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„Größter Schmerz meiner Karriere“ Ole Einar Björndalen: Der Biathlon-Superstar über das „Leben danach“

Von Stefanie Wahl

Der Superstar der Biathlon-Szene: Ole Einar Björndalen. Foto: imago/SchiffmannDer Superstar der Biathlon-Szene: Ole Einar Björndalen. Foto: imago/Schiffmann

Osnabrück. Wenn an diesem Sonntag im slowenischen Pokljuka die Biathleten in den WM-Winter starten, fehlt ein großer Name der Szene: Ole Einar Björndalen. Der 44-Jährige ist zum Saisonende zurückgetreten. Grund genug, um ausführlich mit dem Norweger über dieses Karriereende zu sprechen.

Herr Björndalen, Sie hatten Zeit, sich auf die Karriere danach vorzubereiten. Wie fühlen Sie sich denn im Hier und Jetzt?

Schon so, wie ich es mir gedacht habe. Wenn du eine Familie hast, bist du sehr beschäftigt – und das mag ich. Da habe ich gar nicht so viel Zeit zum Überlegen, was man sonst noch tun könnte. Klar, es ist ein neuer Lebensabschnitt und du bist unsicherer, weil du nicht genau weißt, womit du am besten startest. Im Sport ist das einfacher: Da hast du ein klares Ziel, und du kennst auch den Weg dorthin. Ich hatte die Erfahrung und habe genau gewusst, was ich machen muss. Im Leben hast du auch ein Ziel, aber nicht so viel Erfahrung. Also sammelst du sie erst, um den richtigen Weg zu gehen.

Was ist Ihr nächstes berufliches Ziel?

Das Ziel, das ich öffentlich sagen kann, ist: Ein glückliches Familienleben führen. Das ist für mich das Wichtigste. Für das berufliche Ziel brauche ich noch etwas Zeit. Das behalte ich noch ein wenig für mich, denn das ist noch nicht spruchreif und auch noch nicht ganz klar.

Am 29. Dezember steht ein letzter Wettkampf mit Ihrer Ehefrau Darja Domratschewa auf Schalke an. Sie wollen immer das Beste. Was ist neun Monate nach dem Karriereende denn noch möglich?

Es ist nicht mehr so viel, wenngleich ich schon etwas trainiert habe. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass ich den Sommer über nicht auf Skiroller gestanden und auch nicht geschossen habe. Ich bin nur etwas gelaufen. Aber Anfang November sind wir nach Beitostölen gefahren, haben die Skier und die Waffen ausgepackt, um uns vorzubereiten. Natürlich wird das Rennen nicht mehr auf dem Niveau von früher sein, aber es ist kurz, und wir hoffen, dass uns die Erfahrung hilft.

Aber jeder weiß, dass Sie ein Bewegungsmensch sind.

Ich trainiere ungefähr ein Drittel von früher und probiere, meine Form zu halten. Also so schlecht ist meine Verfassung nicht. Klar hätte ich gerne mehr Zeit zum Trainieren gehabt, mir gefällt das und macht mir immer noch Spaß. Das war mein Leben, seit ich acht Jahre alt war, das kann und möchte ich nicht einfach beiseiteschieben.

Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sind Sie allerdings nur Zuschauer gewesen. Wie sehr hat das geschmerzt?

Logisch hat das wehgetan, es war der größte Schmerz meiner Karriere. In der Vorbereitung ist nicht alles optimal gelaufen, das hat man an den Resultaten gesehen. Damit bin ich unter Druck gekommen, mich zu qualifizieren. Es musste vielleicht mal kommen, aber leider ist es die olympische Saison und meine letzte gewesen. Ich hätte es geschafft, bei den Spielen in Südkorea in einer guten Form zu sein und habe auch bis dahin so weitertrainiert, aber ohne die Qualifikation bringt dir das eben nichts. Das war nicht gut.

War es für Sie okay, dass Trainer Siegfried Mazet keine Lex Björndalen geschaffen hat?

Für Olympia gilt eine ungeschriebene Regel: Es gibt nicht so viele Athleten, die gute Resultate bringen. Ich weiß, dass ich es kann, und ich weiß, dass ich es auch in Pyeongchang geschafft hätte. Aber die Qualifikation war nicht da, und der Trainer hat auch nicht an mich geglaubt, daher war ich nicht im Team. Logischerweise war ich damit nicht einverstanden. Aber die Resultate davor sind nicht gut genug gewesen, das akzeptiere ich total.

Sie leben nun die meiste Zeit in Minsk. Was ist das für ein Leben in Weißrussland?

Ich kann in jedem Land leben, da ich mich ziemlich gut anpassen kann. Minsk ist eine schöne Stadt – und mit zwei Millionen Einwohnern die größte bisher, in der ich länger als ein paar Wochen gelebt habe. Aber es ist eine der saubersten Städte, die ich kenne. Du hast alles dort. Aber mir fehlen die Berge, es ist zu flach. Die Trainingsmöglichkeiten sind indes gut.

Was haben Sie und Ihre Frau im Sommer unternommen, was vorher nicht gegangen ist?

Zeit haben mit meiner Familie, mit meiner Tochter. Wir haben sehr viel zusammen gemacht, und das hatte oberste Priorität. Wir wären auch gerne in Urlaub gegangen, aber Darja hat ein Haus in Minsk gebaut, da sind wir eingezogen.

Ist es als Paar eine schwierige Situation, wenn beide ihre sportliche Karriere beenden?

Eigentlich nicht. Wir Sportler sind spezielle, etwas eigenartige Leute, die sehr hart arbeiten. Aber wir verstehen uns sehr gut, und das ist schön. Klar gibt es auch in unserer Familie Diskussionen, aber nur so kommt man im Leben weiter.

In Ihrer aktiven Zeit haben Sie keine Hände geschüttelt. Nun schon. Ist das Teil des neuen Lebens?

Dass ich den Leuten nicht die Hand gegeben habe, ist den Medien wichtiger gewesen als mir. Ich habe vielen – auch während der Saison – die Hand gegeben. Allerdings habe ich immer sehr genau auf Sauberkeit geachtet und darauf, mir oft die Hände zu waschen. Wenn du kein Aktiver mehr bist, keine WM mehr bestreitest und nicht mehr so sehr hart trainierst, ist dein Immunsystem ganz anders. Dann musst du auch nicht mehr so vorsichtig sein.

Fühlen Sie sich nun freier?

Ich habe mich immer frei gefühlt, habe immer entschieden, was ich wollte. Auch hatte ich nie das Gefühl, etwas zu opfern, überhaupt nicht. Das Training habe ich trotz der hohen Intensitäten nie als Anstrengung empfunden, auch die Reisen waren für mich kein Problem.

Biathlon ist sportpolitisch im Sommer ein Thema gewesen. Geht es mit dem neuen Weltverbandspräsidenten Olle Dahlin in die richtige Richtung?

Die Korruptionsvorwürfe gegen seinen Vorgänger Anders Besseberg bestehen weiterhin, aber da wir bisher keine klare Antwort bekommen haben, was wirklich gewesen ist, finde ich dies schwierig zu kommentieren. Ich hoffe, es wird nicht so schlimm, wie die Anklage lautet. Der neue Präsident und das Exekutivboard sind gewählt, darin sind auch einige Neue. Ich hoffe, sie arbeiten gut zusammen. Das alte Team hat auch viele gute Dinge für den Sport gemacht. Biathlon ist nahezu in jedem europäischen Land eine der beliebtesten Sportarten – aber es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten. Es wäre nur wichtig, bald Klarheit bezüglich der Anklagen zu haben.


Am 24. März ist Ole Einar Björndalen mit der Verfolgung in Tjumen sein letztes Weltcup-Rennen gelaufen – und auf Platz 32 gelandet. Erstmals ist der heute 44-jährige Norweger 1992 in den Starterlisten aufgetaucht und dank acht Goldmedaillen bei Olympia und 20 WM-Titeln zum erfolgreichsten Biathleten der Historie geworden. 95 Weltcup-Siege hat Björndalen gefeiert, einen davon im Langlauf. Der einstige Athletensprecher ist mit Ex-Biathletin Darja Domratschewa verheiratet, mit der Weißrussin hat er die zweijährige Tochter Xenia. Seine Ehe mit der Ex-Biathletin Nathalie Santer wurde 2012 geschieden. Derzeit lebt das Ehepaar in Minsk, am Wochenende sind sie beim Weltcup-Start in Pokljuka zu Gast.

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