„Den Schritt haben uns viele nicht zugetraut“ Handballer vor der Hauptrunde: Große Aufgaben, kleine Defizite

Von Thomas Rellmann

Weiter, immer weiter: Die deutschen Handballer haben in der Hauptrunde der WM das große Ziel Halbfinale vor Augen. Foto: dpa/Sören StacheWeiter, immer weiter: Die deutschen Handballer haben in der Hauptrunde der WM das große Ziel Halbfinale vor Augen. Foto: dpa/Sören Stache

Berlin Die Vorrunde ist abgehakt, jetzt wird es für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft richtig ernst. In der Hauptrunde geht es um das Ticket für das Halbfinale. Die Euphorie im Land ist groß – und hat Auswirkungen auf die Anwurfzeiten.

Handball zieht – so sehr, dass kurzerhand nicht nur das erste Hauptrundenspiel der Deutschen gegen Island am Samstag um 20.30 Uhr angepfiffen wird, sondern auch die beiden folgenden gegen Kroatien (Montag) und Spanien (Mittwoch). ARD und ZDF haben den Sport neu entdeckt. „Die Primetime ist eine Riesenchance“, sagt DHB-Vorstand Mark Schober. „Ich hoffe, die Zuschauer mit Karten haben dafür Verständnis.“

Frankreich-Spiel schweißt zusammen

Die Vorfreude auf die nun folgenden Top-Spiele ist auch im Team riesig, doch das Selbstvertrauen wächst fast täglich. „Langsam zeigt sich, dass einiges möglich ist“, sagt Fabian Böhm. Patrick Groetzki kann „die nächsten Weltklasse-Teams“ kaum erwarten. Und Paul Drux beschreibt noch mal die Entwicklung in der ersten Turnierwoche: „Nach dem Remis gegen Russland kam ein kleiner Knick, aber 24 Stunden später gegen Frankreich sind wir wieder aufgestanden, hätten zwei Punkte verdient gehabt. Das hat uns zusammengeschweißt.“ Keeper Andreas Wolff bestätigt: „Wir haben uns nach zwei späten Ausgleichstoren erfolgreich eingeredet, dass damit jede Pechsträhne beendet ist.“ (Weiterlesen: Wieso Teammanager Oliver Roggisch so wichtig ist für die DHB-Auswahl).

„Wir sind dran an der Weltspitze“

Objektiv lässt sich inzwischen festhalten, dass da eine Einheit auf und neben dem Platz steht. „Wir haben die richtigen Schlüsse gezogen, Dinge aufgearbeitet. Den Schritt haben uns viele nicht zugetraut“, sagt Sportvorstand Axel Kromer. „Inzwischen können wir wieder jeden schlagen.“ Auch DHB-Vize Bob Hanning streckt die Brust raus: „Wir sind dran an der Weltspitze und haben die Chance, die beste Abwehr aller zu stellen.“

Gensheimer zweitbester Torschütze

Klar, die Deckung um Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler oder Drux funktioniert top. 22,2 Gegentore im Schnitt sind beachtlich. „Diese Leistung ist unser Fundament“, so Trainer Christian Prokop. „Das ist aber auch keine Überraschung. Einsatz, Laufwege, Absprache – das passt. Dazu nehmen die Torwartleistungen stetig zu.“ Zudem sieht er ein „variables, cleveres Angriffsspiel mit drei verschiedenen Spielmachern“. Trotz fehlenden Shooters aus neun, zehn Metern hat der 40-Jährige viele Rückraum-Optionen. „Stark über den Kreis sind wir auch wie gewohnt.“ Und dann ist da noch Uwe Gensheimer. Der Kapitän ist zweitbester WM-Schütze mit 31 Treffern, hat die meisten Siebenmeter verwandelt (17). „Er ist in Top-Form und reißt auch das Publikum mit. Diese Trümpfe müssen weiter stechen“, so Prokop. Über die linke Seite strahlt der Spielführer zwar meist Gefahr aus, doch das Außenspiel hat noch Luft nach oben. Patrick Groetzki (acht Tore) muss sich noch sammeln und ist konkurrenzlos auf seiner Position. „Nach drei kompletten Spielen brauchte ich auch mal eine Pause“, sagte er nach dem 31:23 gegen Serbien. Gegenstöße gelingen dem deutschen Team nur selten. Die schnelle Mitte oder die erste, zweite Welle werden mittlerweile auf dem höchsten Niveau gut verteidigt. Hanning erkannte richtig: „Wir brauchen mehr einfache Tore.“ Und die Methode siebter Feldspieler, mit der Prokop 2018 gegen Spanien schon baden ging, funktionierte erneut nicht.

Achtung vor Island

Dass es nun zunächst gegen den wohl schwächsten Gegner der Hauptrunde gehe, sei „belanglos“, so der Coach. „Die Isländer verteidigen aggressiv und mannbezogen. Und sie bringen viel Support mit.“ Heraus sticht vor allem Rückraumschütze Aron Palmarsson. Auch andere Akteure sind aus der Bundesliga bekannt. „In den vergangenen Testspielen haben wir fast immer gewonnen“, sagt Kromer. Bei aller Euphorie wissen aber auch alle, dass eine Niederlage fast das jähe Ende der Medaillenträume wäre.


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