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Vergabe der EM 2024 Lahm & Grindel vor Wahlkrimi im Weltmeisterland

Von dpa

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Hofft auf den EM-Zuschlag für Deutschland: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Foto: Bernd ThissenHofft auf den EM-Zuschlag für Deutschland: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Foto: Bernd Thissen

Nyon. Holen Philipp Lahm und Co. die EM 2024 nach Deutschland? Kurz vor der Wahl des Gastgebers durch die UEFA liegt der DFB in den Prognosen vor dem Konkurrenten aus der Türkei. Doch entschieden ist noch nichts. Präsident Erdogan erinnert gezielt an ein deutsches Sommertrauma.

Ein neues Sommermärchen oder schon wieder ein deutsches Fußball-Debakel: Vor dem Showdown im brisanten Duell mit der Türkei um die EM 2024 haben sich Philipp Lahm und Reinhard Grindel in ein nobles Golf-Ressort im Land des neuen Weltmeisters zurückgezogen.

Auf französischer Seite nur wenige Kilometer vom Genfer See entfernt bereitete sich die Doppel-Spitze der 21-köpfigen DFB-Delegation mit letzten Redeproben auf ihr finales EM-Werben vor den UEFA-Delegierten vor. Zur deutschen Abordnung gehören am Donnerstag auch Bundestrainer Joachim Löw, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Ex-Teamchef Rudi Völler.

Störgeräusche wie die immer weiter schwelende Debatte um Mesut Özil oder forsche Töne des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sollten nach fast fünf Jahren Bewerbungsphase auf der Zielgeraden unbedingt ausgeblendet werden. „Ich glaube, dass Deutschland eine sehr gute, umfangreiche, seriöse, aber auch kreative Bewerbung vorgelegt hat. Wir haben im Verband sehr lange daran gearbeitet“, sagte Löw, der am Donnerstag wie EM-Botschafter Lahm und Integrationsbotschafterin Celia Sasic die DFB-Kandidatur den 16 oder 17 UEFA-Wahlleuten vorstellen wird.

„Wir bieten politische und wirtschaftliche Stabilität, wir haben ein Nachhaltigkeitskonzept und verfügen über die Erfahrung in der Organisation großer Turniere“, sagte DFB-Chef Grindel der Deutschen Presse-Agentur und beschrieb damit auch genau die Punkte, die dem zuletzt drei Mal mit einer EM-Bewerbung gescheiterten Konkurrenten Türkei aus DFB-Perspektive fehlen.

Wenn UEFA-Präsident Aleksander Ceferin in der Zentrale der Europäischen Fußball-Union im schweizerischen Nyon den traditionellen Sieger-Umschlag öffnet, soll auf dem Zettel GERMANY und nicht TURKEY stehen. „Die UEFA kann sich im Falle eines Zuschlags für uns darauf verlassen, dass wir 2024 eine EURO erleben werden, die die Entwicklung des Fußballs in Europa voranbringt und für alle Fans ein unvergessliches Erlebnis sein wird“, sagte Grindel kurz vor der Vergabe.

Der DFB geht als Favorit in die Abstimmung. Entschieden ist aber noch nichts. Man erwarte einen sehr knappen Ausgang, hieß es am Mittwoch aus UEFA-Kreisen. Prognosen hatten sich nicht nur in der Politik, sondern auch in der Fußball-Welt zuletzt nicht immer an der Wahlurne bestätigt. Gianni Infantino ging als Außenseiter ins Rennen um den Posten als FIFA-Boss. Katar hatte bei der skandalumtosten FIFA-Wahl für die WM 2022 vorab keiner auf dem Zettel.

Vorsicht ist für den DFB also geboten. Zumal die UEFA-Delegierten geheim abstimmen und Wahlversprechen somit auch kurzfristig hinfällig sein könnten. Am Vortag der Vergabe wurde zudem bekannt, dass der DFB bei der UEFA einen vermeintlichen Verstoß des Niederländers Michael van Praag gemeldet hatte, der entgegen der Regularien in die Türkei gereist war. Die eigentlich erhoffte Stimme des Wahlmannes aus Holland scheint nun mehr als fraglich.

Unklar ist noch, ob ECA-Chef Andrea Agnelli an der Wahl teilnehmen wird. Eine private Angelegenheit könnte dies verhindern, hieß es aus UEFA-Kreisen. Agnelli gilt als ehemaliger Stellvertreter von Rummenigge in dem Club-Gremium eher als Deutschland-Wähler. Sollte es zu einem Patt kommen, würde laut UEFA-Regularien das Votum von Ceferin entscheiden - immerhin dessen Stimme hat der DFB wohl sicher.

Die DFB-Hoffnungen stützen sich auch auf den UEFA-Evaluationsbericht, der Deutschland in den wichtigen Punkten Stadionbau, wirtschaftliche Stabilität und den erstmals als Kriterium aufgenommenen Menschenrechten im Vorteil sieht. Das türkische Plus ist ausgerechnet der in Deutschland so umstrittene Präsident Erdogan. Die türkischen Staatsgarantien und Steuererleichterungen übertreffen die Versprechungen aus Berlin.

Kurz vor der EM-Vergabe, die pikanterweise mit dem Beginn seines Staatsbesuch in Berlin zusammenfällt, legte Erdogan nochmal nach und verlangte eine „faire Beurteilung“. „Die Türkei erfüllt alle notwendigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Austragung“, sagte er in einem Interview der Funke Mediengruppe. Ökonomische Risiken müsse die UEFA nicht fürchten: „Die Gerüchte bezüglich der wirtschaftlichen Lage der Türkei entsprechen nicht der Wahrheit.“

Bereits Anfang September war Grindel mit einem ungewöhnlich scharfen Statement vorangeprescht: „Wir haben natürlich darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Mitbewerber aus der Türkei so ziemlich alles garantieren, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagte er im ZDF.

Im Schlussspurt brachte Erdogan auch das Dauerthema Özil nochmals auf und verteidigte den ihm seit Jahren bekannten Ex-Weltmeister für die gemeinsamen Fotos, die den ganzen vermaledeiten deutschen WM-Sommer überlagerten. Die folgende Rassismus-Debatte dürfte aber bei der EM-Vergabe wie auch die immer noch nicht geklärte WM-Affäre um das Sommermärchen 2006 kaum eine Bedeutung haben - hofft der DFB.

„Der Präsident der UEFA hat dankenswerterweise gesagt, dass es keine Auswirkungen hat, weil alle Mitglieder im Exekutivkomitee wissen, dass die neue Führung des DFB für Transparenz, Good Governance und Compliance steht“, betonte Grindel.

Ein EM-K.o. auf den Tag genau drei Monate nach dem historischen WM-Vorrundenaus wäre ein echter Nackenschlag für Grindel, der sogar seine Zukunft als DFB-Boss sehr fraglich machen würde. Läuft für den DFB aber alles nach Plan, wird Lahm am Freitag seinen neuen Job als Cheforganisator des ersten EM-Turniers in Deutschland seit 1988 aufnehmen.

Längst fix sind die zehn Spielorte. In Berlin, München, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig, Köln, Stuttgart, Dortmund, Gelsenkirchen und Frankfurt würde 2024 gespielt werden. Außer Düsseldorf wurden somit nur Stadien ausgewählt, in denen auch bei der WM 2006 gespielt wurde. Für Dauer-Bundestrainer Löw ist gerade die Erinnerung an sein erstes Event beim DFB der größte Antrieb. Ein Heimturnier sei schließlich „das Schönste“.


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