Hoffenheim-Coach im Interview Julian Nagelsmann: „Man darf nicht von Perfektion träumen“

Im Interview spricht der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim, Julian Nagelsmann, über Ratgeber, Ablenkung und Ü-30-Partys. Foto: WittersIm Interview spricht der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim, Julian Nagelsmann, über Ratgeber, Ablenkung und Ü-30-Partys. Foto: Witters

Heilbronn. Im Interview spricht der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim, Julian Nagelsmann, über Ratgeber, Ablenkung und Ü-30-Partys.

Julian Nagelsmann ist ein gefragter Mann. Rund 100 Interviewanfragen liegen der Presseabteilung der TSG Hoffenheim für den jüngsten Bundesligatrainer vor. Für die ständigen Begleiter des Vereins hat sich der 28-Jährige am Dienstagabend in kleiner Runde 45 Minuten Zeit genommen.

Herr Nagelsmann, wie wird der Fußball aussehen, wenn Sie im Jahr 2070 mit 82 der älteste Trainer sind?

Julian Nagelsmann: Oh, das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich wird das Spiel wesentlich schneller sein, im Gegensatz zu mir. Ich werde dann wohl mehr sitzen. Wahrscheinlich wird der Fußball eine sehr, sehr komplexe Sache sein, technisch transparenter als heute.

Hatten Sie den Rummel um Ihre Person so erwartet?

Mir war bewusst, was da auf mich zukommt. Natürlich werde ich jetzt häufiger angesprochen beim Bäcker. Deshalb kaufe ich nur noch gesunde Sachen, damit mir da keiner etwas vorwerfen kann. (lacht)

Bei wem sucht ein junger Bundesliganeuling Rat?

Es gibt viele im Verein, die ich fragen kann. Es gehört für mich auch dazu, Interviews von Kollegen zu lesen. So lässt sich gewissermaßen Rat anlesen, wie man sich gibt – oder besser nicht.

Gehören Sie zum Typ Trainer, der 24 Stunden am Tag an Fußball denkt?

Ich möchte mir beibehalten, dass ich mit Leib und Seele dabei bin. Aber ich habe schon früh gelernt, dass man auch die Fähigkeit besitzen muss, mal abschalten zu können. Ich schaue nicht jedes Fußballspiel an, das im Fernsehen gezeigt wird.

Wie lenken Sie sich ab, wenn nicht die Familie im Mittelpunkt steht?

Schlafen und Sport. Grundsätzlich mache ich alle Sportarten gerne, bei denen ein Ball dabei ist, egal ob groß oder klein. Erst vorhin war ich in unserem Footbonauten (ein Trainingsgerät, bei dem ein automatisch geschossener Ball angenommen und zurückgespielt werden muss / Anm. d. Red.).

Wie unterschiedlich ist die Arbeit in der Bundesliga im Vergleich zum Jugendbereich?

Die Arbeit im Jugendfußball ist ähnlicher als man denkt. In Sachen Menschenführung ist es im Erwachsenenbereich anspruchsvoller, im Jugendbereich begleitet man die Spieler mehr auf dem Weg nach oben. Es haben ja alle das Ziel, Profi zu werden.

Aus als Profi – Wie schlimm war es?

Das hatten Sie auch. Wie schlimm war es denn, schon mit 20 merken zu müssen: mein Körper steht mir in Sachen Profikarriere im Weg.

Man nimmt ja viele Entbehrungen dafür auf sich. Ich bin früh von daheim ausgezogen und ins Internat bei 1860 München gegangen. Man verzichtet für den Fußball auf vieles, auch auf Partys. Als dann klar war, das wird nichts, gab es schon Momente, in denen ich gehadert habe. In denen man schlucken musste. Aber ich habe dadurch gelernt, nur nach vorne zu schauen.

Hätten Sie es gepackt als Profi?

Um das zu wissen, müsste ich Hellseher sein. Ich war als Spieler sicherlich kein Vollblinder, aber ob ich ein richtig Guter geworden wäre, das weiß ich nicht.

Wie nah kommt denn die aktuelle Hoffenheimer Mannschaft Ihren Erwartungen an ein Team?

Die Jungs haben das gut gemacht in den vergangenen Wochen. Aber ich habe schon als Jugendtrainer gelernt, dass man von Perfektion nicht träumen darf. Fußball ist nun mal ein Fehlerspiel, es gibt den Sahnetag, aber nicht den perfekten Tag.

Wie sehr darf ein junger Bundesliga-Trainer Kumpeltyp sein?

Das ist zum einen abhängig von der Mannschaft, aber auch von der Situation. So lange es funktioniert, darf jeder Trainer so sein, wie er will. Ich habe da kein Paraderezept nach dem Motto: Heute bin ich zu 70 Prozent Kumpel, morgen zu 80 Prozent. Wenn die Mannschaft fokussiert ist, spricht nichts gegen ein gutes Miteinander.

Wie viele Freiheiten gestattet denn der Trainer Julian Nagelsmann seinen Spielern?

Über allem steht natürlich der Leistungsgedanke. Wir wollen gute Spiele abliefern, dazu gehört auch, dass die Spieler sich professionell geben. Ich bin sehr zufrieden, wie die Mannschaft sich außerhalb des Trainingszentrums verhält.

Welche Überschrift soll nach dem 34. Spieltag über dem letzten Hoffenheimer Saisonspiel prangen?

Die Mannschaft hat sich in der Liga gehalten.

Das ist aber eine langweilige Überschrift.

Die guten Schlagzeilen müssen die Journalisten liefern.

Und wie fällt Ihre Antwort aus, wenn die Mannschaft nach dem letzten Saisonspiel verlangt, auf den Klassenerhalt gemeinsam einen trinken zu gehen?

(lacht) Da sage ich nicht nein.

Solange es nicht auf ein Ü-30-Party geht, oder?

Da müsste ich mir dann noch ein Ausweis machen lassen.

Der 36-jährige Sportdirektor Alexander Rosen, der neben Nagelsmann sitzt, sagt: „Keine Sorge, ich bringe dich da rein.“


Zur Person

Der 28-jährige Julian Nagelsmann ist seit sechs Jahren bei der TSG Hoffenheim. Sein größter Erfolg war im Jahr 2014 der deutsche Meistertitel mit der Hoffenheim U19. Nagelsmann ist mit Freundin Verena liiert, das Paar hat gemeinsam den 15 Monate alten Sohn Maximilian. Der gebürtige Landsberger Nagelsmann hat einst bei 1860 München in der Jugend gespielt, sagt aber über sich: „Durch den Einfluss meines älteren Bruders bin ich zum FC-Bayern-Sympathisant geworden.“

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