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Große Debatte Grätschen, Kämpfen: Der Fußball und die abstrakte Mentalität

Von dpa

BVB-Star Marco Reus hatte in einem TV-Interview drastische Worte gewählt. Foto: Bernd ThissenBVB-Star Marco Reus hatte in einem TV-Interview drastische Worte gewählt. Foto: Bernd Thissen

Düsseldorf. Haben sie besondere Erfolge errungen, verweisen Fußballer gern auf ihre Mentalität. Werden sie nach Enttäuschungen nach dieser gefragt, stellen sie gern die Gegenfrage, was das denn überhaupt bedeuten soll.

Streng genommen haben sie die Diskussion um diese „Mentalitätsscheiße“ bei Borussia Dortmund ja selbst angefacht.

Nach der peinlichen 1:3-Niederlage bei Bundesliga-Neuling Union Berlin hatte Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspieler-Abteilung, nämlich darauf hingewiesen, dass Borussia Dortmund „sicherlich die deutlich höhere Qualität hat. Aber wenn wir die nicht zeigen, schlägt Mentalität am Ende Qualität.“

Zwei Wochen später reagieren sie in Dortmund allein auf Fragen nach fehlender Mentalität hochallergisch. Kapitän Marco Reus war nach dem spät verspielten Sieg beim 2:2 in Frankfurt schon vor laufender Sky-Kamera der Kragen geplatzt. Die Diskussion gehe ihm „auf die Eier“ hatte Reus gesagt und geschimpft: „Ihr mit eurer Mentalitätsscheiße. Jede Woche dieselbe Kacke.“

Seit diesem Emotions-Ausbruch diskutiert Fußball-Deutschland vermehrt darüber, was der abstrakte Begriff Mentalität im Fußball denn überhaupt bedeutet. Und warum wir heutzutage überhaupt darüber diskutieren. Schließlich hat der legendäre Schalke-Manager Rudi Assauer einst erklärt: „Das Wort „mental“ gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß.“

Freiburgs Trainer Christian Streich erklärte nun, er könne verstehen, „dass der Marco sagt, er kann den Scheiß nicht mehr hören“. Auch Mönchengladbachs Manager Max Eberl äußerte Verständnis für seinen ehemaligen Spieler. Und zwar vor allem deshalb, weil das Ganze auf einem Definitions-Problem basiere. Viele würden Mentalität immer mit Grätschen verbinden, sagte Eberl: „Aber die Spielweise von Dortmund hat mit Grätschen nichts zu tun.“

Aber hat eine Mannschaft, die nicht grätscht, automatisch keine Mentalität? Schließlich hat Trainer-Ikone Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern für den keinen Zweikampf scheuenden Mark van Bommel einst den Begriff „aggressive leader“ eingeführt. Quasi als Synonym für einen Mentalitätsspieler. Laut Duden steht das Wort eher neutral für Dinge wie „Einstellung“ oder „Gesinnung“. Im Fußball verbinden alle etwas Konkretes damit. Aber doch jeder etwas anderes.

„Mir kommt es manchmal vor, als würden Leute, die nicht allzu viel Ahnung von Fußball haben, den Begriff Mentalität nutzen, um sich zu erklären, warum ein schwächeres Team einen Favoriten besiegt“, sagte Leverkusens Trainer Peter Bosz dem Magazin „11 Freunde“: „So brauchen sie nicht in die tiefere Analyse einzusteigen. Mentalität - fertig! Die machen es sich meines Erachtens zu einfach.“

Gladbachs Ex-Weltmeister Christoph Kramer zeigte sich im „Kicker“ ebenfalls genervt von der Debatte: „Da wird so viel Quatsch hineininterpretiert, dass ich nur den Kopf schütteln kann.“ Streich erklärte: „Immer, wenn irgendetwas nicht funktioniert, heißt es: „Ihr habt keine Mentalität gehabt.“ Und wenn einer in der 93. Minute irgendwo steht und auf die Kiste haut, und der Ball wird noch ein bisschen abgefälscht, dann ist wahrscheinlich die zweite Frage im Interview: „Woher haben Sie diese Mentalität?““

Was Mentalität aber genau sein soll, erklärte niemand. Eine durchaus plausible Begründung lieferte kürzlich - natürlich - Jürgen Klopp. Der frisch gekürte Welttrainer, der zu seiner Dortmunder Zeit den Begriff „Mentalitätsmonster“ erschuf, erläuterte im Interview bei „goal.com“, dass es dabei vor allem um Zusammenhalt gehe. Um Aufopferung des einen für den anderen.

„Wie lange kann ich mich am Rand eines Berges mit einem Finger festhalten, wenn ich damit nur mein eigenes Leben retten will? Keine Ahnung, vielleicht zehn Sekunden?“, fragte der Coach des FC Liverpool: „Wenn ich aber meinen kleinen Sohn dabei habe, könnte ich dort wohl für drei Tage hängen. In meiner Vorstellung zumindest. Ich würde es für ihn tun, nicht für mich selbst.“

Sportwissenschaftler Daniel Memmert, der mit einem Vorwort von Bundestrainer Joachim Löw zuletzt das Werk „Fußballspiele werden im Kopf entschieden“ verfasste, hält die Mentalitäts-Debatte für den falschen Ansatz. Er habe „komplettes Verständnis dafür“, dass Spieler sich allein durch die Frage nach eventuell fehlender Mentalität ungerecht behandelt fühlten. „Für einen Spieler ist es das Schlimmste, sich diesem Vorwurf ausgesetzt zu sehen“, sagte der Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Statt über den ohnehin vorhandenen Sieges-Willen, solle man im Fußball deshalb eher über „Kognition“ sprechen, sagte Memmert: „In diesem Bereich gibt es im Fußball sicher die größten Entwicklungsressourcen.“

BVB-Manager Michael Zorc bestritt derweil ungewohnt energisch die Mentalitäts-Vorwürfe gegen sein Team. Dann müsse es demnach an der Qualität liegen, dass der BVB so oft Punkte verschenke, folgerte ein Journalist. Nein, meinte Zorc, es sei weder das eine noch das andere. Woran es liegt, wissen sie beim BVB also selbst nicht. Vielleicht, weil sie auch keine Definition haben. Fragen könnten sie sicher Matthias Sammer, der einst als Mentalitätsspieler schlechthin galt und heute externer Berater ist. Öffentlich wollte sich Sammer auf Nachfrage nicht zu der Diskussion äußern.


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