„Ich hätte tot sein können“ Wie Kristina Vogel ihr neues Leben im Rollstuhl meistern will

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Kristina Vogel am 12. September 2018: Die querschnittsgelähmte Radsport-Olympiasiegerin gibt eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. Foto: dpa/HilseKristina Vogel am 12. September 2018: Die querschnittsgelähmte Radsport-Olympiasiegerin gibt eine Pressekonferenz im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. Foto: dpa/Hilse

Berlin. Kristina Vogel war als eine der erfolgreichsten Bahnradfahrerinnen aller Zeiten stets auf der Überholspur unterwegs. Nach einem Trainingsunfall ist sie querschnittsgelähmt. Den Herausforderungen des Alltags im Rollstuhl versucht sie mit ungebremster Lebensfreude zu begegnen.

Das Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn umgibt ein weitläufiger Park. Von der Sommersonne verdorrte Grasflächen durchschneiden breite Schotterwege, die nachträglich eine gepflasterte Mittelfahrspur erhalten haben: Für Rollstuhlfahrer in der Rehabilitation, die langsam ihre Bahnen ziehen – an den Rädern schiebend, an Handkurbeln drehend. Ihr gemächliches Tempo prägt eine gemütliche Atmosphäre im Park an diesem lauwarmen Spätsommertag.

Kristina Vogel schlug ein ungleich höheres Tempo an – an jenem Frühsommertag vor elf Wochen. Erst Training, dann zum Gokartfahren mit Freunden, abends in einer Bar einen Cocktail trinken: So lautete der Plan der zweimaligen Sprint-Olympiasiegerin und elfmaligen Weltmeisterin. Dann krachte die 27-Jährige auf der Radrennbahn in Cottbus mit 60 Stundenkilometern in einen Nachwuchsfahrer, der dort nicht stehen sollte: Der Niederländer wollte einen Start aus dem Stand üben. Die Folgen sind fatal: Kristina Vogel ist nun querschnittsgelähmt.

Erster öffentlicher Auftritt

„Manche Sachen macht der Kopf schon richtig – bei mir ist es die Tatsache, dass er den Aufprall nicht gespeichert hat“, sagt Vogel an diesem Mittwoch. Sie trägt eine weiße Bluse, sitzt aufrecht und frisch, aber dezent geschminkt in ihrem Rollstuhl. Den klickenden Kameras sowie den Dutzenden Fotografen und TV-Leuten, die auf der Suche nach der besten Position für ihre Aufnahme im Hörsaal des Unfallkrankenhauses Berlin nervös um sie und über ihr herumwuseln, begegnet sie mit bemerkenswerter Gelassenheit. Es ist der erste öffentliche Auftritt der Erfurterin nach dem tragischen Unfall.

Tage zuvor hatte sie im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erzählt, wie sie die Sekunden vor dem Aufprall erlebt hat: Windschattenfahren hinter Teamkollegin Pauline Grabosch, die ausschert, sodass Vogel überholt und im Wind steht. Danach weiß sie nichts mehr. „Zwischen dem Ort des Aufpralls und jenem, wo ich zum Liegen gekommen bin, lagen keine zwei Meter. Welch krasse Bremskraft da gewirkt hat. So gesehen, hatte ich verdammtes Glück: Ich hätte tot sein können oder schon vom Hals abwärts gelähmt“, sagt Vogel.

„Schmerzen waren unfassbar“

Chefarzt Andreas Niedeggen bestätigt jene möglichen Szenarien, als er über die folgenden Operationen bei Vogel referiert, darunter auch ein Eingriff am ebenso in Mitleidenschaft gezogenen Halswirbel. „Da stehen Sie stramm“, schildert er später im kleinen Kreis, wie ihn die Nachricht erreichte, dass die prominente Sportlerin im Rettungshubschrauber im Anflug auf seine Station war. „Bei Operationen darf nie was schiefgehen. Aber in so einem Fall darf erst recht nichts schiefgehen“, sagt der Spezialist für Rückenmark-Behandlungen. Bei der Radsportlerin sei alles den Umständen entsprechend gut verlaufen. Nun müsse man sie in der Reha sogar eher bremsen. Den Moment, wie Helfer ihr die Schuhe auszogen und wegtrugen, nahm die 27-Jährige mit den Augen wahr – aber in den Beinen spürte sie nichts davon. „Schon da habe ich realisiert: Ich werde nie wieder laufen“, erinnert sich Vogel und sagt, ihr habe das später geholfen. „Die Diagnose – Lähmung ab dem siebten Rückenwirbel abwärts – war dann nicht mehr so niederschmetternd.“ Die folgenden Wochen im Krankenhaus bezeichnet sie trotzdem als den härtesten Kampf ihres Lebens. „Die Schmerzen zu Beginn waren unfassbar.“

Als diese nachließen, begann für Vogel eine neue große Prüfung, die sie nun ihr ganzes Leben begleiten wird: der Kampf einer das Tempo gewohnten, aber in der Mobilität stark eingeschränkten jungen Frau gegen den inneren Bewegungsdrang – gegen die Rastlosigkeit. „Es war grausam, im Krankenhaus darauf zu warten, dass alle paar Stunden jemand kommt und einen von links nach rechts dreht. Das kann jeder mal probieren: Vier Stunden am Stück wach auf der Seite liegen, ohne sich zu rühren. Das schafft keiner“, sagt Vogel.

„Ich bin keine Maschine“

So habe sie aus Langeweile die Lehne des Bettes rauf- und runtergefahren oder mit den Händen an einem Tera-Band gezogen – nur, um was zu tun. „Die Ärzte sagten: Geduld, Geduld. Ich habe es gehasst. Wäre das noch zwei Tage so weitergegangen, hätte ich im Krankenhaus randaliert“, gibt Vogel zu – es ist der einzige Moment während ihres einstündigen Auftritts, in der ihre Gesichtszüge zu entgleiten drohen.

Abgesehen davon spürt man: Die 27-Jährige will ihr neues Leben angehen – beflügelt auch durch den Fortschritt der letzten Tage, als sie im Bewegungsbad schwimmen durfte und den Transfer vom Bett in den Rollstuhl erstmals allein meisterte. „Gestern bin ich beim Fahrtraining im Rolli direkt rausgeplumpst, als ich zu schnell über die Kante gefahren bin“, erzählt Vogel lachend mit der ihr eigenen Leichtigkeit – wobei die 27-Jährige zugibt, dass ihr die monatelange Nachrichtensperre zu ihrem Zustand die nötige Ruhe gab, um sich mit der neuen Situation zu arrangieren. „Ich musste lernen, Tränen zuzulassen. Ich habe Frauenfilme immer gehasst, wo am Ende alle heiraten und weinen. Jetzt merke ich: Ich bin keine Maschine, muss Emotionen auch mal freien Lauf lassen.“

Wichtig sei der Beistand von Familie und Freunden gewesen, vor allem von Lebensgefährte Michael und ihrem Teamkollegen Max Levy. Sie starteten eine Spendenaktion, sammelten 120000 Euro unter dem Motto #staystrongkristina. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Schicksal solch eine Welle schlägt. Das war wirklich berührend und hat mir positive Energie gegeben“, sagt Vogel und ergänzt: „Blöd, dass man erst so richtig erkennt, wie wichtig man der Welt ist, wenn einem so etwas passiert.“

Das Lächeln hat sie nicht verloren. Foto: dpa/Hilse

Das Geld fließt in den behindertengerechten Umbau ihres Hauses in Erfurt, in das sie am Wochenende zurückkehrt. „Selbst kochen, im eigenen Bett schlafen – ich freue mich“, sagt die bei der Bundespolizei auf Lebenszeit verbeamtete Sportlerin, die auf jeden Fall Athletensprecherin des Weltverbandes UCI bleiben will. „Wir sind Risikosportler, fahren mit 70 Sachen auf der Bahn rum – und immer wieder gibt es brenzlige Situationen. Da kann man viel verbessern“, sagt Vogel. Weitere Zukunftspläne – ob beruflicher Art oder zu einem möglichen Einstieg in paralympische Wettbewerbe – hat sie noch nicht. „Ich habe über ein Jahrzehnt dem Leistungssport alles untergeordnet. Jetzt bin ich erstmals frei, selbst zu entscheiden“, sagt Vogel.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN