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EM-Quali Tah patzt, Hummels twittert: Löw stemmt sich gegen Hysterie

Von dpa

Bundestrainer Joachim Löw fliegt mit dem Nationalteam nach Nordirland. Foto: Christian CharisiusBundestrainer Joachim Löw fliegt mit dem Nationalteam nach Nordirland. Foto: Christian Charisius

Belfast. Der Bundestrainer hat die in die Jahre gekommenen Abwehr-Weltmeister Hummels und Boateng aussortiert. Gegen die Niederlande zeigt sich, wie weit ihre Nachfolger noch vom höchsten Innenverteidiger-Niveau entfernt sind - besonders beim Blick auf den Gegner.

Mats Hummels versteht sich als kluger Kopf auf hintersinnige Botschaften.

„Toller Test heute in Cottbus bei einer besonderen Atmosphäre“, twitterte der ausgemusterte Ex-Weltmeister nach dem 5:0 mit Borussia Dortmund in der Lausitz just in dem Moment, als der überhaupt nicht tolle Fußballabend der Nationalmannschaft in Hamburg gegen die Niederlande gerade mit einem krachenden 2:4 endete.

Der erste Fehlschlag in der EM-Qualifikation löste wegen der Patzer und Unsicherheiten der Dreierkette um den besonders überforderten Eigentorschützen Jonathan Tah prompt eine Abwehrdebatte aus - und reflexhafte Rufe nach Hummels. „Dazu ist alles gesagt“, sagte Joachim Löw der „Bild“-Zeitung. Der 30-Jährige bleibt Ex-Nationalspieler.

Trotzdem schleppte Löw das Abwehrthema mit nach Belfast zur nächsten Reifeprüfung seines Umbruch-Teams am Montag (20.45 Uhr/RTL) gegen die kampfstarken Nordiren. Und auch vor dem Abschlusstraining im Windsor Park war er bemüht, seine Abwehrkräfte, die er Richtung EM 2020 aufbauen will, zu schützen: „Eine Fehlerkultur ist ganz wichtig für die Entwicklung. Das Vertrauen haben wir trotzdem in die Spieler.“

Er braucht neben dem gesetzten Münchner Niklas Süle entweder Matthias Ginter oder Tah im Zentrum einer Viererkette, die er nach dem Fehlerabend der Dreierreihe gegen starke Holländer formieren wird, wie er in Belfast ankündigte. „Die Nordiren spielen mit nur einem Stürmer im Zentrum, da brauchen wir nur zwei Innenverteidiger.“

Gegen Oranje war Deutschlands Defensive nicht abwehrbereit. Speziell für den gebürtigen Hamburger Tah war es vor den Augen der Familie und vieler Freunde ein Alptraumabend. Sein siebtes Länderspiel war ein einziges Desaster, mit dem ersten Eigentor seiner Profilaufbahn als unglücklicher Höhepunkt. „Wir können viel lernen aus dem Spiel“, äußerte der 1,95-Meter-Hüne hinterher. Dabei hatte er noch vor dem missglückten Spiel die Einschätzung geäußert, er sei dem U21-Alter nach der EM im Sommer entwachsen und bereits „zum Mann“ geworden.

Tah, Ginter, Süle - jeder Innendecker hatte Anteil an mindestens einem Gegentor. Allein Manuel Neuer agierte fehlerfrei, hielt stark und kassierte in seinem 89. Länderspiel trotzdem zum zweiten Mal überhaupt im DFB-Tor vier Treffer. Der Kapitän wird auch in Belfast das Team anführen. Toni Kroos warb derweil um Geduld. „Wir haben bewusst eine junge Mannschaft“, sagte der Real-Madrid-Star zum gewollten Umbruch. Der braucht Zeit - und die Spieler brauchen Vertrauen.

Noch im März glückte mit der Dreierkette Ginter, Süle, Antonio Rüdiger der umjubelte 3:2-Hinspielsieg in Holland. Beim desaströsen 0:3 ein halbes Jahr zuvor in der Nations League hatten in Amsterdam noch Hummels und Jérôme Boateng zentral verteidigt. Auch im November 2018, als Deutschland beim 2:2 gegen Holland einen 2:0-Vorsprung noch verspielte, agierte Hummels zentral zwischen Süle und Rüdiger.

Ob Süle (24), Ginter (25), Tah (23) oder der nach einer Knie-OP diesmal fehlende Rüdiger (26) jemals das Weltklasseniveau erreichen werden, das Hummels und Boateng auf dem Höhepunkt des WM-Triumphes 2014 verkörperten, scheint fraglich. Die Orientierungsgröße sind aber längst andere: Die starke Innenverteidigung der Niederländer bildeten Virgil van Dijk, Champions-League-Sieger mit Liverpool und Europas Fußballer des Jahres, sowie der 20 Jahre junge Matthijs de Ligt, der gerade für über 80 Millionen Euro von Ajax Amsterdam zu Juventus Turin gewechselt ist.


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