zuletzt aktualisiert vor

Interview Fürths Sportpsychologe Meichelbeck: „Der Fußball ist kein Nährboden für Depressionen“

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Martin Meichelbeck war selbst Profifußballer in Bochum und Fürth, nebenbei studierte er Psychologie. Seit 2011 leitet der 35-Jährige den Bereich Medizin/Sportpsychologie beim Aufsteiger Greuther Fürth. Foto: imagoMartin Meichelbeck war selbst Profifußballer in Bochum und Fürth, nebenbei studierte er Psychologie. Seit 2011 leitet der 35-Jährige den Bereich Medizin/Sportpsychologie beim Aufsteiger Greuther Fürth. Foto: imago

Fürth. Greuther Fürth galt lange Zeit als unaufsteigbar - jetzt hat es die Mannschaft geschafft. Das Erfolgsrezept verrät Martin Meichelbeck, Ex-Profifußballer und Sportpsychologe des Vereins, im Interview:

Herr Meichelbeck, Glückwunsch zum Aufstieg. Die Fürther galten ja lange als „unaufsteigbar“ – wie haben Sie das aus den Köpfen rausgebracht?

Wir haben im ganzen Verein über einen längeren Zeitraum sehr viel an unsere Stärken geglaubt. Von dem Stigma habe ich aber nie viel gehalten. Der Verein hat in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet und immer das Maximale erreicht. Dass es dann hieß, die schaffen das ja nie, war Quatsch.

Fürth war in dieser Saison auch im Pokalhalbfinale. In der 118. Minute gab es einen Torwartwechsel, danach fiel das Siegtor für den BVB. Haben die Dortmunder mit ihren hämischen Rufen „Torwartwechsel, Torwartwechsel, hey, hey, hey“ das Erlebnis noch verschlimmert?

Man darf die Reaktionen nach dem Spiel nicht überbewerten, aber prinzipiell ist so ein Verhalten für einen deutschen Meister nicht passend.

Die Szene vom Gegentor hat sich sofort im Internet verbreitet. Ist es durch die neuen Medien schwieriger mit solchen Situationen umzugehen?

Ja. Wir haben den gläsernen Profi. Wenn jemand abends unterwegs ist und einen Vodka trinkt, wird er fotografiert und es erscheint in Facebook. Je bekannter man ist, desto weniger Intimität hat man. Für den Spieler ist es nicht einfach, auch weil es manchmal gewisse Dimension annimmt, die in keiner Relation stehen. Nehmen wir den Fehlschuss von Eddy Prib in Frankfurt. Da hat man ja gedacht, dass er etwas ganz Schlimmes getan hat, dabei hat er doch nur den Ball nicht ins Tor gemacht.

Kann man sagen: Ich schalte jetzt mal komplett ab, gehe nicht ins Internet?

Das geht nicht, weil man doch wieder von anderen angesprochen wirst, wenn die Szene bei „TV total“ kommt.

Gehen Sie in solchen Situationen auf Spieler zu?

Prinzipiell bin ich ein Angebot. Die Spieler wissen, was ich mache, und das ist keine Therapie, sondern Coaching. Das bedeutet Beratung, Intervention, Betreuung und Unterstützung. Das heißt auch mal, kritisch mit jemanden umzugehen. Wenn einer fünfmal krank war und ich sehe, dass er bei minus 10 Grad wieder keinen Schal um hat, gehe ich schon auf ihn zu und frage ihn, ob es nicht an ihm liegen könnte.

Was braucht ein Spieler, um einer Extremsituation wie etwa einem Elfmeterschießen Stand zu halten?

Er muss das Äußere ausblenden und sich vertrauen. Es klingt einfach, ist aber schwer. Die Kunst besteht darin, sich nicht von äußeren Faktoren abhängig zu machen. Und es geht immer darum, seinen eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Wie kann man das trainieren – ein Beispiel?

Nehmen wir den linken Flügelflitzer. Bei ihm geht es darum, gute Flanken zu schlagen. Wenn er das jeden Tag trainiert, wird er ein größeres Vertrauen dazu bekommen. Übt er zudem, die Bewegungsabläufe im Kopf abzuspeichern, wird er auch auf einer mentalen Ebene Vertrauen bekommen. Aber das passiert nicht, indem er da sitzt und darauf wartet, dass er sich gut entwickelt.

Sie waren selbst lange Profi, haben nebenbei Psychologie studiert. Hatten die Mitspieler Angst, Versuchskaninchen zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe Sie auch nie analysiert. Den Spitznamen „Psycho“, hatte ich allerdings schon, aber das war okay. Und vom ein oder anderen Trainer, hieß es, wenn ich schlecht gespielt habe, lies lieber mal weniger Bücher und spiel vernünftig Fußball.

Nur ein Drittel der Erstligisten hat einen Sportpsychologen, die meisten davon arbeiten freiberuflich – zu wenig, oder?

Klar, der Optimalfall wäre wenn jeder Verein sowohl im Jugendbereich als auch im Profibereich Psychologen im Angebot hat und auch für den „Worst Case“ vorbereitet ist. Sprich: Wenn man wirklich psychische Störungen verspürt, dass man dann auch schnell handeln kann.

Warum ist das nicht so?

Es hat viel mit Bewusstsein zu tun und sehr viel mit Aufklärung. Und dann geht es natürlich darum, wie integriert man einen Psychologen innerhalb des Vereins, so dass es passt. Das ist schwierig. Gerade als externer Psychologe braucht man Zeit, die Mechanismen des Geschäfts kennenzulernen. Da hatte ich es einfacher.

Hat sich nach der Selbsttötung von Robert Enke überhaupt etwas verändert?

Prinzipiell ist die Sensibilität und das Verständnis für psychische Erkrankungen, wie Depressionen oder Burn-out, gewachsen, das ist gut. Zudem sind die Vereine sensibler für den Bereich der Psychologie, auch wenn es viele noch nicht so anwenden.

Wo liegt das Problem?

Viele sehen die Psychologie als Ergebnisorientierung an. Nach dem Motto: So, jetzt haben wir einen Psychologen, dann gewinnen wir sechs Heimspiele mehr – so funktioniert das nicht. Psychologie ist nur ein Angebot und garantiert überhaupt nichts, sie kann unterstützen, wie die Physiotherapie, im besten Fall optimiert sie. Der Unterschied ist, die Physiotherapie ist etabliert, die Psychologie noch nicht. Das wird Zeit brauchen.

Eine Zeit lang haben einige Vereine mit Mentaltrainern gearbeitet …

… und diese so genannten Mentaltrainer, die teilweise weder eine Ausbildung noch ein Studium vorzuweisen haben, haben das Ganze manchmal in Verruf gebracht. Das ist ein Grund, warum viele der Psychologie distanziert gegenübergetreten sind, darunter leidet sie noch heute. Das ist Kommerz, das hat mit ernsthafter Arbeit mit Menschen nichts zu tun. Darüber hinaus gibt es aber viele seriös arbeitende Sportpsychologen, in deren Mittelpunkt der Mensch steht.

Hilft es, dass in letzter Zeit einige Spieler und mit Ralf Rangnick auch ein Trainer offen über psychische Probleme gesprochen haben?

Es ist definitiv schwierig, das zu tun, weil wir in einem Leistungskontext im Profifußball leben. Und wenn jemand eine mentale Schwäche offenbart, kann es für ihn ein Hinderungsgrund sein, einen neuen Vertrag zu bekommen. Das ist aber in anderen Berufen genauso. Da hat es ein Ralf Rangnick vielleicht sogar leichter, so einen Schritt zu gehen, als jemand, der am Fließband arbeitet und eine vierköpfige Familie zu ernähren hat, weil natürlich der materielle Hintergrund ein anderer ist.

Aber das Grundproblem …

ist das fehlende Verständnis für psychische Erkrankungen oder psychische Labilitäten. Wenn jemand einen Kreuzbandriss hat, erhält er ein halbes Jahr Pause und man weiß, er kommt dann einigermaßen gesund wieder zurück. Also warum gibt man ihm bei einer psychischen Erkrankung nicht auch einfach die Zeit? Ralf Rangnick etwa war körperlich erschöpft und hatte ein demensprechendes Blutbild aufgrund des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Dass dann die mentalen Kräfte sich irgendwann dem Ende neigen, ist ja nur menschlich.

Der Cottbuser Spieler Martin Fenin hat nach seinem Zusammenbruch kürzlich sein Comeback gefeiert – gibt das Zuversicht auch für andere?

Dieses Beispiel kann sicher Zuversicht vermitteln, da es zeigte, dass psychische Erkrankungen oder Durchhänger zum Mensch-Sein dazu gehören. Dass man eine Auszeit benötigen, aber trotzdem in den Leistungskontext zurück gehen kann. Man muss aber immer sehr vorsichtig sein, unterschiedliche Fälle miteinander zu vergleichen, das ist unseriös. Um einen Fall zu bewerten muss man mit den Menschen Zeit verbringen und in die Tiefe seiner Seele blicken.

Sich zu öffnen, ist oft schwer. Sie arbeiten in Fürth auch mit den Jugendspielern zusammen. Ist es wichtig, dass die Psychologie früh in den Alltag mit eingebunden wird?

Auf jeden Fall. Bei den Jugendlichen geht es um viele Themen, die Betreuung in der Pubertät, Übergang der Pubertät, Betreuung innerhalb des Leistungskontextes, Druck in Verbindung mit Schule und Ausbildung, Loslösung vom Elternhaus. Und dann die normalen sportpsychologischen Themen, mentales Training, Aktivationsregulation, Emotionsregulation und Ziele im Leben. Das ist häufig nicht alleine zu bewältigen.

Bei den Profis kommt der Druck hinzu. Zuletzt wurde viel diskutiert, ob er zu groß ist im Fußball.

Natürlich ist der Fußball extrem und sehr medienwirksam. Aber Druck gibt es auch in anderen Berufen. Sobald man sich in einem Leistungskontext bewegt, ist automatisch Druck dabei. Entscheidend ist natürlich, wie man den Druck für sich bewertet. Man kann in ein Stadion einlaufen und freut sich einfach, dass man einer von den 22 Spielern ist, denen sie heute zujubeln, und sagt sich, ich versuche heute mein Bestes. Oder man geht dort hinein und sagt sich, hoffentlich enttäusche ich die Erwartungshaltung dieser 50 000 nicht. Dann wird man sie enttäuschen, ganz im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Sie haben den Druck im Abstiegskampf selbst erlebt.

Ja. Ich hatte ganz tolle Zeiten, aber es war auch viel Frust dabei. Im ersten Abstiegsjahr, in Bochum etwa standen plötzlich Fans mit großen Steinen vor der Geschäftsstelle und haben unsere Autos demoliert. Ein anderes Mal wurde auf einem Rastplatz unser Bus gestürmt. Die eigenen Fans haben uns mit Bananen und Bierdosen beworfen. Da fragt man sich schon, wann die Grenzen überschritten sind. Man muss Strategien entwickeln, um mit diesen externen Baustellen umgehen zu können.

Ist ein Profifußballer gefährdeter, psychisch zu erkranken?

Permanent auf einem hohen Level agieren zu müssen ist schon extrem. In der einen Woche bist Du der Held, in der anderen Woche der Versager. Deshalb ist der Fußball nicht unbedingt ein Nährboden für Depressionen. Ich glaube, dass Trainer, was Burn-out betrifft, gefährdeter sind als Spieler, weil der Verantwortungsbereich extrem groß ist und die Belastungen, denen sie ausgesetzt sind, extrem hoch.

Der Begriff Burn-out ist zuletzt sehr in Mode.

Stimmt. Und dabei gibt es Burn-out als eigenständige Krankheit gar nicht. Es ist sicherlich ein gesellschaftliches Problem geworden, doch wir müssen aufpassen, dass wir physische oder psychische Durchhänger nicht zu schnell pathologisieren. Man muss diese Befindlichkeiten aber sicher ernsthaft nehmen und sich ihnen stellen.

Einige Trainer stellen sich selbst gerne als Psychologen dar.

Es ist ratsam, dass Trainer in ihrem Funktionsteam Psychologen installieren, denn sie selbst sind in diesem Bereich nun mal nicht ausgebildet. Das heißt aber nicht, dass Trainer keine guten psychologischen Fähigkeiten besitzen, denn Hobbypsychologen sind wir ja irgendwo alle. Dem besten Freund können wir ja auch helfen, auch ohne psychologische Ausbildung. Dafür müssen wir ihm nur drei Dinge entgegenbringt, die auch Basis der Gesprächstherapie sind: Er muss sich wertgeschätzt fühlen, man selbst muss authentisch und sympathisch sein und dann muss man sich noch in den anderen hinein fühlen können.

Aber Sprüche wie jener von Otto Rehhagel „So lange noch nichts entschieden ist, haben wir noch Möglichkeiten“ sind noch keine Psychologie.

Warum gibt es solche Sätze? Damit es den Spielern Halt gibt. Die Ratgeberecken in Büchereien sind voll von „Denke positiv, dann wird alles gut“. Ich glaube, so funktioniert der Mensch aber nicht. Im Endeffekt folgt er immer seinem individuellen Plan.

In dem Sie ihn unterstützen…

Genau. Es geht um Bewusstseinsschulung, Professionalität, Lebensführung, was mache ich parallel zum Fußball, was mache ich nach dem Fußball. Ich vertrete die Hypothese, dass jeder Profifußballer in ein Loch fällt, wenn er aufhört, weil ein sehr emotionaler und sehr prägender Lebensabschnitt zu Ende geht, in dem er seit Kindesbeinen steckt. Er kann nur gucken, dass er weich landet.

Manchmal hat man das Gefühl Fußballer werden dann erst erwachsen.

Das Kind im Sportler wird immer wach bleiben, erst recht das Kind im Manne. Wenn ein 60-jähriger Mann auf der Parkbank sitzt und es rollt ein Ball an ihm vorbei wird er aufstehen und dagegen schießen.

 

Alles rund um den Aufstieg der SpVgg Greuther Fürth lesen Sie hier!


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN