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,,Hartmut" liebt das Risiko

Es gibt nicht mehr viele Fußballer seiner Marke. Dribblings, Haken schlagen, auf die Grundlinie gehen und flanken oder die am Samstag gegen Münster zum 2:1 führende Direktabnahme - Dinge also, die das Publikum fesseln und begeistern: Bei Harun Isa, dem bislang siebenfachen Torschützen des VfL Osnabrück, gehören sie zum Standard-Repertoire. Sie gehen einher mit der Philosophie des 33 Jahre alten Albaners: ,,Du musst etwas riskieren, sonst kannst Du nicht gewinnen."

Schon seit langer Zeit nicht mehr hat ein Neuzugang beim VfL so gut eingeschlagen wie der trickreiche Stürmer, der zu Saisonbeginn vom Zweitligisten Union Berlin an die Bremer Brücke wechselte. Bei den ,,Eisernen" hätte er auch noch ein Jahr bleiben können, doch eine Stammplatzgarantie mochte ihn der am Wochenende entlassene Georgi Wassilew nicht geben. ,,Der Trainer sah mich trotz der neun Saisontore eher in der Rolle des Jokers. Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben. Allerdings hat es mir Wassilew auch nicht verübelt, dass ich das Osnabrücker Angebot angenommen habe, zumal es sich um einen Zweijahresvertrag handelte."

Seit 1992 ist der ,,Straßenfußballer" Isa, der erst mit 15 Jahren in einer Vereinsmannschaft spielte, in Deutschland. Der aufgrund seines Irak-Engagements aktuell in den Schlagzeilen stehende Trainer Bernd Stange ließ ihn damals bei Hertha BSC vorspielen, doch die Liaison mit der ,,alten Dame" entwickelte sich eher zu einer Liebe auf den zweiten Blick. Bei Stange fiel er durchs Rost, doch anschließend schoss Isa für die ,,kleine Hertha" in Zehlendorf so viele Tore, dass die ,,Große" am quirligen Offensivmann gar nicht mehr vorbei kam. In der 2. Liga wurde Isa an der Seite von Nico Kovac und Carsten Ramelow zu einer festen Größe im Hertha-Team.

Die Extreme des Profidaseins lernte Harun Isa anschließend bei Tennis Borussia kennen. Angetan zeigte er sich von der Zusammenarbeit mit Trainer Hermann Gerland, der noch an diesem Montag bei ihm anrief und dazu gratulierte, dass der ,,Kicker" ihn am 12. Spieltag zum ,,Mann des Tages" gekürt hatte. ,,Hingegen war Winfried Schäfer für mich die größte Trainer-Enttäuschung meiner Laufbahn. Er hat hinter meinem Rücken schlecht über mich geredet. Und es war demütigend, dass er mich auf die Tribüne setzte und mir Spielern aus der TeBe-Reserve vorzog."

Nach einem einjährigen Intermezzo beim FC Erzgebirge Aue folgte mit dem 1. FC Union Berlin die erfolgreichste Station seiner bisherigen Karriere. Im Team aus Köpenick stieg er in die 2. Liga auf, erreichte das DFB-Pokalfinale 2001 (0:2 gegen Schalke), spielte im UEFA-Pokal und verdiente sich seinen Spitznamen ,,Hartmut" – der symbolisch sein könnte, tatsächlich aber das Resultat eines Versprechers bei einer Stadiondurchsage war.

Berlin – diese Stadt ist ihm ans Herz gewachsen. Doch die Erinnerung an die Metropole ist auch eine an viele bange Momente. ,,Die Schrecken des Balkan-Krieges haben mich stets verfolgt. Häufig lag ich bis tief in die Nacht wach - aus Ungewissheit über das Schicksal von Familie und Freunden in meiner Heimat. Ich bin unheimlich froh, dass ihnen nichts passiert ist", sagt Isa. In absehbarer Zeit wird es ihn zurückziehen, das steht fest, ,,doch vorher will ich mit dem VfL aufsteigen". Wie es bisher scheint, können sich die Anhänger von Lila-Weiß auf seinen Beitrag dazu verlassen.


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