Kugelstoß-Weltmeisterin im Interview Christina Schwanitz über Doping und russisches Ballett


Heilbronn. Mit dem WM-Titel in Peking hat sich für Kugelstoßerin Christina Schwanitz ein sportlicher Traum erfüllt. Die 30-Jährige kämpft gegen das ramponierte Ansehen ihrer Sportart, kritisiert Missstände. „Wenn es in Russland solche Dopingkontrollen wie in Deutschland gäbe, sähe die Sache ganz anders aus“, sagt die Sportlerin des Jahres im Interview.

Frau Schwanitz, hdarf man eine Kugelstoßerin je fragen, wie es ihr geht?

Klar darf man das. Na, derzeit bin ich nicht in Topform. Muss ich aber auch nicht sein. Ich hatte lange zu schwere Belastungen bei zu kurzer Regeneration für meine Disziplin. Im Champions Club in Belek hat mir Hochspringerin Ariane Friedrich von einem Körperstatiker in Unterhaching erzählt. Dort war ich, und die haben mich richtig klasse hingebracht, so dass ich auch im Knie wieder schmerzfrei war.

Haben Sie eigentlich schon mal ausgerechnet, wie viele Tonnen Eisen Sie im Monat stemmen?

Nö. Mein damaliger Trainer hatte das gemacht. Ich glaube auch, dass mein jetziger Trainer Sven Lang das ausrechnet, aber du kannst Kraftwerte haben noch und nöcher, wenn du es nicht umsetzen kannst, nützt dir das gar nichts.

Weiterlesen: Schwanitz und Frodeno sind Sportler des Jahres

Einst ist das ein Problem von Ihnen gewesen. Kraft war da, aber es fehlte an der effizienten Umsetzung.

Richtig. Wir haben sehr viel an der Technik gearbeitet. Man hat ja gesehen, dass es nicht schlecht funktioniert hat.

Eine andere Schwäche war der Kopf – bis Sie sich an eine Sportpsychologin gewandt haben.

Dank Grit Reimann bin ich psychisch sehr stark geworden. Sie hat das ganz große Paket in die Waagschale gelegt, dass ich mit dem Druck auch umgehen kann. Viele haben schon gesagt, warum hörst du nicht auf? Trotzdem habe ich daran geglaubt und jetzt ist es umso schöner bewiesen zu haben, dass man bekommen kann, was man ganz doll möchte, wenn man sehr hart daran arbeitet. Jeder, der sauberen Sport betreibt, hat es verdient, den Pokal überreicht zu bekommen.

Stichwort sauberer Sport: Die Leichtathletik steht derzeit gar nicht gut da.

Wenn es in Russland solche Dopingkontrollen wie in Deutschland gäbe, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätte ich sehr wahrscheinlich einige Konkurrentinnen in den vergangenen Jahren nicht im Ring getroffen.

Rückschau: Die Tops und Flops der Leichtathletik-WM

Sie hat sehr geärgert, dass der Dopingskandal in Russland eine Woche vor der WM publik wurde.

Mehr kann man einer Sportveranstaltung nicht schaden. Damit kriegen die Leute eine bestimmte Meinung vorgesetzt. Auch in meinem Umfeld haben welche gesagt, warum soll ich mir die WM anschauen, die bescheißen doch sowieso alle. Das ist das Traurige, dass man mega Überzeugungsarbeit leisten muss, um zu zeigen: ich bin an der Weltspitze und nehme nichts. Hundertprozentig, da lasse ich mir meine rechte Hand für abhacken.

Überzeugungsarbeit ist schwierig.

Man kommt als einzelne Athletin eben nicht so an die Masse ran. Es ist sehr schwer, immer wieder zu zeigen, dass man nicht dopt, aber klar gegen Doping ist. Kürzlich hatte ich um 22.45 Uhr bis 0.30 Uhr eine Kontrolle. Daraufhin habe ich mich beschwert. Sportler sollen sich regenerieren – und die beste Regeneration ist der Schlaf. Und das wird mir gekappt. Darauf kam zurück, das sei so eine Möglichkeit zu beweisen, dass ich sauberen Sport betreibe, die Kontrollen sollen aber unkontrollierbar sein – deshalb die Zeitfenster.

Beweisen Sie, dass Sie sauber sind.

