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„Südtribüne idealer Jagdgrund“ Neonazis finden im Fußball eine Plattform – Streitigkeiten in der Ultra-Bewegung

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<em>Es regt sich auch Widerstand:</em> hier Fans des TSV 1860 München mit entsprechender Botschaft. Foto: imagoEs regt sich auch Widerstand: hier Fans des TSV 1860 München mit entsprechender Botschaft. Foto: imago

Dortmund. Am 17. April beginnt in München der Gerichtsprozess gegen Beate Zschäpe und ihre mutmaßlichen Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Eine Mordserie an Migranten hat eine überfällige Debatte über Rechtsextremismus angestoßen. Im Fokus steht der Terror, doch menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus und Homophobie sind tief in der Gesellschaft verankert. Das zeigt sich auch im Fußball, wo Ablehnungsmuster wie unter einem Brennglas auftreten: Rechte Hooligans gehen in den Stadien wieder in die Offensive, Neonazis suchen im Breitensport Akzeptanz, die Präventionsprojekte gegen rechts sind chronisch unterfinanziert. Grund genug, um in einer fünfteiligen Serie auf die Schattenseiten des Fußballs zu blicken.

Der Angreifer war blind vor Hass. Immer wieder schlug er auf Thilo Danielsmeyer ein, zwei Minuten lang. „Ihr kriegt uns nicht klein“, rief er dabei. „Dortmund bleibt rechts!“ Die Attacke ereignete sich während des Champions-League-Spiels von Borussia Dortmund in Donezk Mitte Februar. Neben Thilo Danielsmeyer, der seit zwanzig Jahren für das Dortmunder Fanprojekt arbeitet, war auch Jens Volke angegriffen worden, einer der BVB-Fanbeauftragten. „Wir standen für das System, das sie ablehnen“, sagt Danielsmeyer. „Zum Glück wurden meine Rufe von einem Fan gehört, der zu Hilfe kam.“

Dortmund gilt als eine Hochburg der Neonazis, vor allem der gewaltbereiten Autonomen Nationalisten. „Der BVB ist erfolgreich und hat einen sehr guten Ruf“, sagt Danielsmeyer. „Das wollen die Rechten nutzen, die Südtribüne ist für sie ein idealer Jagdgrund, um Leute zu rekrutieren.“ Anfang der Saison hatten Neonazis im Stadion ein Solidaritätsbanner mit dem verbotenen „Nationalen Widerstand Dortmund“ gezeigt, in den Monaten danach wurden vermehrt Kleidungsstücke der Borussenfront gesichtet. Die rechtsextreme Hooligangruppe hatte Dortmund in den Achtzigerjahren als Bühne für Gewalt und Hetze genutzt, bei einigen der jungen Ultras gelten sie noch heute als Vorbilder.

Am 17. April beginnt in München der Gerichtsprozess gegen Beate Zschäpe, die mutmaßliche Terroristin des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Seit Monaten wird über die Gefahr von rechts diskutiert, das ist im beliebtesten Sport Deutschlands nicht anders: In Aachen hat sich eine antirassistische Ultra-Gruppe aus dem Stadion zurückgezogen, immer wieder waren ihre Mitglieder von Neonazis bedroht und angegriffen worden. In Braunschweig hat eine Gruppe in einer Broschüre detailliert Verstrickungen zwischen Rechtsextremen und Fans der Eintracht nachgewiesen. Und auch in Düsseldorf, Duisburg oder Kaiserslautern wurden Diskriminierungen gemeldet.

Der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski von der Universität Hannover möchte nicht von einer neuen Dimension sprechen. Menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie seien tief in der Gesellschaft verankert, doch im Fußball würden sie wie unter einem Brennglas verdichtet auftreten. „Dieses Gebräu war in den vergangenen Jahren nie verschwunden“, sagt Dembowski. „Und es ist anschlussfähig für Neonazis.“

Rechtsextreme nutzen Codierungen, provozieren meist in den verborgenen Ecken der Fußball-Öffentlichkeit: in Kneipen, Zügen, Internetforen. Für viele Medien ist dieser Prozess kaum von Interesse, schließlich gibt es keine Fernsehbilder von Feuerwerkskörpern oder Schlägereien. Die Konsequenz laut dem Politikwissenschaftler und Fan-Experten Jonas Gabler: „In der Debatte über Sicherheit im Fußball ist der Rechtsextremismus nur eine Fußnote.“ Der einseitige Blick auf Pyro und Gewalt führe dazu, dass auch viele Ultras ihr eigene Gewaltaffinität weniger reflektieren: „Sie haben das Gefühl, es niemandem recht machen zu können.“

Fangruppen haben Proteste gegen die Sicherheitsmaßnahmen der DFL organisiert. Um ein Bündnis zu schmieden, sollen auch rechtsoffene Gruppen aus Chemnitz oder Köln beteiligt gewesen sein, berichtet das Debattenportal publikative.org. Werden antirassistische Gruppen durch diese Allianz ihren Einfluss verlieren? Werden sich rechte Althooligans aus der Deckung wagen? Die Borussenfront in Dortmund, Division in Duisburg, die Standarte in Bremen? Dembowski und Gabler sehen die Ultra-Bewegung am Scheideweg: In fast allen Fanszenen hat es Streitigkeiten und Spaltungen gegeben, eines der Kernthemen: Politik. „Leider werden antirassistische Gruppen oft als Linksextremisten dämonisiert“, sagt Dembowski. „Diese Gruppen wollen keine Gulags, sie sind auch keine Stalinisten: Sie setzen sich für Mindeststandards des Zusammenlebens ein, für ein diskriminierungsfreies Stadion.“

Erst als in Dortmund die Lage eskalierte, erkannten Verein und Fanszene den Ernst der Lage. Nach dem Angriff auf Danielsmeyer und Volke haben Tausende Anhänger in den Internetforen intensiv über Rechtsextremismus diskutiert und durch Plakataktionen ihre Solidarität bekundet. Der Vorstand brachte neue Maßnahmen auf den Weg. Auch die Teilnehmerzahl für den Heinrich-Czerkus-Gedächtnis-Lauf am Karfreitag stieg noch einmal an: Czerkus war Platzwart des BVB und Widerstandskämpfer gegen Hitler gewesen. Wenige Tage vor Kriegsende war er von den Nazis ermordet worden.

Lesen Sie morgen Teil 2: Rechtsextreme Kümmerer im Breitensport.


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