Hochsitz für Kommentator Wenn das Fernsehen ein Dorf elektrisiert – zu Gast beim ASV Altenlingen…

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Lingen. 8. September 2018 – ein Tag, über den sie in Altenlingen noch in vielen Jahren reden werden. Der Fernsehsender Sky war zu Gast, um live das „Spiel des Lebens“ zwischen dem ASV Altenlingen III und dem SV Voran Brögbern III zu übertragen. Wie in der Bundesliga. Diesmal nur „da, wo der Fußball noch nach Bratwurst schmeckt“…

Das Motto des Fernsehsenders ist Programm im Emsland. Ach so, Sie kennen Altenlingen nicht? Pardon. Altenlingen ist rund 3500 Einwohner stark und ein Ortsteil der Stadt Lingen. Mittendrin: der Allgemeine Sportverein (ASV) Altenlingen. Zurück zum Motto: Als wir die schmucke ASV-Anlage mit immerhin vier Rasenplätzen betreten, wabert natürlich schon ein leichter Bratwurst-Duft durch die Luft. Willkommen an der Fußball-Basis.

Unvergessener Sieg im Stadtderby

Wenn man diese Keimzelle in Altenlingen besucht, wird man sofort von den Platzkassierern Günter Konermann und Stephan Peters in Empfang genommen. Beide dürfen schon längst den Zusatztitel „Urgestein“ führen. Dass dieser 8. September 2018 in die ASV-Chronik eingehen wird, ist für das Duo unbestritten. „Aber wenn es um die Historie geht, dürfen Sie niemals den 15. September 2013 vergessen“, stellen sie noch sehr bestimmt fest. Warum? „Weil wir an dem Tag in der Bezirksliga den großen Stadtrivalen TuS Lingen mit 3:2 besiegt haben.“ Damals vor 800 Zuschauern.

Heute werden rund 2500 Besucher ins Stadion am Wallkamp kommen. Zu einem Spiel der dritten Männermannschaft – ASV Altenlingen III gegen SV Voran Brögbern III, 3. Kreisklasse Emsland Süd. Stadtderby. Brögbern ist schließlich auch ein Lingener Ortsteil. Für den Fernsehsender Sky ist dieses Duell an diesem Tag das „Spiel des Lebens“. Die Fernsehcrew ist mit „großem Besteck“ vor Ort. Will heißen: eine rund 90-köpfige Crew, Übertragungs-Trucks wie bei einem Bundesliga-Spiel in München oder Dortmund. Zur Crew gehören die Experten und ehemaligen Nationalspieler Dietmar Hamann und Christoph Metzelder, Moderator Sebastian Hellmann und Kommentator Wolff-Christoph Fuss. Und warum das Ganze? Weil die dritte Mannschaft des ASV Sieger beim diesjährigen Wettbewerb „Spiel des Lebens“ ist. Der Gewinn: eine Sky-Live-Übertragung der Partie im Free-TV – mit allem „Drum und Dran“, wie in der Bundesliga eben. Natürlich auch ein Marketing-Instrument der Fernsehmacher, aber ebenso eine Respektsbekundung gegenüber dem Fußball an der Basis. Sky nennt keine konkreten Zahlen, aber die Kosten für den Auftritt im Emsland dürften im unteren sechsstelligen Bereich liegen.

Keine Häppchen im VIP-Bereich

Andreas „Rakete“ Müller ist der Spieler aus der dritten ASV-Mannschaft, der bei dem „geil gemachten und kreativen Bewerbungsvideo“ (Original-Ton Fuss) Regie führte. Bevor wir mit „Rakete“ sprechen, treffen wir erst noch auf den Vorsitzenden des Vereins. Ansgar Wobbe wirkt zufrieden und angespannt zugleich. Der Mann mit Lederjacke und T-Shirt der Toten Hosen wird bei seinem Lob für die zahlreichen ASV-Arbeitsbienen immer wieder von Kurznachrichten auf dem Handy unterbrochen. „Viel Arbeit halt.“ Aber Wobbe kann auf sein Team bauen: die stellvertretende Vorsitzende Andrea Thiel, die Mitglieder der Feuerwehr, der Landjugend, die Messdiener, die „Kuchenfrauen“ um Hildegard Zalter und, und, und… Wobbe fasst diesen Einsatz so zusammen: „Das Dorf dreht ab.“ Einen VIP-Bereich gibt es im Übrigen auch, „den muss man an so einem Tag wohl haben“. Aber bei diesem Thema hat der ASV seine Prinzipien: „Dort gibt es auch nur Bratwurst, Pommes und Nudelsalat. Keine Häppchen, kein Kaviar.“ Wo sind wir denn? Klar, beim ASV.

