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Fortschritte belegt Ein Königsweg gegen Doping? - Berliner Forscherteam plädiert für flächendeckende Blut-Tests

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Berlin. Schon wieder das Thema – Doping. Doch abseits von Prozessen und Pressekonferenzen tut sich etwas: Erstmals beschäftigen sich Wissenschaftler aller Disziplinen gemeinsam mit Doping, zielgerichtet und fachübergreifend. Sportmediziner und Juristen, Natur- und Geisteswissenschaftler sind mittendrin im größten und derzeit spannendsten Projekt im Kampf gegen Manipulation und Leistungsbetrug im Sport. Das erste Zwischenfazit der Projektleiter, Prof. Elk Franke und Prof. Giselher Spitzer von der Humboldt-Universität in Berlin, ist verhalten optimistisch.

Von Susanne Fetter und Harald Pistorius

 

Der Auftrag für „Translating Doping – Doping übersetzen“ kommt vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, ist ein Millionenprojekt mit sechs Mitarbeitern und läuft über drei Jahre.

Warum das Zusammenspiel verschiedener Wissenschaften?

In den spektakulären Dopingfällen geht es meist um medizinisch-naturwissenschaftliche und juristische Fragen. Auf der einen Seite die Festlegung von Grenzwerten oder die Suche nach Nachweismethoden, auf der anderen Seite die Probleme der Beweiskraft und der zivil- oder strafrechtlichen Relevanz. In den Hintergrund treten da oft die simplen Fragen: Warum verbieten wir Doping eigentlich? Wie ist der hohe Aufwand im Kampf gegen Doping zu rechtfertigen?

„Dabei liegt in der Beantwortung dieser Fragen auch der Schlüssel zu einer juristisch begründbaren Kontrollkultur“, sagt der Sportphilosoph Franke, „wenn wir dopingfreien Sport aus Gründen der Ethik und des Fair Play wollen, dann ist der Sport ein verteidigungswürdiges Gut. Das wiederum gibt uns das moralische Recht, dieses Gut auch mit Einschränkungen von Persönlichkeitsrechten zu verteidigen. Damit wäre prinzipiell der Weg geebnet, dass man jedem Athleten quasi bei seinem Eintritt in die Sonderwelt des Sports abverlangen darf, dass er sich den außergewöhnlichen Regeln dieser Sonderwelt unterwirft, weil sie sonst nicht zu erhalten wäre.“

Wieso ist der Sport eine Sonderwelt?

Sportliche Handlungen sind nicht zweck- und zielgebunden wie etwa Holzhacken oder Autofahren, sagt Franke. Zur Erklärung zieht er das Beispiel des 400-Meter-Läufers heran: „Er läuft nicht, um von A nach B zu kommen, sondern um im Ziel wieder an seinem Startpunkt zu sein.“ Der Sport hat also seine eigenen Regeln. Jeder, der in diese Welt eintaucht, trifft die „werthafte Wahlentscheidung“ sie zu befolgen.

Wie sollte sich etwas ändern im Doping-Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel?

Das ist der in der Öffentlichkeit trotz aller Erfolge der Forscher und Fahnder gewachsene Eindruck: Die Aufklärer sind hinter den Dopern immer ein paar Schritte zurück, der Igel ist immer schon da. Doch die neuesten Erkenntnisse international anerkannter Naturwissenschaftler mit Wilhelm Schänzer (WADA-akkreditiertes Dopingkontroll-Labor, Köln) und Walter Schmidt (Bayreuth) an der Spitze lassen den Schluss zu, dass sich dieses Verhältnis ändern lässt. Intensive Forschungstätigkeit und immer ausgefeiltere Kontrolldiagnostik werden in einem System internationaler Vernetzung auf so hohem Niveau ausgetauscht und entwickelt, dass sich selbst systematische Doper nicht mehr nur zufällig im Kontrollnetz verfangen könnten.

Als Beispiel dient hier der jüngst von Schmidt entwickelte Nachweis Eigenblut- oder Fremdblut-Dopings mit der sogenannten Rückatmungsmethode von Kohlenmonoxid. Der Hämoglobin-Nachweis könnte damit deutlich präziser gelingen als bisher. Das Problem: Kohlenmonoxid ist ein giftiges Gas, was derzeit noch ausschließt, dass Athleten dieses Gas zum Zweck einer Doping-Kontrolle einatmen dürfen, auch wenn es sich um eine nachweislich ungefährliche Menge handelt. Hier wird klar, welche Bedeutung der juristischen Dimension zukommt.

Gibt es also einen Königsweg zur Doping-Bekämpfung, wenn die juristische und sportethische Diskussion präzisiert wird?

So ähnlich sehen es die Leiter des HU-Projekts. Man will weg von der standardisierten, starren Grenzwert-Festlegung, die die Idee des cleveren „Heran-Dopens“ an Grenzwerte unterstützt. Ein Dopingsünder ist nicht, wer dopt, sondern wer die Grenzwerte überschreitet – obwohl allen klar ist, dass auch die dopen, die Grenzwerte knapp unterschreiten. Somit bestimmt der Grenzwert die Moral. Der große Schritt voran wären Bluttests, zu denen sich jeder Athlet zu Beginn seiner Karriere verpflichten müsste.

