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Mit Kuhstall-Image leben gelernt

Anfangs störte die Anmache, wenn sie von Fans und in Medien gefragt wurden: "Was will denn Entenhausen in der Bundesliga?" Die Fragen sind weniger geworden, der Respekt ist gestiegen, auch wenn viele hinter dem Begriff Artland einen Sponsor oder einen Teil von Westfalen vermuten. Inzwischen drehen sie den Spieß um und empfinden, dass sich ganz gut leben lässt mit dem Gerede von Quakenbrück als der Provinz.

Marko Beens kostet es längst ein müdes Lächeln, wenn die Kleinstadt im Dreieck zwischen Oldenburg, Osnabrück und Bremen "für viele in Deutschland noch das Kuhstall-Image hat". Und das trotz oder erst recht wegen ihres prominentesten Werbeträgers, der Artland Dragons heißt, in vier Jahren die Basketball-Bundesliga aufgemischt hat und nun im Finale um die deutsche Meisterschaft steht.

Mit Beens als Manager, der mehr von Arbeit als von Reden hält und deshalb genau zu Chris Fleming passt, der als Trainer am liebsten auf Öffentlichkeit verzichtet. Aber nicht mehr kann, seit die Underdogs die Favoriten stolpern lassen: im Viertelfinale der Bundesliga den Serienmeister Alba Berlin und im Halbfinale den amtierenden Meister RheinEnergie Köln, um sich nun Bamberg, Titelträger 2005, im Finale ab Sonntag mit breiter Brust zu stellen.

Was Medien als "Sommermärchen" oder "Sensation" beschreiben, sieht Fleming als Ergebnis von Arbeit und Ausdruck von Energie an. Als Spieler kam der Amerikaner vor 13 Jahren nach Quakenbrück, um ein Jahr Basketball zu spielen. Er spielte sechs Jahre und wurde Trainer, als seine Knie streikten. Im dritten Anlauf schaffte der heute 37-Jährige mit dem TSV Quakenbrück als Stammverein der Dragons den Aufstieg in die Bundesliga, was mit Tobi dem Drache als geschichsträchtigem Maskottchen gefeiert wurde, aber nur als Zwischenstation.

Als ob's kein wertvolleres Geschenk gab, bauten Samtgemeinde Artland und Stadt Quakenbrück zum Aufstieg 2003 die Arena, mit Unterstützung von Günther Kollmann, ohne den es diese Entwicklung nicht gäbe. Der 59-Jährige ist Quakenbrücker, Basketball-Fachmann als früherer Nationalspieler sowie erfolgreicher Textilfabrikant und ein etwas anderer Hauptsponsor, der für Rahmenbedingungen sorgt, Beens und Fleming machen lässt und sich wohltuend im Hintergrund hält. Passend zu der Art, die den Dragons im Basketball-Deutschland einen Namen gemacht hat neben den Erfolgen bis zum Pokalfinale vor sechs Wochen sowie dem Meisterschaftsfinale ab morgen.

Quakenbrück hat nicht ein Spieler-Ensemble, das von Jahr zu Jahr weiterzieht durch Europa, sondern Strukturen auf Dauer geschaffen. Von der multifunktionellen Arena - in 67 Liga-Spielen seit 2003 mit jeweils 3000 Fans ausverkauft - profitieren Schul- und Vereinssport sowie andere Veranstalter. Die Jugend der 13000-Einwohner-Stadt hat eine Anlaufstelle, weil die Dragons einen Vollzeitcoach stellen im Trainingscenter, das von morgens bis abends für Basketball offensteht, weil Sport auch Sozialarbeit leistet, oder nebenan in der alten Halle, wo alles begann.