Wimbledon ist schlecht gelaufen, dann halt nächstes Jahr.“

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Warum sind Ihnen die Olympischen Spiele so wichtig?

Als Kleiner habe ich früher viel Olympia geschaut. Ich war sehr vom Basketball angetan: Michael Jordan, Shaquille O’Neal und so weiter. Das kam im Fernsehen. Oder auch Marc Rosset, der Gold geholt hat im Tennis. Ich war selber auf dem Platz, als die Nachricht über den Lautsprecher kam. Dazu kommen meine eigenen Erfahrungen: Ich durfte als Teenager nach Sydney, habe ein absolutes Wahnsinnsturnier gespielt und bin ins Halbfinale gekommen. Dann habe ich zweimal verloren und war total traurig. Auf einmal wollte ich unbedingt eine Medaille. Ich konnte es nicht fassen, dass ich fast eine hatte und zum Schuss leer ausging.

Große Liebe in Sydney getroffen

Immerhin gab es privat für Sie ein glückliches Ende.

Genau. Sportlich hat es mir sehr wehgetan, aber gleichzeitig habe ich dort Mirka kennengelernt, und wir hatten die besten zwei Wochen im Dorf.

Danach waren Sie bei noch drei weiteren Olympischen Spielen. Wie haben Sie die erlebt?

In Athen war ich Olympiafahnenträger, in Peking auch – vor Millionen Leuten zu Hause vor dem Fernseher und Tausenden im Stadion. Andere Athleten sind zu mir gekommen und wollten Autogramme. Es war Wahnsinn – diese ganzen Emotionen. In Peking habe ich mit Stan Wawrinka im Doppel Gold gewonnen. Das kam aus dem Nichts. Danach Silber im Einzel in London. Es ist so viel passiert bei den Spielen, sodass mir das extrem viel bedeutet.

Sie haben es gerade beschrieben: Auch andere Athleten schauen zu Ihnen auf. Sie sind für sie eine Art Inspiration. Lassen auch Sie sich von jemandem inspirieren?

Mehr als früher noch. Ich hatte nie so richtige Idole und wollte nie jemand anderes werden. Ich wollte immer ich selber bleiben. Aber ich wollte auch mal so eine Karriere haben wie die Besten. Das war damals völlig weit weg. Aber dann bin ich immer weiter gekommen, bin immer näher herangerückt an diese Michael Schumachers, Tiger Woods und Valentino Rossis. Von ihrer Dominanz über lange Jahre habe ich mich inspirieren lassen.

Und heute?

Heute finde ich es sehr spannend, interessante Leute zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen. Wie zum Beispiel bei den Oscars – oder in den Bereichen Kunst oder Mode. Da triffst du Leute, die sind total anders als im Tennis. Ich lasse mich aber auch von Sportlern inspirieren – durch das, was sie sagen, oder durch ihre Leistung.

Der Reiz von Eiskunstlaufen

Zum Beispiel?

Vor Kurzem habe ich die Eiskunstlauf-WM geschaut. Da lief es mir kalt den Rücken runter, weil ich nicht glauben konnte, was diese Leute aufs Eis bringen. Das ist wunderschön. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen, diese Sprünge auf den Kufen zu machen und sich wieder abzufangen. Das ist alles so elegant. Das ist der Hammer. Letztlich glaube ich, wir inspirieren uns gegenseitig. Das heißt nicht, zu jemandem hochzuschauen, sondern zu bewundern, was andere Leute machen. Aber ich höre es gerne, wenn ich diese Person bin. Es schmeichelt mir, dass ich so einen Stellenwert im Leben von anderen habe.

Den haben Sie sich durch eine lange, erfolgreiche Karriere erarbeitet. In den letzten Jahren haben Sie stets betont, keinen Gedanken ans Aufhören zu haben. Gilt das nach wie vor?

Ja, absolut. Für mich hat sich nichts geändert. Es war auch niemals ein Punkt da, wo ich gesagt habe: „Oh, das könnte eine Ausstiegsklausel sein.“

Hat Ihnen denn die Meniskusverletzung Ende Januar zu denken gegeben? Es war ja Ihre erste größere Zwangspause...

... und meine erste Operation.

