Fußball-Kolumne „Schweini“: Eine Ikone als Sinnbild teutonischer Unbeugsamkeit

Von Udo Muras

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Gerührt: Bastian Schweinsteiger verabschiedet sich von den Münchener Fans. Foto: Witters/PreissGerührt: Bastian Schweinsteiger verabschiedet sich von den Münchener Fans. Foto: Witters/Preiss

Frankfurt. Nun ist er also schon wieder gegangen. Abschiedsspiele scheint Bastian Schweinsteiger zu mögen und so hat sich der Weltmeister fast genau zwei Jahre nach dem letzten Kick in der Nationalmannschaft am Dienstag auch von seinem FC Bayern, den er freilich schon 2015 verließ, im großen Rahmen verabschiedet.

Vor vollem Haus und natürlich fand sich auch ein Sender, der das epochale Spiel der Bayern gegen Chicago Fire live übertrug. So strahlend ging nicht mal Kaiser Franz und bei Gerd Müllers Abschied blieben im Olympiastadion 20000 Plätze leer, dabei hatte er anno 1983 die Nationalmannschaft eingeladen. So ist das eben in der heutigen Zeit, wo an Montagabenden auch schon mal Regionalligaspiele bundesweit zu verfolgen sind.

Schwarz lackierte Fingernägel

Außerdem trat ja ein „Fußballgott“ ab, zum zweiten Mal. Er würde sich ja nie so nennen, freue sich aber über die Wertschätzung von Seiten der Fans, die ihm bei rund 500 Spielen im Dress des Rekordmeisters zusahen, sagte er nun.

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Was er ihnen und dem deutschen Fußball bedeutete, wurde vielen erst klar, als er dann weg war. Das ist ja oft so im Leben. Da ging eine Identifikationsfigur. Einer, der immer da war, zwar nicht immer gut beraten, aber auch nie beratergesteuert. Ein echter Bayer, der auf und neben dem Platz Spaß machte. Und Unfug – etwa als er glaubte, sich mal die Fingernägel schwarz lackieren zu müssen.

Lichter der Hoffnung

So lange ist das nicht her, da wäre die Vorstellung von der Liveübertragung seines Abschiedsspiels vor vollem Haus noch ins Reich der Fantasie versetzt worden. Bastian Schweinsteiger, der den Taktstock eher seriös als genial schwenkte, hat in zwölf Münchner Jahren alle Höhen und Tiefen einer Fußballerkarriere durchlaufen. Doch keine Verletzung – die er sammelte wie Waldspaziergänger im Herbst Pilze – und keine Jugendsünde warf ihn aus der Bahn.

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Sein größtes Glück war, dass er ein Typ war – in Zeiten, als wir keine hatten im Fußball. Und weil die Nation nach der verkorksten EM 2004 nach neuen Männern lechzte, waren er und sein Busenfreund Lukas „Poldi“ Podolski flackernde Lichter der Hoffnung in dunkler Zeit. Die ein visionärer Bundestrainer namens Jürgen Klinsmann entflammte. Wie es wohl zehn Jahre später, als sich der Fußball vor Talenten nicht mehr retten konnte, gekommen wäre? Wollen wir gar nicht wissen.

Sinnbild teutonischer Unbeugsamkeit

Schön, dass er seinen Weg gehen konnte. Zum Deutschen, der die meisten Meisterschaften (acht) und die meisten Vereinstitel holte (20), wie der Kicker jetzt ausrechnete. Zum Deutschen, der die meisten Länderspiele bestritt bei Turnieren (38). Zum Weltmeister im zumindest für ihn blutigen Finale von Maracana. Der Cut unter seinem Auge machte ihn zur Ikone, als Sinnbild teutonischer Unbeugsamkeit. Im Grunde ein blöder Zufall: jeder weiß, dass das schlimmer aussah, als es war. Aber es schuf ein Bild von ihm, das ihm gefallen musste – und ihm stand.

Es war das Happyend nach einem schweren Kampf. Lange stand er wie Philipp Lahm für die Generation Silber. Die mit der Nationalelf und ihren Klubs zwar in internationale Finals kam, aber dann für den Sieger Spalier stand. So war es 2008 bei der EM, so war es 2010 und 2012 in der Champions League. Und all die dritten Plätze bei den WM-Endrunden…

Er wusste sich zu wehren

Aber irgendwann hatte der richtige Fußballgott ein Einsehen. 2013 holte Bayern die Champions League-Trophäe und 2014 – das hatten wir ja schon. Und nun widerriefen sie alle, die Nörgler und Skeptiker. Er sei kein Führungsspieler, nur ein Chefchen – hatte es vor den großen Titeln gehießen.

Bastian Schweinsteiger beim WM-Finale 2014. Foto: dpa/Gebert

Sie taten gut daran. Denn „Schweini“, wie alle Welt ihn rief, konnte nachtragend sein. Teil einer Verabredung bei einem Burgfrieden mit Boulevardreportern war, dass diese in seiner Münchner Lieblingskneipe im Glockenviertel nicht mehr auftauchen dürften. Das wurde schriftlich fixiert. Er wusste sich eben zu wehren, auf und neben dem Platz. So einer sollte auch nach der Karriere, die sagenhafte 121 Länderspiele enthält, obwohl er gegen Ende hin fast jedes Freundschaftsspiel sausen ließ, seinen Platz im deutschen Fußball finden. Bedarf für Typen hätten wir ja gerade wieder mal…


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