Fussball-Kolumne Die Mannschaft – erfunden 1984 von den Franzosen?

Von Udo Muras

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„DIE MANNSCHAFT“: Der Markenname prägt die deutsche Fußball Nationalmannschaft. Foto: imago/Herbert Bucco„DIE MANNSCHAFT“: Der Markenname prägt die deutsche Fußball Nationalmannschaft. Foto: imago/Herbert Bucco

Frankfurt Die Bundesliga geht am Freitag wieder los, der Pokal hat erste Kapriolen geschlagen, ein bisschen Europapokal ist auch schon. Kurzum: Wir verkünden feierlich die Schließung des Sommerlochs.

Gefüllt wurde es mit allerlei verbalem Unrat, wie in diesen Zeiten, da ein jeder sein eigenes Medium ist, nicht anders zu erwarten war. Ein Thema aber bleibt uns noch ein Weilchen erhalten. Mir ist es gerade noch wichtig genug für diese eine Kolumne, danach werde ich zumindest dazu für immer schweigen.

Den Fans völlig egal

Es geht um die Mannschaft, pardon „DIE MANNSCHAFT“. Jetzt wissen Sie Bescheid – unser Nationalteam, ehemals glorreiche Nummer eins der Welt, jetzt entzauberte Nummer 15. Im Rahmen der WM-Analyse kam heraus, dass der 2015 ins Leben gerufene Markenname dem geneigten Fan so was von auf den Zeiger gehe, dass man ihn besser wieder abschaffe. Meines Erachtens ist das den Fans völlig egal. Die kümmern eher Anstoßzeiten und Ticketpreise und vor allem – die Leistungen.

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat nun öffentlich darüber nachgedacht, den Namen samt Marke wieder abzuschaffen, weil er als allzu künstlich wahrgenommen werde.

Ein Griff in den Bücherschrank

Vielleicht erfährt er hie und da eine Neubewertung, eines Tages womöglich aber eine Renaissance. So wie 2015, als der DFB DIE MANNSCHAFT nämlich keineswegs erfand, sondern nur wiederbelebte. Nur das Logo mit den vier Sternen war neu.

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Aber wer hat’s erfunden? Die Schweizer nicht, aber vielleicht die Franzosen. Wie das? Ein Griff in den gut sortierten Bücherschrank half etwas weiter. Da lachte mir ein Band mit dem Titel DIE MANNSCHAFT entgegen. Gedruckt weit vor Internet, Euro und Mauerfall – 1986.

Keine Namenlosen mehr

Ich hatte Gelegenheit, mit dem Autor, dem angesehenen Kollegen Ludger Schulze, ehemaligem Sportchef der „Süddeutschen Zeitung“, zu sprechen. Wie es zum Namen seiner Nationalmannschaftschronik kam, wusste er auch nicht mehr sicher, doch er legte immerhin eine Spur. Er war nämlich während der Arbeiten zu dem Buch bei der EM 1984 in Frankreich und meint sich zu erinnern, dass in den französischen Medien oft von „La Mannschaft“ die Rede war. Was in Schulzes Kopf nistete, könnte sich dann also auf dem Buchtitel wiedergefunden haben.

„Ich will nicht ausschließen, dass wir den Begriff in Deutschland in die Welt gesetzt haben“, sagt Schulze. Ganz sicher ist er, dass er das Cover eines nicht allzu weit zurückliegenden Tages an den Teammanager Bierhoff gemailt hatte, als der auf Namenssuche für sein Premiumprodukt war. Und siehe da – plötzlich waren unsere Adlerträger keine Namenlosen mehr. Es war ja auch ein unhaltbarer Zustand.

Werte, die Identifikation stiften

Italien hatte seine „Squadra Azzura“, Holland seine „Elftal“, Schweiz seine „Nati“ und Frankreich seine „Equipe tricolore“. Ich könnte jetzt weitermachen, höre aber auf. Wieder war Deutschland seinem Ruf als „verspätete Nation“ gerecht geworden, aber im Gegensatz zur politischen Debatte im 19. Jahrhundert erfüllte dieser PR-Coup keine kollektive Sehnsucht.

Es war, mit Verlaub, schnurzpiepegal. Eine Nationalmannschaft braucht keinen Namen als Erkennungsmerkmal. Sie braucht Werte, die Identifikation stiften. Dafür sorgen in erster Linie die Spieler mit ihrem Verhalten auf dem Platz und auch daneben. Das ist über viele Generationen hin gelungen. Große Kämpfer, faire Sportsmänner, anständige Verlierer, bescheidene Sieger.

Lasst die Spiele beginnen

Ich will hier keine Namen nennen außer vielleicht Fritz Walter, Uwe Seeler oder Franz Beckenbauer. Sie spielten zu Zeiten, da es DIE MANNSCHAFT noch nicht gab, es aber trotzdem eine war. Eine, die die Herzen der Massen erreichte.

Die Einführung der Marke hat im Verhältnis zu den Fans rein nichts geändert. Sie freuen sich über Siege und beklagen Niederlagen, egal, was da auf dem Bus steht. Von daher wird eine Abschaffung auch wenig bewirken. Im Gegenteil: Es werden sich nur wieder Nörgler finden, die das als reinen Populismus abtun werden.

Die Mannschaft. Buchtitel des gleichnamigen Buches von Ludger Schulze. Foto: Udo Muras

Nun ist das Sommerloch aber voll. Lasst die Spiele beginnen.


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