Also ganz neue Erfahrungen. Waren Sie da mal erschrocken, dass so etwas passiert ist?

Wir sind ja nicht im Eishockey oder im Fußball. Bei Kontaktsportarten kann immer etwas passieren, weil der Gegner – ich sag jetzt mal – es herausfordert. Bei uns ist das anders. Wenn es dir nicht gut geht, dann machst du mal Pause. Aber du gehst nicht in ein Match rein und denkst: Ich hoffe, ich verletz mich nicht. Ich habe das selber sehr gelassen genommen und habe akzeptiert, was der Doktor mir gesagt hat. Und erst als ich dann wirklich in den Operationsraum reingekommen bin, da ist mir bewusst geworden: „In einer Stunde bin ich ein operierter Mensch.“ Und das hat mir dann Angst gemacht. Das hat mich traurig gestimmt – ganz ehrlich. Und als ich rausgekommen bin, habe ich mein Bein angeschaut und gedacht: „Das ist, als ob das nicht mein Bein wäre. Das ist nicht mehr so, wie es früher war. Ich kann kaum meine Zehen bewegen.“ Das war dann vielleicht für 12 bis 14 Stunden so. Dann bin ich mit den Krücken rausgelaufen, und es ging mir schon besser.

War diese Auszeit schon ein kleiner Ausblick auf die Zeit nach der aktiven Karriere?

Ich war dann natürlich zwei-, dreimal am Tag mit Reha am Werke. Ich hab schon auch hart gearbeitet. Aber klar: Was mir vor allem gefallen hat, war, dass ich keinen Plan hatte für den restlichen Tag. Eigentlich hätte ich ja Turniere spielen sollen. Aber auf einmal ist da gar nichts los. Und dann hast du vier Wochen, in denen du einfach sagen kannst: „Okay, jetzt ist Zeit für Familie, Reha und Freunde, die vorbeikommen.“

Inzwischen sind Sie wieder fit und gehen in eine weitere Saison. Wie steht es um Ihre Lust auf Tennis: Ist die immer noch so groß wie früher?

Es ist völlig anders als früher. Früher war ich schon überhaupt happy, auf der Tour zu sein. Klar, warst du riesig enttäuscht, wenn du verloren hast. Und wenn du gewinnen konntest, war das das Größte. Auch das Reisen war schwer am Anfang. Man musste sich daran gewöhnen, gegen Profis zu spielen als Bub. Das war manchmal nicht einfach, aber trotzdem war es der absolute Traum, den ich durchlebt habe.

Wie ist es heute?

Heute lebe ich den Traum anders. Einfach zu wissen, was mir Tennis bedeutet; zu sehen, wie viele Fans ich habe überall auf der Welt, und all das mit der Familie zu erleben. Ich mag es auch, Turniere spielen zu können, die mir selber gefallen. Früher hast du nicht mal einen Handschlag bekommen von einem Turnierdirektor. Das ist jetzt anders. Ich sehe einfach, dass viele Leute mich gerne spielen sehen, und das inspiriert natürlich auch, hart zu arbeiten.

Die besonderen Gänsehautmomente

Gibt es etwas Konkretes, das Sie motiviert?

Diese Gänsehautmomente. Der Wunsch, Erfolge noch einmal zu erleben – wie es beim achten Wimbledon-Titel wäre. Also Momente, zu denen du sagst: „Das war wieder ein Hammer-Turnier. Ich hatte eine super Zeit. Die Leute freuen sich für dich.“ Ich mag es, Autogramme zu schreiben; wenn die Leute mich anstrahlen. Aber ich mache mir auch selber Freude, wenn ich kreativ spiele – im Training wie auf dem Match-Platz. Diese kleinen Momente machen es für mich aus.

Haben Sie Angst davor, dass diese Momente mal fehlen?

Das glaube ich jetzt weniger. Aber es ist sicher so, dass ich vor Spielen nicht mehr so nervös bin wie früher. Das ist aber auch normal, denn du gewöhnst dich daran, vor 15.000 Leuten zu spielen. Manchmal bin ich aber vor einer ersten Runde total nervös und vor dem Finale nicht.

