„Hintermänner sind nun greifbar“ Interview mit Sport-Philosoph Franke zum Anti-Doping-Gesetz

„Ein großer Fortschritt“: Prof. Elk Franke beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Doping. Foto: Helmut Kemme„Ein großer Fortschritt“: Prof. Elk Franke beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Doping. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Zu Beginn des Olympiajahres 2016 soll Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz bekommen. Der von Bundesjustizminister Heiko Maas eingebrachte Entwurf des Gesetzes geht nach der parlamentarischen Sommerpause in die zweite und dritte Lesung. Prof. Elk Franke, einer der bekanntesten deutschen Sportphilosophen, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Doping und ist ein Befürworter des Gesetzes. Warum, erklärt er in diesem Interview.

Herr Franke, warum brauchen wir überhaupt ein Anti-Doping-Gesetz?

Der Wettkampfsport lebt einzig und allein von seiner Faszination als ergebnisoffenes Ereignis – die Spannung kommt aus dem ewig jungen Reiz der Frage: Wie geht’s aus? Grundlage dafür ist die Vorstellung, dass diese Wettbewerbe natürliche Fähigkeiten bei prinzipieller Chancengleichheit der Akteure belohnen. Der organisierte Sport schafft es nun nicht mehr, dies zu garantieren. Die kommerziellen Chancen im Profisport verlocken immer mehr dazu, die Regeln durch Betrug, Doping oder Bestechung zu unterlaufen. Wenn dadurch die Glaubwürdigkeit eines Sports geschädigt ist, hat das gravierende Folgen, wie man am Profi-Radsport gesehen hat.

Es geht also nicht nur darum, saubere Sportler vor gedopten Kontrahenten zu schützen?

Nein, es geht um den Erhalt der Faszination des Sports. Diese Faszination baut eine Identifizierungsbrücke zu den Menschen. Doping zerstört diese Brücke. Es lohnt sich, diese Grundlage des Sports zu erhalten, denn er stellt in seiner Vielfalt ein Kulturgut dar, das es lohnt, geschützt zu werden. Das ist nicht möglich mit dem Betäubungsmittelgesetz oder dem Straftatbestand des materiellen Betrugs.

Dabei geht es um Werte wie Fairness oder Chancengleichheit.

Richtig, das Gesetz spricht von der Integrität des Sports , die immateriellen Schaden nehmen kann. Genauso, wie Kunstfälscher auch verfolgt und bestraft werden, weil Kunstfreunde um einen Kunstgenuss betrogen werden, wenn sie ins Museum fahren, um einen Alten Meister im Original zu sehen und dann vor einer Fälschung stehen, wird auch der Sport-Zuschauer um ein Erlebnis betrogen, wenn er einem 100-Meter-Lauf zuschaut und später erfährt, dass vier Läufer gedopt waren.

Ein Gerichtsprozess kann sich lange hinziehen. Die Sportgerichtsbarkeit dagegen reagiert schnell und oft auch effektiv. .

Das wird und muss auch so bleiben, denn die direkte Umsetzung eines Dopingfalls ist für den Wettbewerb wichtig; Sportler und Zuschauer brauchen diese Qualität der direkten Wirksamkeit durch Sperren und Streichungen aus Siegerlisten. Die Sportgerichtsbarkeit soll durch das Anti-Doping-Gesetz nicht eingeschränkt oder gar ersetzt werden, sondern sie erhält durch das Gesetz Flankenschutz – zunächst einmal dadurch, dass sich das Risiko für Doper durch die strafrechtliche Konsequenz spürbar erhöht. Darüber hinaus können die Ergebnisse der staatlichen Ermittlungsbehörden, die ja ganz andere Möglichkeiten haben als die Sportjustiz, dieser zur Verfügung gestellt werden.

Die Kritik der Spitzensportler am Gesetz richtet sich vor allem darauf, dass schon der Besitz von Dopingmitteln strafbar ist. Das wäre so, als wenn ein Handwerker verhaftet wird, weil er ein Brecheisen dabei hat, das auch zu einem Einbruch verwendet werden könnte.

Eigendoping wird im Gesetz tatsächlich daran festgemacht, dass der Sportler Dopingmittel besitzt. Das ist juristisch ein Sprung nach vorn. Natürlich muss zwingend zum Besitz auch die Anwendungsbereitschaft nachgewiesen werden; der passive Besitz reicht für die Handlungsabsicht nicht aus, hier muss aus juristischer Sicht präzisiert werden. Die berechtigte Angst der Athleten, dass ihnen Medikamente untergeschoben werden und sie in eine Dopingfalle tappen, muss ausgeräumt werden.

Das Sportrecht setzt genau andersherum an: Entscheidend ist, ob im Körper des Athleten verbotene Substanzen vorhanden sind – wie sie dahingekommen sind, spielt keine Rolle.

Es sei denn, er kann seine Unschuld beweisen. Das ist aber, wie man an Dieter Baumann oder Claudia Pechstein gesehen hat, schwer, fast unmöglich. Wir haben es mit einer Beweisumkehr zu tun: Im Strafrecht muss dem Sportler die Schuld nachgewiesen werden, im Sportrecht muss er seine Unschuld beweisen.

Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssen: Wo liegt der entscheidende Vorteil des Anti-Doping-Gesetzes im Kampf gegen Doping?

Das Sportrecht kann sich nur mit dem einzelnen Sportler und eventuell mit Trainern beschäftigen. Auf andere Beteiligte des Systems Profisport hat es gar keinen Zugriff. Erst über das allgemeingültige Strafrecht kann es gelingen, Hintermänner und Strippenzieher des Dopings anzuklagen und zu bestrafen – und zwar so empfindlich, dass man von einer erheblichen abschreckenden Wirkung ausgehen kann.

Das heißt, dass Mediziner belangt werden können, auch wenn sie nicht gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen.

Richtig. Und genau darum geht es: Modernes Doping funktioniert nur in einem System und unter Mitwirkung von Spezialisten – Ärzte, Trainer, Physiotherapeuten, Manager. Die Zeiten, da ein Sportler allein aus eigenem Antrieb und ohne das Wissen anderer sich ein Medikament besorgte und heimlich schluckte, sind lange vorbei. Es geht um mehr als nur um die Weitergabe von Medikamenten, sondern auch um Anstiftung und Beihilfe zu einem Straftatbestand; um Dinge, die das Strafrecht ohne ein Anti-Doping-Gesetz gar nicht verfolgen kann und die die Sportjustiz wegen ihres auf die Athleten begrenzten Zugriffs nicht ahnden kann. Das ist der große Fortschritt eines solchen Gesetzes, denn die Hintermänner sind nun endlich auch strafrechtlich erfassbar.


Prof. Elk Franke

ist einer der führenden deutschen Sportphilosophen. Er lehrte bis 2010 an der Humboldt-Universität Berlin im Bereich Kulturwissenschaften zur Philosophie und Soziologie des Sports. Seit Jahren publiziert der 72-Jährige zur Ethik im Sport und zum Doping. Von 2009 bis 2012 war er Leiter eines Forschungsprojekts zu philosophischen und rechtlichen Fragen des Dopings. Zu Beginn seiner Laufbahn war Franke am Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Osnabrück tätig. Er lebt in Osnabrück und arbeitet im Vorstand des Großvereins TSG Burg Gretesch mit.

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