Wieso Bluttests? Ein erstes Zwischenergebnis im Berliner Forschungsprojekt bestätigt:

Blutanalysen sind aussagekräftiger als Urinanalysen. Sie stellen ein größeres Untersuchungspotenzial dar und können auf Jahre gelagert werden. Nachkontrollen drohen, das könnte abschrecken. Die Auswertung der individuellen Blutprofile würde zudem in Verbindung mit Langzeitkontrollen „zu einer neuen Kontrollkultur mit dem verlässlichen Sachnachweis des Bluttests im Mittelpunkt“ führen, wie Dieter Rössner, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Marburg, sagt. Er nennt die Verpflichtung zu Bluttests den „Mitgliedsausweis der Sonderwelt des Sports“, an der alle Beteiligten – der einzelne Athlet, die Sportverbände und der Staat in seiner Verantwortung für das Gesamtsystem Sport – ein Interesse haben. Wenn sie wahrhaftig einen dopingfreien Sport wollen. Dazu fehlen derzeit die zivil- und strafrechtlichen Grundlagen. Denn bei einer Blutentnahme wird in den Körper des Athleten eingedrungen, um ihm etwas zu entziehen – juristisch eine Körperverletzung.

Kann man Sportler zwingen, ihre Persönlichkeitsrechte teilweise aufzugeben, um dem übergeordneten Ziel des dopingfreien Sports näher zu kommen?

Im Alltag können Blutproben angeordnet werden, wenn etwa der begründete Verdacht vorliegt, dass ein Betrunkener Auto fährt. Blutentnahmen bei Sportlern grundsätzlich anzuordnen könnte bedeuten, sie unter Generalverdacht zu stellen. Doch die Wissenschaftler vergleichen hier gern mit unserem Alltag: Die Kontrollen im Flugverkehr setzen – bis hin zum Körperscanner – Persönlichkeitsrechte außer Kraft: Der Passagier muss abwägen, ob er sich zugunsten des höheren Gutes möglichst sicheren Fliegens kontrollieren lässt.

Wer das nicht will, darf nicht einsteigen. Im Beispiel des Sports kommen Ethik, so die DOSB-Wissenschaftspreisträgerin Claudia Pawlenka (Düsseldorf), und Recht, so die führenden Sportjuristen Martin Heger (Berlin) und Manfred Nolte (Kiel), zu demselben Ergebnis: Bei der Abwägung des höheren Gutes der Erhaltung des dopingfreien sportlichen Wettbewerbs ist diese Entscheidung nicht nur möglich, sondern die bessere Wahl.

Was hätten die Athleten davon?

Zuallererst wäre da der Wegfall von Urinproben, die vor allem weibliche Athleten meist unter unwürdigen Umständen abgegeben müssen. Für diese Kontrollen müssen die Sportler beinahe rund um die Uhr verfügbar sein, was viele kritisieren. Zudem besitzen einige Sportler von Natur aus höhere Ausgangswerte als andere; im derzeitigen „Grenzwert“-System sind sie benachteiligt. Nachdem der transdisziplinäre Forschungsprozess diese „neue, individualisierte Kontrollkultur“ begründen konnte, kann ein Ziel des Forschungsprojektes sein, bei der Umsetzung und in der Prävention bis hin zur Politikberatung zu helfen. Spitzer benennt die im Projekt bestimmten Konsequenzen: „Das Grenzwertdenken im aktuellen Anti-Doping-Code der Weltantidopingagentur birgt ein großes Risiko für Kaderathleten und gerade Freizeitsportler. Sie müssen durch zielgruppenspezifische Prävention davon abgehalten werden, überhaupt Substanzen einzunehmen: Wir brauchen eine neue Dopingdefinition, die auch riskantes, dopingähnliches Verhalten in der Gesellschaft ¨– Stichwort Enhancement – umfasst.“

Somit plädiert die Wissenschaftlergruppe um Franke und Spitzer dafür, so früh wie möglich mit dem Anlegen von Blutprofilen zu beginnen, um für jeden Athleten ein individuelles Ausgangsprofil zu erstellen.  Jeder Sportler hätte dann seine eigenen Grenzwerte, mittels statistischer Modelle könnte die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation ermittelt werden. Der Blutpass des Athleten wäre sein sportlicher Fingerabdruck, die jährliche Kontrollzahl könnte gesenkt werden, was die Aktiven weniger belastet. Das Projekt war auch hier aktiv, wie Spitzer berichtet. Eine bislang unveröffentlichte Umfrage unter 25 Spitzensportlern aus dem NADA-Dopingkontrollsystem zeigt, dass die Kontrollierten weitaus gelassener sind, als es Medienberichte nahelegen. Sie haben begriffen, dass Kontrollen sie schützen.

Das Projekt:

Prof. Giselher Spitzer (Zeitgeschichte und Soziologie des Sports an der Humboldt-Universität in Berlin) und Prof. Elk Franke (langjähriger Leiter des Arbeitsbereiches Philosophie und Pädagogik des Sports an der Humboldt-Uni) leiten das Forschungsprojekt „Translating Doping – Doping übersetzen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird.

In dem gerade erschienenen ersten Band „Sport, Doping und Enhancement – Transdisziplinäre Perspektiven“ (Köln, Sportverlag Strauß, ISBN 978-3-86884-010-0) sind die ersten Ergebnisse dokumentiert.  

 


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