Federer zu Alexander Zverev

Bei diesen Turnieren spielen sich inzwischen auch jüngere Spieler in den Vordergrund – wie der Deutsche Alexander Zverev. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?

Es ist sicher etwas im Kommen. Aber ich glaube, es braucht immer noch seine Zeit. Drei bis vier Spieler drängen in den Vordergrund, und das ist auch gut so. Letztes Jahr haben wir schon gesehen, wer so kommt: Kyrgios, Coric. Jetzt ist es so ein bisschen Taylor Fritz und andere junge Amerikaner. Bei Zverev wusste man letztes Jahr auch schon, dass der etwas kann. Aber diese Spieler brauchen jetzt einfach noch ein, zwei Jahre, um sich zu etablieren.

Haben sie bis dahin überhaupt eine Chance?

Die müssen die zwei Jahre jetzt ausnutzen, in denen man sie noch nicht so gut kennt. Ich kenne ja die Abläufe von den Jungen noch nicht – also die Muster, wo sie am liebsten hinspielen. Das macht aber sehr schnell seine Runden, und dann wird es natürlich schwieriger. Aber wenn der Spieler gut genug ist, hat er sich bis dahin verbessert und kann schon wieder mehr.

Wie viel macht dabei der Kopf aus?

Die Frage ist: Bist du bereit, jeden Tag hart zu arbeiten? Bist du dir immer bewusst, dass du Profi bist, 365 Tage im Jahr? Und bist du auch bereit, zu reisen – einen Monat oder auch drei Monate am Stück? Wie ist das mit den Freunden?

Gehen Sie auch bewusst auf Leute wie Zverev zu und geben ihm Ratschläge?

Manchmal kommen sie und fragen: „Was denkst du?“ Manchmal redest du auch automatisch darüber – auch über einen anderen Spieler. Mit Zverev habe ich schon sehr viel geredet. Ich glaube auch, dass seine Eltern mich mal gefragt haben, was ich über ihn denke.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, als Trainer zu arbeiten?

Ich sehe mich nicht unbedingt als Trainer, der nochmals auf die Tour geht. Man sieht jetzt viele Coaches, die im Jahr 10 bis 15 Wochen trainieren. Ist das etwas, das ich machen könnte, wenn meine Kinder aus dem Haus sind? Ja, vielleicht schon. Aber das ist dann in rund 20 Jahren. Dann bin ich 54. Aber vielleicht sage ich dann: „Das ist das Letzte, was ich jetzt machen will. Denn jetzt will ich mit meiner Frau die Welt bereisen.“ Vielleicht bin ich dann auch schon Großvater. Aber den Jungen helfen könnte ich ohne Probleme. Ich gebe gerne Ratschläge. Das finde ich auch wichtig. Man sollte nicht sagen: „Man darf bloß keine Tipps geben, weil es ja sein könnte, dass dich deswegen mal einer in der dritten Runde in Wimbledon schlägt.“ Okay, dann soll er halt (lacht).

Federer über Novak Djokovic und Rafael Nadal

Von denen, die nachkommen, zu denen, die da sind. Gibt es momentan statt wie früher eine Top Vier mit Novak Djokovic nur noch eine Top Eins?

Es braucht momentan viel, ihn zu bremsen. Der macht das wunderbar und ist sehr stark in allen Belangen. Er ist körperlich gut drauf, im Kopf scheint es auch zu stimmen. Außerdem hat er den Sprung geschafft von keiner Familie zu Familie, was auch ganz wichtig ist. Das kann ein großer Schnitt sein in deinem Leben, und das kann sehr inspirierend wirken. So wie bei mir im Sommer 2009, als Mirka schwanger war und ich Wimbledon und Paris gewinnen konnte. Es kann aber auch ablenken. Aber wenn du gut genug bist, kann dich eigentlich nichts mehr bremsen; wenn du mal so richtig auf der Welle reitest, wie jetzt er das macht. Darum braucht es sicher besondere Anstrengungen von allen anderen, um ihn zu schlagen.

Sie hatten früher auch große Duelle mit Rafael Nadal. Zuletzt gab es für ihn viele Rückschläge. Glauben Sie, er kommt noch einmal zurück?