2014 hatte ich 55 Dopingkontrollen – wie oft denn noch? Und warum nachts? Ich finde es unmöglich, dass ich ständig beweisen muss, dass ich nicht schuldig bin. Ich mache sauberen Sport. Die Dopingkontrolleure dürfen bei mir klingeln. Es geht mir nicht darum, dass ich keine Kontrollen machen möchte, aber: Warum muss ich das in Deutschland in dieser Häufigkeit tun und in anderen Ländern ist das nicht so? Das ist mein Problem.

Das ist nachvollziehbar.

Noch etwas. Ich sitze im Goldenen Käfig. Ich bin mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen, damit ich mich nicht mehr abmelden muss. Aber jetzt muss ich mich ständig abmelden. Damit habe ich ein Problem. Ich muss von morgens 5 Uhr bis abends 23 Uhr angeben, wo ich wann wie lange bin und gar angeben, wo ich übernachte. Das geht tief in die Persönlichkeitsebene.

Glauben Sie, dass die russischen Leichtathleten in Rio starten werden?

Ich denke schon. Sie können ja unter der olympischen Flagge starten. Sicher unterstützt die russische Politik das Dopingsystem. Auf der anderen Seite wird unterstellt, dass es alle tun. Aber es soll auch Sportler geben, die keine Pillen oder Spritzen nehmen. Und die werden genauso mit ins Boot geworfen. Deswegen weiß ich nicht, ob das der richtige Weg ist. Schon gar nicht, wenn ich sehe, was für Schlupflöcher es gibt. Wenn ich höre, wie IAAF-Präsident Sebastian Coe mit Doping umgeht, finde ich das unverantwortlich.

Mehr: Schwanitz holt Gold bei der WM

Sven Lang und Sie – was ist das für eine Trainer-Athleten-Beziehung?

Wir gehen respektvoll miteinander um, das ist mir wichtig. Mein Ex-Trainer Peter Ogiolda war ständig um mich herum. Das habe ich nicht mehr, da wir eine große Trainingsgruppe mit erfolgreichen Sportlern sind. Da hat er keine Zeit, jedem einzeln hinterherzurennen. Sehr schön finde ich, dass er mir Vertrauen schenkt. Denn ich mag es nicht, kontrolliert zu werden.

Sie siezen sich?

Er duzt mich, aber ich sieze ihn. Uns ist wichtig, dass wir ein dienstliches Verhältnis haben. Nach meiner WM-Medaille haben wir ein Bier zusammen getrunken, das war unsere Party. Und er hat mich zum 50. Geburtstag eingeladen, das ist dann auch okay. Ansonsten haben wir privat kein Miteinander. Das finde ich gut. Er ist mein Chef, und der sitzt nicht mittags bei mir zu Hause und trinkt Kaffee – außer er hat ein Dienstgespräch.

Weltmeisterin, Siegerin in der Diamond League, Sportlerin des Jahres. Haben Sie überhaupt begriffen, was 2015 alles passiert ist?

Nein. Das Krasse ist ja, die Leute denken alle, wir feiern nach Siegen endlos. Sie wissen nicht, dass wir danach weiter Wettkämpfe haben. In China habe ich am ersten Tag die erste Medaille geholt, da hat keiner Zeit zum Feiern. Zwei Tage später bin ich schon nach Hause geflogen. Danach ist viel passiert, da kommst du von dem Stress-Level gar nicht runter. Die Medaille samt Urkunde hängt zu Hause. Wenn ich ins Büro gehe, denke ich: Stimmt, Weltmeisterin bist du auch geworden. Aber jetzt kommt das, das, das.

Ihr Auftritt bei der Gala Sportler des Jahres hat ja für Furore gesorgt.

Das war der krönende Abschluss. Das war das erste Mal, dass ich so bewusst einen Erfolg gefeiert habe. Es war eine schöne, entspannte und angenehme Gala, weil du nicht diesen Druck hast. Man bekommt Aufmerksamkeit, als ob man ein kleiner Star wäre.

Wie war das Feedback?

Viele haben mir gesagt, dass die Rede der Knaller war. Sie haben herzhaft gelacht, was ich sehr schön finde, wenn ich Menschen durch meinen Sport oder meine Art zum Lachen bringe. Ein paar haben mir gesagt, ich würde auf hohem Niveau heulen und solle die Sponsoren selbst ansprechen.

Es gab auch Kritik an Ihrer Kritik, die Leichtathletik verkomme zu einer Randsportart.

