Über Doping und Korruption Krisen im Sport: Interview mit IOC-Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Thomas Bach. Foto: dpaIOC-Präsident Thomas Bach. Foto: dpa

Lausanne. Thomas Bach ist umzingelt von Krisenherden: Hier Doping und Korruption, dort Terror und Flüchtlingsproblematik. Doch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bleibt gelassen. Ein Interview.

Von Lars Müller-Appenzeller

Der IOC-Präsident sitzt in seinem Büro im Château de Vidy von Lausanne – und lässt sich auch vom Lärm der Motorsägen vor den Fenstern nicht stören. „Es bereitet mir Freude, wenn ich morgens ins Büro komme“, sagt der 62-Jährige im Gespräch mit dem Redakteur.

Herr Bach, Sie machen jeden Tag Sportpolitik. Wann haben Sie das letzte Mal Zeit gefunden, um selbst Sport zu treiben?

Thomas Bach: Oh, das ist eine gute Frage. Es ist erst ein paar Tage her, dass ich Zeit gefunden habe, mal wieder regelmäßiger Sport zu treiben.

In welcher Form?

Laufen und Power Walking. Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich endlich wieder einmal etwas gemacht, und es hat mir sehr gut getan. Zur Abwechslung steige ich auch gern mal aufs Rad.

2016 wird sportlich. Wie sehen Ihre thematischen Schwerpunkte aus, ein halbes Jahr vor den Spielen in Rio de Janeiro?

Unser Schwerpunkt ist Rio, ganz klar, und diese letzten Monate vor Olympischen Spielen sind immer die herausforderndsten.

Wie ist der Stand der Dinge?

Jeder weiß, dass in Brasilien die politischen und wirtschaftlichen Umstände sehr, sehr schwierig sind. Das Land befindet sich in einer tiefen Krise. Wir freuen uns aber, dass die Verantwortlichen und die Bevölkerung Brasiliens die Olympischen Spiele als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems sehen. Jetzt wird für die Bewohner Rios greifbar, welches großes Erbe diese Olympischen Spiele hinterlassen werden. Als Beispiel möchte ich nur den Ausbau der Infrastruktur nennen: Das sind die ersten großen Investitionen seit fast 50 Jahren, die in Rio getätigt werden.

Große Impulse hatte man sich von der Fußball-WM 2014 in Brasilien aber auch erhofft, nur fiel da die Bilanz sehr ernüchternd aus.

Eine Fußball-WM und Olympische Spiele unterscheiden sich auch in dieser Frage erheblich, so wie sich IOC und Fifa in vielen Fragen sehr unterscheiden. Bei einer Fußball-WM hat man Investitionen vor allem in Stadien und vielleicht noch in Flughäfen. Bei den Spielen wird beispielsweise mit dem Bau des Olympischen Dorfes Wohnraum für etwa 5000, 6000 Menschen geschaffen. Dass sich ein komplett neues Nahverkehrsnetz über die Stadt legt – das haben sie nur mit den Spielen: Als Rio die Spiele 2009 bekommen hat, hatten 16 Prozent der Einwohner Rios Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr. Mit den Spielen steigt diese Zahl auf 63 Prozent.

Wie sieht es im sportlichen Bereich aus?

Die olympischen Bauten sind quasi fertig, so dass wir sehr zuversichtlich sind, hervorragende Spiele zu erleben. Wir hatten all die Probleme nicht, die die Fußball-WM ein Jahr vor dem Start hatte, obwohl die wirtschaftliche Situation jetzt unvergleichbar schlechter ist, als zum damaligen Zeitpunkt.

Das IOC hat aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Rio zugesagt, zu helfen. Welche Hilfen sind das konkret?

Das ist eine außergewöhnliche Situation, die jenseits der Einflussmöglichkeiten der Organisatoren liegt. Wir helfen und haben in vielfacher Hinsicht geholfen, zum Beispiel mit Personal. Zudem wird Rio mit etwa 1,5 Milliarden US-Dollar den höchsten Zuschuss erhalten, den jemals ein Organisationskomitee bekommen hat. Auch das ist ein gravierender Unterschied zwischen Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften. In den letzten Wochen haben wir nochmals das Budget angepasst, weil die schlechte wirtschaftliche Lage in Brasilien zu erheblichen Einnahmeausfällen geführt hat, gerade bei Sponsoren. Durch den Währungsverlust des Reais hat sich aber auch der in Dollar gewährte IOC-Zuschuss im Wert nahezu verdoppelt.

Dennoch muss gespart werden. Wo?

Bevor Sie reingekommen sind, habe ich hier mit unserer Finanzdirektorin gesprochen, die gerade aus Rio zurückgekommen ist. Wir haben jetzt das Budget wieder ausgeglichen, indem IOC und internationale Verbände auf Serviceleistungen verzichtet haben: Das reicht von einer Überdachung eines Swimming Pools, die nicht gebaut wird, bis hinunter zu Fragen der Verpflegung an den Sportstätten – nicht für die Athleten wohlgemerkt, sondern für alle Offiziellen.

Zur Terrorgefahr

Wird aufgrund der aktuellen Terror-Bedrohung das Sicherheitskonzept nochmals überarbeitet?

Die Sicherheit ist Aufgabe der brasilianischen Behörden, die wir natürlich begleiten. Brasilien hat zum Thema Sicherheit 100 Länder zu einer internationalen Kooperation eingeladen, um Strukturen in der Prävention zu schaffen, aber auch um Hilfe vor Ort zu bieten. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass alles dafür getan wird, um die bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Terror und Flüchtlingskrise sind zwei Themen, die eng zusammen gehören. Kann der Sport da überhaupt noch durchdringen?

Das IOC hat sich sehr früh des Flüchtlingsthemas angenommen, schon vor Ausbruch dieser Krise. Zunächst auf einer generellen Ebene in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, indem wir Sportprogramme in Flüchtlingslagern finanzieren und Mediatoren zur Verfügung stellen. Zur aktuellen Flüchtlingskrise haben wir einen speziellen Fonds von zwei Millionen US-Dollar geschaffen, den wir Nationalen Olympischen Komitees zur Verfügung stellen. Aus knapp zehn Ländern wurden Gelder abgerufen, Deutschland hat hiervon 150 000 Dollar erhalten. Und im Oktober habe ich in einer Rede vor den Vereinten Nationen ein Programm angekündigt, dass wir den Athleten unter den Flüchtlingen, die eine olympische Perspektive besitzen, Möglichkeiten schaffen wollen, an den Spielen teilzunehmen. Sie könnten hinter der olympischen Fahne einmarschieren. Im Moment haben wir einen Pool von etwa 30 Athleten, die in Frage kämen. Vielleicht schaffen es fünf von ihnen, in Rio dabei zu sein. Darüber hinaus unterstützen wir Sportler, die innerhalb ihres Landes vertrieben wurden oder auf der Flucht sind über unser Programm namens Olympic Solidarity.

Zum Doping beim IAAF

Zurück zum Sport: Was denken Sie über die Entwicklungen und Doping-Enthüllungen im Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF?

Ich glaube, dass die neue Führung der IAAF mit der Suspendierung des russischen Verbandes, mit der Kontaktaufnahme zur Welt-Anti-Doping-Agentur und mit der Ernennung ihrer Kommission Flagge gezeigt hat. Es ist aber ebenso richtig, dass aufgrund der Dimension des Problems innerhalb des Verbandes ein steiniger Weg vor der IAAF liegt. Es ist ja wirklich unfassbar, dass der Präsident eines internationalen Verbandes von Athleten Geld forderte, um Ergebnisse von Dopingkontrollen zu manipulieren! Das war ein Blick in den Abgrund. Wenngleich man aber auch sagen muss, dass nicht das gesamte Anti-Doping-System der IAAF betroffen war.

Aber es steckte ein krimineller Apparat rund um den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack dahinter. Da reicht es doch nicht, eine Kommission zu gründen. Müsste man nicht die Leichtathletik von Olympia ausschließen?