„Raketes“ Einsatz

Werden wir wieder sportlicher. „Rakete“ Müller inspiziert schon mal den Rasen für das große Spiel. „Was für ein Tag. Ich stehe heute sogar in der Startelf. Normal bin ich nur der Radau-Stürmer, weil ich das Tor nicht treffe“, sagt der 30-Jährige, der frisch aus den Flitterwochen kommt, „da haben wir gut gelebt, sodass ich jetzt 105 Kilo auf die Waage bringe“. Sein Ziel: „Ein Tor nach 30 Minuten, Auswechslung nach 35 Minuten.“ Der Begriff „Radau-Stürmer“ ist noch erklärungsbedürftig: „Na ja, das ist ein Spieler, der in der Schlussphase mit dem einen oder anderen dummen Spruch einen bereits verwarnten Gegenspieler zum unüberlegten Handeln zwingt. Im Grunde bin ich aber ein absolut fairer Spieler.“ Nun denn. „Rakete“ wird später den Foulelfmeter zur 1:0-Führung herausholen und nach rund 30 Minuten das Feld verlassen.

Schwenken wir zu den Sky-Spezialisten. Hamann, Metzelder, Fuss und Co. geben sich volksnah. Selfies hier, Autogramme dort. Sie genießen den Ausflug aufs Land. Über allem steht trotzdem eine professionelle Vorbereitung: „Bei meiner Kommentierung geht es nicht darum, irgendjemanden bloßzustellen, sondern die Kreisklasse so darzustellen, wie sie ist. Ich gehe bei meiner Vorbereitung nicht anders heran als bei einem Champions-League-Finale. Ich schaue vorher zum Beispiel bei fupa.net oder fussball.de und sammele Daten“, berichtet Fuss. Dabei sei es aber auch eine Wohltat, dass man es mit Clubs in unteren Ligen zu tun habe: „Ich habe nur kooperative Menschen um mich herum. Beide Vereine machen sich komplett gläsern und wollen, dass man möglicht viel weiß. In der Bundesliga und Champions League ist es ja meistens so, dass die Vereine alles daransetzen, möglichst viel zu verheimlichen.“ Fuss ist mit allen Wassern gewaschen. Den Platz auf dem eigens für ihn gebauten Hochsitz nimmt er gerne ein: „Ich habe in den beiden zurückliegenden Spielen des Lebens schon von einem Leuchtturm oder von einem Traktor aus kommentiert.“

„Keine Bierbauch-Romantik“

„Didi“ Hamann legt ebenfalls großen Wert auf Seriosität: „Eine wunderbare Initiative. Es ist unheimlich wichtig, dass wir das unterstützen. Viele der Nationalspieler, ich natürlich auch, sind so angefangen. Und schauen Sie selbst: Das ist ein Feiertag hier. Das ist etwas, was man gerade beim DFB in den letzten Monaten etwas aus den Augen verloren hat.“ Grund genug, dass auch DFB-Vizepräsident Rainer Koch vor Ort ist – zwar etwas gestresst von den aktuellen Meldungen rund um die angebliche Verlegung des Länderspiels zwischen Deutschland und Peru von Frankfurt nach Sinsheim. Das soll in Altenlingen aber nicht sein Thema sein. Wichtig sei, dass das Spiel in einem vollen Stadion in Sinsheim stattfinde, erklärt er. Ansonsten stehe heute der Amateurfußball im Mittelpunkt. „Und da unterstützen wir die Sky-Initiative gerne.“ Ihm sei dabei nur wichtig, dass mit solchen Aktionen keine „Bierbauch-Romantik“ gepflegt werde.

Der „Feiertag“ endet mit einem 2:1-Sieg des ASV Altenlingen III. Den von „Rakete“ Müller herausgeholten Elfer verwandelt Marius Janning zum 1:0, Niklas Krämer gleicht zwischenzeitlich für Brögbern aus – und 15 Minuten vor dem Ende köpft Norman Heinen zum umjubelten 2:1 ein. Das bringt schließlich dem Schützen des goldenen Tores noch den Platz in der Abschlussbesprechung am Desk der Sky-Experten ein. „Ein Wahnsinns-Tag“, gibt Heinen uns zu Protokoll, als er zur Kabine schlendert. „Ich glaube, das ist ein Tag, von dem ich in vielen Jahren noch erzählen werde…“

Das Bewerbungsvideo:



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