Mal ehrlich: Die Fußballer machen während einer WM so viel Werbung, dass man schon ihre Leberflecke kennt, so nah und oft kann man sie im Fernsehen sehen. Bei uns zählt der olympische Gedanke, wir dürfen während der Olympischen Spiele keine Werbung machen. Wie soll man da Aufmerksamkeit bekommen, wenn wir sonst nur in Sportkleidung verschwitzt durchs Stadion laufen? Dass wir auch junge Frauen sind, zählt nicht. Ich habe zum Geburtstag Karten fürs russische Ballett bekommen, die hatte ich mir gewünscht. Wer mich im Ring sieht, würde doch nicht glauben, dass ich mir so etwas anschaue. Das passt eben nicht in die Schublade.

Was sind Ihre Ziele 2016?

In Amsterdam möchte ich gerne meinen EM-Titel verteidigen. Das Geilste wäre natürlich, in Rio auf dem Treppchen zu stehen.

Weiterlesen: Hoffnung auf sauberere Rio-Spiele – Kritik an der WADA

Wäre es ein Traum, danach dem Leistungssport Adieu zu sagen?

Nein. Ich möchte gerne noch mit nach Tokio. Die Leute sind mich noch nicht los.

Sie trainieren elf Mal die Woche.

Richtig – und da muss ich volles Ballett liefern, volle Kanne stoßen, denn nur durch diese Ausnahmestöße kann ich auch im Wettkampf damit umgehen. Es nützt mir nichts, im Training 80 Prozent zu fahren und in den Wettkämpfen versuchen, hundert zu geben. Damit kann mein Körper ja gar nicht umgehen, weil ich eine ganz andere Geschwindigkeit, Balance und Kraftverhältnisse habe. Das ist ein Riesenunterschied. Und für die Rumpfkraft fahre ich extra nach Leipzig. Dort steht eine Maschine, an der ich diese Übungen besonders trainiere.

Sie waren 2015 bestverdienende deutsche Leichtathletin bei Titelkämpfen.

Und alle denken jetzt, ich bin reich. Dass ich aber 50 Prozent Steuern zahle, einen Teil meine Managerin bekommt, ich Fahrtkosten und und und habe, das sieht keiner. Wenn man rechnet, was rauskommt und weiß, das hast du dafür bekommen, dass du die Weltbeste bist – dafür würde kein Fußballer oder kein Top-Manager aufstehen. Ich muss hinknien und sagen: herzlichen Dank. Das finde ich unfair.

Haben Sie sich von dem Geld denn eine Belohnung gegönnt?

Nö. Erstens ist bisher weder das Geld von der Diamond League noch von der WM da. Zweitens spare ich auf meinen ganz großen Traum: unsere eigenen vier Wände. Und da muss ich noch ein bisschen Sport treiben.

Mehr Hintergrund: Russlands Leichtathleten vorläufig suspendiert

Einige sähen es gerne, David Storl und Sie als das deutsche Traumduo mit Kugel zu verkaufen.

Das wäre unmöglich. Storli und ich besprechen das Nötigste. Wir gehen höflich und respektvoll miteinander um, aber sonst haben wir gar nichts miteinander zu tun. Man kann nicht jeden mögen und ich muss ihn auch nicht heiraten, ich bin schon verheiratet.

Apropos. Von der Hochzeit hat es keine öffentlichen Bilder gegeben.

Stimmt, ein Teil des Privatlebens kann sicher nach außen getragen werden. Es darf ruhig jeder wissen, dass wir geheiratet haben. Aber manches möchten wir einfach nur für uns haben. Einige sind nicht damit klar gekommen, dass von unserer Hochzeit kein Bild in die Öffentlichkeit dringt. Dafür bin ich auch etwas angegangen worden.


Für Christina Schwanitz, die an Heiligabend Geburtstag hat, zählt nicht nur der sportliche Erfolg. Die 30-Jährige sagt: „Die größten Geschenke wie Vertrauen, Ehrlichkeit und Freundschaft kann man nicht kaufen.“ Im Kugelstoß-Ring holt sie 2015 mit dem WM-Titel in Peking ihren bisher größten Coup. Ein Jahr zuvor ist die gebürtige Dresdnerin Europameisterin geworden. Schwanitz ist mit Tomas Palfner-Schwanitz verheiratet, das Paar lebt in Chemnitz.

0 Kommentare