Comeback mit „Körpergefühl“ Beispiel Ennis-Hill: Erst Baby-Pause, dann Gold

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Osnabrück. Sie gehen in die Baby-Pause und kommen als erfolgreiche Athletinnen zurück. Was macht die Sportlerinnen so stark nach der Geburt ihrer Kinder? Beispiele gibt es genug. Am Sonntag gewann Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill in Peking zum zweiten Mal WM-Gold im Siebenkampf - 13 Monate nach der Geburt ihres Sohnes Reggie.

„Das ist definitiv einer der größten Momente meiner Karriere“, sagte Ennis-Hill. „So zurückzukommen und hier in Peking zu gewinnen, ist großartig. Mein Coach und ich haben unglaublich hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu kommen.“ Die Geburt ihres Sohnes hat die Britin noch stärker gemacht. Der Druck des Gewinnenmüssens ist von ihr abgefallen. „Mein ganzes Leben hat sich geändert, aber es ist großartig“, erzählt Ennis-Hill. „Ich glaube, ich bin jetzt eine entspanntere Athletin. Ich weiß, dass da mein Sohn ist, um den ich mich kümmern muss. Also bleiben meine sportlichen Sorgen auf dem Sportplatz.“

Die Leverkusenerin Jennifer Oeser ist wie Ennis-Hill im vergangenen Jahr Mutter geworden. Sie kam am Ende auf Rang zehn. 6308 Punkte im Siebenkampf bedeuteten dennoch Saisonbestleistung für die frühere WM-Zweite. Ihre Hebamme und ihre Ärzte hatten Oeser nach der Geburt gesagt, sie könne in etwa vier Monaten wieder mit dem Sporttreiben beginnen. „Da habe ich nicht mehr nachgefragt und mich ganz auf mich und mein Körpergefühl verlassen“, sagt sie. Mit der WM-Qualifikation hätte es sonst sicher nicht geklappt. Oeser betont aber auch: „Das ist bestimmt kein Patentrezept für alle Frauen. Ich glaube schon, dass wir als Sportler da über die Jahre ein gewisses Körpergefühl aufgebaut haben und einschätzen können, was uns gut bekommt und was nicht.“

Schwieriger Spagat

Auch Christina Obergföll tritt in Peking erstmals als Mutter an. WM-Gold ist ihr ganzer Stolz, der kleine Marlon ihr größtes Glück. „Ich bin gespannt, was passiert, wenn ich mal zehn Tage voll aufs Speerwerfen konzentriert bin“, sagt Titelverteidigerin Obergföll, die wieder Speerspitze der deutschen Leichtathleten werden will. Die Offenburgerin findet den Spagat zwischen Familie und Leistungssport „generell schon schwierig“. Sport-Mütter haben eher mit der Organisation des Alltags und mit den kurzen, häufig unterbrochenen Nächten zu kämpfen. „Im ersten Moment hat man das Gefühl, dass man Bäume ausreißen kann“, erklärt Obergföll. „Dann schwächt sich die Euphorie schon ab. Man ist manchmal einfach weniger belastbar.“ Die 34-jährige Offenburgerin hat eine Wildcard und spürt keinen Druck.

Erfolgreiche Mütter

Obergföll, Ennis Hill und Oeser stehen für viele andere Athletinnen, die nach Geburten erfolgreich in den Wettkampfsport zurückgekehrt sind. Hier einige Beispiele:

Katrin Wagner-Augustin: Die Kanutin wagte nach der Geburt von Sohn Emil bei Olympia 2012 in London den Doppelstart: Im Vierer-Kajak paddelte sie auf Rang zwei.

Birgit Fischer: Die mit acht Gold- und vier Silbermedaillen erfolgreichste deutsche Olympionikin hatte 1987 Sohn Ole zur Welt gebracht. Ihre Kanu-Karriere war nach zwei Erfolgen bei den Sommerspielen 1988 in Seoul eigentlich beendet. 1990 kam Ulla zur Welt. Zwei Jahre später in Barcelona war die Brandenburgerin wieder da und gewann Gold im Kajak-Einer.

Amelie Kober: Die Snowboarderin trat bei Olympia 2010 in Vancouver an. Nur zwölf Wochen nach der Geburt von Sohn Lorenz kehrte die Bayerin auf die Piste zurück. Die Olympia-Zweite von 2006 gewann im Januar 2012 beim Parallel-Riesenslalom im Bayrischzell ihren ersten Weltcup seit der Baby-Pause.

Kim Clijsters: Die Tennisspielerin kehrte nach zwei Jahren Pause 2009 auf den Court zurück. Im Februar 2008 war ihre Tochter zur Welt gekommen. 2007 hatte die Belgierin eigentlich ihren Rücktritt erklärt. Im August 2012 verabschiedete sich Clijsters endgültig vom Profitennis.

Isabell Werth: Die fünfmalige Olympiasiegerin im Dressurreiten bekam Ende 2009 Söhnchen Frederik, nahm ihn mit auf die Turnierplätze und setzte ihre Karriere fort. Bei den Weltreiterspielen in der Normandie gewann sie 2014 mit dem Sieg in der Mannschaftswertung ihren siebten WM-Titel. Bei der gerade zu Ende gegangenen Europameisterschaft in Aachen sicherte sich die 46-Jährige Bronze mit der Mannschaft.

Heike Drechsler: Die Weitspringerin und Sprinterin brachte 1989 Sohn Toni zur Welt, da war sie schon Welt- und Europameisterin. Der zweite Teil ihrer Karriere wurde noch erfolgreicher: Olympia-Gold in der Sandgrube 1992 in Barcelona und 2000 in Sydney.

Barbora Spotakova: Die Speerwurf-Weltrekordlerin und zweimalige Olympiasiegerin aus Tschechien bekam im Sommer 2013 Söhnchen Janek. Ein Jahr später war sie schon wieder Europameisterin. Gerührt nahm sie nach ihrem Triumph in Zürich vor den Augen der Zuschauern ihr Söhnchen in den Arm.

Lindsay Davenport: Nach einjähriger Baby-Pause veredelte die frühere Weltranglisten-Erste ihr Comeback in den Tennis-Zirkus im September 2007 mit dem 52. Turniersieg ihrer Karriere. „Ich kann mir nicht vorstellen, noch einmal Profitennis zu spielen“, hatte die Amerikanerin bei ihrem Rücktritt 2006 erklärt. 2009 brachte sie ihr zweites, 2012 ihr drittes Kind zur Welt.

Grit Jurack: Nur 65 Tage nach der Geburt ihres ersten Sohnes Lukas stand die deutsche Handball-Rekordnationalspielerin am 10. April 2010 wieder auf dem Parkett. Und das gleich im Halbfinale der Champions League. Für ihren dänischen Club Viborg HK warf sie in ihrem Comeback-Spiel drei Tore und am Ende der Saison gewann sie sogar zum dritten Mal die Königsklasse. Ihre Karriere musste sie im Sommer 2012 aufgrund eines schweren Knorpelschadens in der Schulter beenden.


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