Der Anti-Doping-Abteilung der IAAF wurde von der WADA-Kommission eine gute Arbeit bescheinigt, es hat aber diese Zelle Diack innerhalb der IAAF gegeben, die diese Manipulationen korruptiv vorgenommen hat. Deshalb kann man nicht zum Beispiel deutsche oder US-Athleten für das korrumpierende Vorgehen dieser Zelle mit einem Ausschluss der gesamten Leichtathletik bestrafen.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass eine russische Leichtathletik-Mannschaft bei den Spielen starten wird.

Das ist eine andere Frage. Wir vom IOC haben uns da von Beginn an klar positioniert, es gilt auch hier: null Toleranz. Jeder, der da involviert war – sei es Athlet, Trainer, Arzt, Funktionär – muss bestraft werden. Und gleichzeitig müssen die sauberen Athleten geschützt werden. Wir haben das Nationale Olympische Komitee Russlands gebeten, hier die koordinierende Funktion zu übernehmen, insbesondere um den Leichtathletik-Verband neu zu ordnen. Dazu überwacht vornehmlich die IAAF diese Neuorientierung. Sie wird beobachten, welche Fortschritte gemacht werden und ob und wann die derzeitige Suspendierung eventuell aufgehoben werden kann.

Doping, Korruption, wirtschaftliche Krisen, Terror, Krieg, Umweltprobleme – die Olympische Bewegung hat sich in ihrer Geschichte schon oft mit diesen Themen auseinandersetzen müssen. Aber so schwierig waren die Rahmenbedingungen noch nie, oder?

Nein, das glaube ich nicht. Die olympische Bewegung und die olympischen Werte sind gerade in solchen Zeiten wichtiger denn je. Die Olympischen Spiele sind das einzige Weltereignis, bei dem Sie tatsächlich die gesamte Welt ohne jede Diskriminierung unter ein Dach zusammen bekommen. Der olympische Sport ist der einzige Bereich des menschlichen Lebens, in dem das gleiche Recht für alle auf der gesamten Welt gilt. Das gibt es nicht in der Wirtschaft. Das gibt es nicht in der Kultur. Das gibt es nicht in der Wissenschaft. Von der Politik will ich gar nicht reden.

Fazit nach zwei Jahren

Sind sie nach zwei Jahren im Amt mit allem zufrieden, was Sie erreicht oder angeschoben haben?

Es ist nicht an mir, das zu beurteilen. Ich hätte jedenfalls nicht geglaubt, dass man ein derart umfangreiches Reformprojekt wie die Olympische Agenda 2020 nach zwei Jahren im Amt weitestgehend umgesetzt haben kann. Meine Erwartung war eher, dass ich die ersten zwei bis vier Jahre brauche, um das IOC nach einem Wahlkampf, bei dem von etwa 100 IOC-Mitgliedern sechs Kandidat waren, wieder zusammenzufügen.


Hintergrund

Die Tage von Thomas Bach im Château de Vidy sind gezählt: Demnächst zieht das IOC samt Präsident um – der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees am Genfersee wird eine Baustelle, gerade werden die Bäume gefällt. „Im Moment ist das IOC in Lausanne auf fünf Gebäude verteilt“, sagt Thomas Bach. Bald wird alles eins: Der 62 Jahre alte Jurist aus Tauberbischofsheim steht in der Eingangshalle des IOC-Sitzes, die er wegen des weißen Marmors „Mausoleum“ nennt, und kommentiert das Modell des Neubaus, der sich an das Château anschließen wird. 60 Bäume seien gefallen (Bach: „Ihr Holz wird zum Teil im Dorf für die Olympischen Jugendspiele 2020 in Lausanne verbaut“). 120 Bäume sollen, wenn der 600 Mitarbeiter fassende Neubau bis 2020 steht, gepflanzt werden.

„Monsieur le president“, wie der verheiratete Dr. jur. immer wieder angesprochen wird, parliert entspannt auf Französisch. Er ist der neunte IOC-Präsident – und der erste Olympiasieger (Pierre de Coubertin gewann 1912 unter einem Pseudonym in der Disziplin Literatur). Fechter Bach gehörte 1976 zur siegreichen deutschen Florettmannschaft. Am 10. September 2013 wurde er für acht Jahre als IOC-Präsident gewählt. Als Aufwandsentschädigung erhält er jährlich 225 000 Euro. (lm)