Ein Bild von Harald Pistorius
16.12.2015, 23:04 Uhr KOLUMNE

Wollen und brauchen wir Olympia nicht mehr?

Von Harald Pistorius



Osnabrück. Je mehr der Spitzensport ins Gerede kommt, desto öfter geht es auch um Moral und Werte. Professor Dr. Elk Franke ist einer der führenden deutschen Sportphilosophen. Der 73-Jährige beschäftigt sich seit Jahren mit den Fragen des Sports, die über das Ergebnis hinausgehen. In einer sportphilosophischen Sprechstunde kommentiert Franke aktuelle Entwicklungen für NOZ Medien. Diesmal geht es um das Scheitern der Hamburger Bemühungen um die Ausrichtung Olympischer Spiele im Jahr 2024.

Wollen wir Olympische Spiele nicht mehr? Oder brauchen wir sie nicht mehr?

Oder könnte sogar beides zutreffen – dass wir sie nicht mehr brauchen, wenn wir sie nicht mehr wollen? Nach dem negativen Votum in Hamburg und zuvor in München scheint eine solche Einschätzung berechtigt. Noch interessanter ist, wie unterschiedlich die Entscheidung aufgenommen wurde. Sportler und Funktionäre reagierten mit Unverständnis, Kritik, Enttäuschung und Resignation. Doch keine dieser Reaktionen deckt sich mit denen der Öffentlichkeit, die das Ergebnis gelassen und weitgehend kommentarlos zur Kenntnis nahm.

Es gibt ganz offenkundig einen Kontrast: Hier der organisierte Spitzensport, der die olympische Idee als etwas ganz Besonderes stilisiert. Und dort eine Gesellschaft, in der es für eine derartige Überhöhung keinen ausgeprägten Sinn mehr gibt; jedenfalls keine Mehrheit.

Sportführung weit entfernt von öffentlicher Meinung

Es ist eine Tatsache, dass unter Federführung des DOSB zweimal Bewerbungsbilder von Olympia gemalt worden sind, die zwar die Akteure begeisterten, aber deren Wirkung Außenstehende nicht überzeugen konnten. Damit ist dieser Vorgang nicht nur eine gescheiterte Abstimmung, sondern offenbart, in welcher Weise sich die Selbsteinschätzung der deutschen Sportführung von den Erwartungen und Wünschen einer pluralistischen Öffentlichkeit entfernt hat. Die Chance, Olympische Spiele ausrichten zu können, ist für viele Menschen längst keine Chance mehr, sondern eher eine unkalkulierbare Verpflichtung.

Höher, schneller, weiter: Wie haben Professionalisierung und Kommerzialisierung die olympische Idee verändert?

Professionalisierung, Kommerzialisierung, Medialisierung, Globalisierung – in diesen Kategorien haben sich Olympische Spiele entwickelt und massiv verändert. Medaillen werden in Gewinne umgerechnet, Stars werden zu Werbeträgern, der Sieg ist bestimmendes Leitbild. Die als gleichrangig beschworenen sozialen Olympiawerte wie Toleranz oder Fair Play dienen nur noch zur Garnierung.

Die systematisch betriebene ökonomische Verwertung der olympischen Idee prägt inzwischen auch zunehmend die olympische Praxis. Die Manipulations- und Dopingskandale stellen dabei nur die Spitze eines Eisbergs dar.

Das Internationale Olympische Komitee, das angesichts dieser gravierenden Veränderungen eigentlich Schutzpatron der olympischen Idee sein sollte, relativiert und negiert diese Entwicklung – offiziell. Inoffiziell werden sie für eigene Zwecke genutzt: Selbst ernannte Ethikkommissionen, Sponsoren – und Medienverträge mit Exklusivrechten, Steuerbefreiung bei einseitiger Risikoverlagerung auf die Ausrichterstädte lassen erkennen, dass die olympische Idee zur Ideologie der eigenen Imagewerbung eines gewinnorientierten Geschäfts geworden ist. (Weiterlesen: Die Folgen des Olympia-Aus )

Dabei sein ist alles – hat dieses olympische Motto für Athleten und Zuschauer in der Welt perfekt organisierter Fernsehspiele noch eine Bedeutung?

Zunächst kann man feststellen, dass Olympische Spiele wohl für jeden Leistungssportler, der daran teilnehmen durfte, ein unvergessliches Erlebnis darstellen, was auch erfolgsverwöhnte Profisportler wie Dirk Nowitzki bestätigen.

Teilnehmen bei Olympia ohne dort zu sein

Eine andere Frage ist es, ob dies auch für die Zuschauer gilt. Längst vermittelt uns das Fernsehen den Eindruck, Teilnehmer sein zu können, ohne vor Ort dabei sein zu müssen. Oft ist die Kopie, die Übertragung, besser als das Original, die Wettkampfrealität. In vielen Sportarten wird die TV-Dramaturgie im Vergleich zum realen Wettkampf künstlich verstärkt oder erzeugt. Man kann sich für Olympische Spiele begeistern und sie in vollem Umfang miterleben – aber dafür müssen sie nicht vor der eigenen Haustür stattfinden.

Die massive Ausrichtung auf den TV-Markt lässt globale Fernsehspiele entstehen. Das hat die olympische Bewegung reich an Geld gemacht, aber ärmer an direkter Teilnahmebereitschaft. Auch ein Grund, warum es vielen Menschen leichtfällt, Nein zu Olympischen Spielen im eigenen Land zu sagen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN