zuletzt aktualisiert vor

"Als Bayer war ich ein Ausländer" Ex-Nationalspieler Klaus Fischer über Fallrückzieher und Fußball als Herzensangelegenheit

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. In der Liste der ewigen Torschützen liegt er auf Platz zwei: Klaus Fischer hat in 535 Bundesligaspielen 268 Tore gemacht. Im Interview spricht der frühere Nationalspieler über den Wettskandal und seinen alten Verein, Schalke 04.

Klaus Fischer, können Sie Fragen zum Thema Fallrückzieher überhaupt noch hören?

Natürlich werden die immer wieder gestellt, der Fallrückzieher war mein Markenzeichen. Vor und nach mir hat ihn niemand so gemacht wie ich. Deswegen kennen mich die Leute, deshalb bin ich in Erinnerung geblieben. Seit 1988 spiele ich nicht mehr, aber selbst Kindern bin ich noch ein Begriff. Viele große Spieler, die nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen, sind vergessen.

Eine letzte Frage dazu: Klappt’s denn heute noch mit den Fallrückziehern?

Das klappt heute noch. Auch wenn ich wahrscheinlich nicht mehr ganz so hoch komme wie damals. Das Problem ist nicht der Fallrückzieher, sondern die Flanke. Da muss alles passen.

 

Von 1860 München wechselten Sie 1970 nach Schalke. Stimmt es, dass Sie Ihre Mutter eindringlich vor diesem Schritt gewarnt hat?

So war es. Ruhrgebiet, Kohlenpott, da meinte Sie: Da kannst du nicht einmal ein weißes Hemd anziehen, bleib lieber hier. Ich habe allerdings nicht auf sie gehört – ich wollte nach Schalke, da konnte mich niemand halten. Stan Libuda spielte dort, der beste Rechtsaußen, den ich je gesehen habe. Ehrlich gesagt war auch das Angebot der Schalker ganz gut. Bei 1860 habe ich nicht viel verdient, 800 Mark im Monat in meinem ersten Jahr.

 

Wären Sie in der heutigen Zeit gerne Profi?

Das würde doch jeder gerne. Leichter Geld zu verdienen geht doch gar nicht. Das Hobby zum Beruf machen und Millionär werden. Ich gönne es aber den heutigen Aktiven. Ich hatte eine schöne, erfolgreiche Zeit. Was damals anders war: Wir waren Jungs, die wussten, wo sie hingehören. Wir waren nah an den Fans dran, beim Training, beim Spiel. Das gibt es heute nicht mehr.

 

Die ganz großen Titel – abgesehen vom DFB-Pokal-Sieg 1972 – blieben Ihnen verwehrt. Den Gewinn der EM 1980 verfolgten Sie mit Schienbeinbruch vom Krankenbett aus. Trauern Sie verpassten Chancen hinterher?

Die EM 1980 war bitter. Zehn Monate war ich außer Gefecht, zehn schwere Monate. Es war ja nicht nur der Bruch, sondern die Knocheninfektion. Die Ärzte sagten: Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten amputieren müssen. Alle haben mich abgeschrieben, auch mein Verein. Aber ich kam wieder und bin 1982 Vizeweltmeister geworden. Ich musste neu anfangen zu laufen. Und gleich beim zweiten Mal gehen bin ich gestolpert und habe mir eine Bänderdehnung zugezogen – meine erste überhaupt. Als ich dann irgendwann sprinten konnte, bin ich 90 Treppenstufen nach oben gerannt. Oben angekommen, musste ich mich erst einmal übergeben.

 

Ein dunkles Kapitel Ihrer Karriere: das 0:1 des FC Schalke gegen Arminia Bielefeld in der Saison 1970/71 – verschoben für 2300 Mark pro Schalker Spieler ...

Es war eine Riesendummheit von uns. Vor allem: Hätten wir gewonnen, hätten wir vielleicht sogar mehr als Gewinnprämie bekommen. Es lief alles über die älteren Spieler im Kader, ich war damals in meiner ersten Saison auf Schalke. Die älteren Spieler waren mit Waldemar Slomiany befreundet, der zuvor auf Schalke gespielt hatte und dann nach Bielefeld gewechselt war. Sie wollten ihm wohl einen Freundschaftsdienst erweisen. Aber für was für einen Preis! Es hat nicht nur Sperren gebracht, es hat vor allem Ansehen gekostet!

 

Als alles aufflog, was schoss Ihnen durch den Kopf?

Ich dachte: Das war’s mit der Karriere. Es brach eine Welt zusammen für mich als junger Spieler. Ich musste mit einer langen Sperre rechnen. Das hätte geheißen: Job suchen, mit dem Fußball war es das. Wenn ich könnte, würde ich dieses Kapitel streichen. Aber man kann das Rad nicht zurückdrehen.

 

Ziemlich genau 40 Jahre später wird der Fußball-Wettskandal vor Gericht verhandelt. Hätten Sie gedacht, dass so etwas noch einmal möglich gewesen wäre im Profi-Fußball?

So was ist immer dort möglich, wo wenig Geld verdient wird. In der heutigen Bundesliga ist das nicht der Fall. Wer sollte das zahlen? Aber weiter unten Spielen Leute für 1000, 2000 Euro, da ist es natürlich viel einfacher. Aber trotzdem: Dass noch einmal Spieler so dumm sind, hätte ich nicht gedacht.

Sie haben sich nach Ihrer aktiven Laufbahn auch als Trainer verdingt – unter anderem zwei Kurzeinsätze auf Schalke. Nicht der richtige Job für Sie?

Mit der Zeit musste ich feststellen: Ich bin nicht der richtige Typ für dieses Geschäft. Ich bringe mich nicht permanent selbst ins Gespräch, und ich kann die Leute einfach nicht belügen. So blieb es bei diesen kurzen Stationen. Und dann kam das mit der Fußballschule auf. Seit 1996 mache ich das jetzt, die Ausbildung junger Spieler hält auch mich jung.

„Ihr“ Verein FC Schalke 04 hat sich seit Ihrer aktiven Zeit stark gewandelt – erkennen Sie ihn noch wieder?

Das ist doch bei jedem Verein so. Im Vizemeisterjahr 1977 hatten wir einen Zuschauerschnitt von 36000 – nicht schlecht für damalige Verhältnisse. Heute sind es auf Schalke 61000 – egal, ob der FC Erster oder Letzter ist. Der Besuch im Stadion ist heute ein Event. Da sitzen viele Leute, denen eigentlich egal ist, wie Schalke spielt. Hauptsache erfolgreich, das Bier schmeckt und die Atmosphäre stimmt.

 

Der Fußball als Herzensangelegenheit ist also verloren gegangen?

Gucken wir auf die Mannschaft: Der Einzige, der mit Herz dabei ist, ist Manuel Neuer. Die Spieler heute kommen und gehen und verdienen dabei gutes Geld. Zu meiner Zeit kamen die meisten Spieler aus dem Umfeld von Gelsenkirchen. Ich war da als Bayer schon Ausländer. Die Identifikation war viel größer mit dem Verein. Bei den Spielern, aber auch bei den Zuschauern.Schätzen Sie doch mal: Wann kommt die Meisterschale nach Schalke?Dieses Jahr wohl nicht (lacht). Dennoch ist das, was Felix Magath gemacht hat, richtig, der Umbruch musste her. Diese Saison könnte es noch zu einem Platz in der Europa League reichen. Und nächstes Jahr? Das hängt davon ab, ob der Manuel Neuer bleibt. Er ist das Herz der Mannschaft. Felix hat vier Jahre als Zeitspanne bis zur Meisterschaft ausgegeben. Ich hoffe, dass der Verein diese Geduld hat.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN