„Wir wollen keine Geschenke“ Inklusion: Ein schwieriges Thema im Fußball

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Osnabrück. Das Wort Inklusion war noch nicht in Gebrauch, da gab es im Niedersächsischen Fußballverband (NFV) bereits eine eigene Liga für Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung. Darauf ist man zwar stolz, wie beim Hallen-Masters am vergangenen Wochenende in Osnabrück zu spüren war. Doch zufrieden sind die Menschen, die Inklusion im Fußball vorantreiben, noch lange nicht. Fragen und Antworten zu einem Thema, das alle angeht.

„Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“ – was heißt das überhaupt? Früher sprach man von geistiger Behinderung, doch das hat sich geändert. Der Begriff der Behinderung grenzt aus, es geht nicht um Betreuung und Mitleid, sondern um soziale Inklusion: Teilhabe, Zugehörigkeit, Barrierefreiheit. „Behindert ist man nicht, behindert wird man“, heißt es auf der Website der „Roten Teufel“ aus Ganderkesee, die als einziges Team in ganz Niedersachsen am üblichen Punktspielbetrieb teilnehmen.

In Deutschland leben etwa 500000 Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Sie haben im Vergleich mit dem Bevölkerungsdurchschnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten, sind in der geistigen Wahrnehmung eingeschränkt. In 750 Einrichtungen wie „Lebenshilfe“ oder „Werkstatt“ leben und arbeiten die meisten von ihnen. Ziel ist, jedem die Chance zu eröffnen, im ersten Arbeitsmarkt tätig zu sein und so unabhängig wie möglich zu leben.

Welche Rolle spielt der Fußball für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung? Wie beim Hallen-Masters mit zehn Mannschaften zu sehen war, eine ebenso große wie für Menschen ohne oder mit anderer Beeinträchtigung. Begeisterung, Spielfreude, Emotionen werden ausgelebt und genossen. In Osnabrück spielten sie – wie in der 2007 eingeführten Behinderten Fußball-Liga Niedersachsen (BFLN) – unter sich. „Das nächste Ziel muss sein: Raus aus der geschützten Liga, rein in den regulären Spielbetrieb“, sagt Otfried Maron vom Behindertensportverband Niedersachsen und NFV-Projektkoordinator, „aber das ist ein weiter Weg.“ Die Praktiker wissen, welchen Berührungsängsten und Vorurteilen die Mannschaften ausgesetzt sind. Ein Beispiel: Ein Verein, der für sein Team Freundschaftsspielgegner aus dem Regelbetrieb suchte, bekam auf einen Brief an etliche Clubs keine Antwort.

Gibt es Vereine, die auf dem Weg der Inklusion weiter sind als andere? Als „Leuchtturm“ gilt in der Szene Eintracht Schepsdorf. Vor etwa zweieinhalb Jahren nahm der emsländische Verein eine Mannschaft auf, die im Christophorus-Werk Lingen entstand und zunächst beim TuS Lingen aktiv, aber dort nicht zufrieden war. Das Team spielt in der BFLN und ist im Vereinsleben integriert. „Unser Prinzip ist: Fördern und Fordern. Wir feiern zusammen bei der Rot-Weißen Nacht, und wir arbeiten zusammen, wenn es auf der Anlage was zu tun gibt“, sagt Schriftführer Wilfried Roggendorf als Mitglied eines Vorstands, der Inklusion aus Überzeugung praktiziert und nicht als Alibi für soziale Haltung benutzt.

„Zwei, drei Spieler stehen kurz davor, den Sprung in die zweite oder dritte Mannschaft zu schaffen“, sagt Trainer Volker Geerdes, „und das hat nur mit der sportlichen Leistung zu tun.“ Der 36-Jährige ist eine Idealbesetzung: Seit 14 Jahren ist der Erzieher im Christophorus-Werk tätig, er ist Fußballer. Immer wieder freut er sich an der enormen Motivation seiner Spieler, die Trainingsbeteiligung ist so hoch wie sein ehrenamtliches Engagement. Auch er wünscht sich, mit seinem Team den Sprung in den Regelbetrieb der NFV-Kreisklassen zu schaffen.

Welche anderen Modelle gibt es? Klassischerweise existieren in vielen der 80 niedersächsischen Einrichtungen Fußballteams, oft schon seit Jahrzehnten. Beispielhaft in den Werkstätten der Region Osnabrück, die – seit Langem unterstützt vom NFV-Kreisverband Osnabrück-Land – ihre Turniere austragen. Das sind die Keimzellen für Anschlüsse an Vereine.

Den konsequentesten Weg ist die Sozialpädagogin Jutta Lobenstein mit dem Team gegegangen, das in der „Lebenshilfe“ Delmenhorst/Landkreis Oldenburg entstand. „Wir wollten nicht als Behindertenmannschaft Teil eines Vereins werden, sondern ein eigener Verein sein“. In der 5. Kreisklasse ist der SC Rote Teufel Ganderkesee am Ball, in diesem Jahr mit dem Ziel, nicht Letzter zu werden. „Und es sieht gut aus“, lacht Lobenstein. Die Zeiten, da mancher Gegner den Teufeln den Ehrentreffer ermöglichte, sind vorbei. „Gott sei Dank, denn wir wollen keine Geschenke, sondern ganz normal mitspielen“, sagt die Trainerin und sieht nun manchmal die andere Seite der Medaille: „Mannschaften, die gegen uns verlieren, tun sich damit ganz schön schwer.“

Woran fehlt es? Vor allem an Vereinen, die den schweren Weg der Inklusion wirklich gehen wollen. „Natürlich ist gesellschaftliche Verantwortung ein wichtiger Antrieb“, sagt Frank Schmidt, Mitglied des NFV-Präsidiums und Kreisvorsitzender Osnabrück Stadt. Er nennt aber auch pragmatische Gründe: Mitgliederzuwachs, die Chance auf Zuschüsse und eine Stärkung des sozialen Profils.

„Vor allem aber braucht man Menschen, die Engagement mitbringen und das nötige Fachwissen haben“, sagt Schmidt. Wer als Trainer mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung arbeitet, muss mehr mitbringen als Zeit, Empathie und Fußballwissen. „Die Trainer müssen dafür ausgebildet sein, anders geht es nicht“, sagt Helmut Stenzel, der im VFG Bohmte Fußballer aus den umliegenden Werkstätten zusammengeführt hat.

„Die Spieler haben eine verlangsamte Wahrnehmung, die Konzentration lässt schneller nach, man muss die Spieler einzeln ansprechen und Anweisungen oft wiederholen“, nennt Geerdes einige Besonderheiten, die unterstreichen, was Jutta Schlochtermeyer anstrebt. Die Inklusionsbeauftragte des Niedersächsischen Behindertensport-Verbandes plädiert für die Erarbeitung eines speziellen Bausteins für die Arbeit mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, der in die Trainerausbildung integriert werden kann.


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