Ich glaube, da kommt noch was. Ich bin ein großer Fan von ihm – einfach, weil er für mich der größte und schwierigste Kontrahent war, den ich jemals hatte. Darum habe ich allergrößten Respekt vor ihm. Wir hatten so viele coole Matches gegeneinander. Ich bin der Letzte, der aufhört zu denken, dass er noch etwas erreichen kann. Und ich weiß, wie gut er ist. So gut wie ich kennt ihn keiner auf der Tour.

Federer zu Facebook und Instagram

Damit das nicht so schnell passiert, trainieren Sie hart. Aber auf Ihrem Facebook-Profil lässt sich sehen: Sie gönnen sich auch Freizeit am Meer. Bedienen Sie Ihre Social-Media-Kanäle selbst?

Manchmal muss ich Leuten sagen: „Kannst du das bitte posten?“ Aber ansonsten mache ich das selber.

Welchen Stellenwert haben soziale Medien für Sie?

Früher war ich sehr zurückhaltend, einfach weil ich nicht richtig begreifen konnte, um was es ging. Wie kommuniziert man da mit den Leuten? Ich glaube, man muss die sozialen Medien so nutzen, wie es für einen stimmt, ohne dass es einen einnimmt. Sie haben sehr positive Aspekte, wenn es darum geht, zu informieren oder Informationen zu bekommen.

Was ist Ihnen dabei wichtig?

Es sollte authentisch sein. Bei mir ist das extrem wichtig. Grundsätzlich mache ich gerne Fotos. Ich bin aber viel bei der Familie, und für mich ist es tabu, Bilder von meinen Kindern oder meiner Frau zu posten. Deshalb habe ich für mich gesagt, dass ich nicht jeden Tag etwas machen muss oder jede Woche so und so viel. Inzwischen mache ich das bis zu einem gewissen Grad auch gerne. Es ist eine Möglichkeit, mit meinen Fans zu kommunizieren, was früher ja undenkbar war.


Roger Federer

wird am 8. August 1981 im schweizerischen Basel geboren. Gemeinsam mit zwei Schwestern wächst der Sohn einer Südafrikanerin und eines Schweizers in Baseler Vororten auf. An den Wurzeln der Mutter liegt es auch, dass Federers Vorname englisch und nicht, wie in der Schweiz üblich, französisch ausgesprochen wird. Als junger Tennisspieler fällt Federer zunächst nicht so stark auf und zeigt auch als Fußballer durchaus Talent. Erst ab seinem 14. Lebensjahr fördert ihn der Schweizer Tennisverband. Und von da an verläuft seine Karriere erfolgreich: Er gewinnt zahlreiche Juniorenmeistertitel, verlässt mit 16 Jahren die Schule und wird 1998 Profi.

Zwei Jahre später nimmt er als 19-Jähriger erstmals an den Olympischen Spielen teil. In Sydney spielt er sich bis ins Halbfinale, scheitert dann jedoch am Deutschen Tommy Haas. Danach verliert Federer auch das Spiel um Bronze. Privat hat der Schweizer in Australien mehr Glück: Er lernt dort seine spätere Frau Miroslava „Mirka“ Federer-Vavrinec kennen, die zu der Zeit ebenfalls Profi-Tennisspielerin ist. Das Paar ist seit April 2009 verheiratet und hat inzwischen vier Kinder – zweimal Zwillinge: Ihre Töchter Charlene Riva und Myla Rose sind sechs Jahre alt, die Söhne Leo und Lennart zwei. Sportlich ist Federer mit insgesamt 17 Grand-Slam-Titeln der erfolgreichste Tennisprofi aller Zeiten – von den noch Aktiven folgen Rafael Nadal (14) und Novak Djokovic (11). Medaillenerfolge bei Olympischen Spielen feiert er 2008 in Peking – Gold im Doppel mit Stanislas Wawrinka – und 2012 in London mit Silber im Einzel. Demnächst wird Federer übrigens bei den Gerry Weber Open in Halle/Westfalen zu sehen sein. An dem Turnier (11. bis 19. Juni) nimmt der Schweizer zum 14. Mal teil (seit 2000) – bei insgesamt acht Turniersiegen. (svm)

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