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Leiter Koordinationsstelle Fanprojekte im Interview Michael Gabriel: „Gewalt gefährdet auch die Ultrakultur“

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Osnabrück. Osnabrück/Frankfurt Michael Gabriel ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte. Der 55-Jährige spricht vor dem Start der 56. Bundesliga-Saison über Verdienste der Ultras und Wege zur Überwindung tiefer Gräben zu Vereinen und Verbänden in Zeiten fortschreitender Kommerzialisierung.

Herr Gabriel, angesichts des aufgeladenen Klimas in den letzten Monaten: Können Sie sich auf den Bundesliga-Start freuen?

Spannende Frage. Als Fußball-Liebhaber hoffe ich, dass der Titelkampf in der Bundesliga spannender wird: Damit die Faszination dieses Sports, seine Unvorhersehbarkeit, wieder wirkt und Zauber entfaltet auf alle Beteiligten. Was die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Verbänden, Vereinen und den Fanszenen betrifft, stehen wir ganz sicher vor einem sehr interessanten Jahr.

Dieses Verhältnis belastet die stetig steigende Kommerzialisierung des Fußballs. Beim Testspiel zwischen Arsenal und Paris in Singapur etwa gab es zur Platzwahl keinen Münzwurf – es flog die Kreditkarte des Sponsors.

Solche Dinge bestärken diejenigen, die glauben, im Profifußball geht es nur noch um Geld, um die Vermarktung eines Produkts. Wir wissen dagegen aus unserer täglichen Arbeit, welch große Bedeutung der Fußball im Leben vieler junger Leute in den Fanszenen hat – wie wichtig also der soziale und gesellschaftliche Anteil ist. Deswegen ist eine gute Nachricht, dass so eine Kreditkartenwurf-Aktion in Deutschland nicht vorstellbar ist. Es gibt hier nicht zuletzt dank der Fans eine intensive Debatte über Auswüchse des Kommerzes, der sich Klubvertreter stellen müssen.

Nun haben am DFB-Pokal-Wochenende viele Ultra-Gruppen protestiert: Auf Plakaten stand fast drohend: „DFB, DFL, Ihr werdet von uns hören...“

... und das wird nicht die letzte Protestaktion in dieser Saison bleiben. Es gibt ganz offensichtlich viele Themen im Profifußball, die den Fans unter den Nägeln brennen: Montagsspiele, restriktive Sicherheitsmaßnahmen, Bestrebungen zur Abschaffung der 50+1-Regel. Ich glaube aber, dass große Gesprächsrunden zwischen den Fanszenen Deutschlands und den Spitzen von DFB und DFL zumindest den Respekt und das Verständnis für die jeweils andere Seite verstärkt haben. Klar erwarten die Fans von den Verbänden substanzielle Maßnahmen – aber sie sollten nicht verkennen, dass sich DFB und DFL bewegt und sie bereits einige Erfolge erreicht haben.

Diese Erfolge wären?

Die Abschaffung der Kollektivstrafen, der neu etablierte, transparente Strafenkatalog bei Fan- Verfehlungen. Aber auch die maßgeblich von den Fans unter dem Motto „Meister müssen aufsteigen“ erzeugte Dynamik bei der Regionalliga-Reform ist hier zu nennen. Meine Sorge ist, dass die Fanszenen sich im Konflikt mit DFB und DFL verlieren. An dieser Stelle sind auch die Klubs gefragt, ihre Positionen ehrlich zu vertreten – und sich nicht hinter DFL-Maßnahmen zu verstecken, die Klubvertreter im Zweifel mit der eigenen Stimme mitbeschlossen haben. Der zuletzt oft diagnostizierten Entfremdung im Profifußball kann am besten vor Ort begegnet werden.

Was sollten Vereine demnach tun?

Präsent sein. Ihre Ohren kontinuierlich an den Bedürfnissen der Szene haben, sich auch mal vor die eigenen Fans stellen, wenn sie von dritter Seite schlecht behandelt werden. So wie es Union Berlin jüngst tat nach dem Angriff gewalttätiger Kölner Fans auf Union-Fanbusse – und die Polizei die Berliner zur erkennungsdienstlichen Erfassung stundenlang festgehalten hat, als wären sie Täter und keine Opfer. Wer wie Union den Mut hat, solche Dinge auch gegen absehbare Widerstände in der Öffentlichkeit anzusprechen, kann später glaubwürdiger eigene Fans bei Fehlverhalten kritisieren und sanktionieren.

Noch idealer wäre es, wenn es Sanktionen zu vorhergehenden Gewaltexzessen nicht bräuchte...

Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass die Gruppen größer werden, bei denen Gewalt ein zentraler Aspekt ihres „Fanlebens“ ist. Das muss Anlass zur Sorge sein und ist eine Gefahr – übrigens nicht zuletzt für die Fan- und Ultrakultur selbst. Es besteht die dringliche Notwendigkeit, alle Kräfte in den Szenen zu stärken, die für eine positive, gewaltfreie Fankultur stehen. Dazu gehört für Vereine, Verbände, Polizei und Medien, jeden Einzelfall genau zu erörtern, nicht alle Ultras über einen Kamm zu scheren. Es wäre ein fatales Signal und würde die falschen Kräfte stärken, wenn man alle Fans als Problemgruppe behandelt.

Schenkt man Handlungen der Ultras als einer kleinen von vielen verschiedenen Gruppen im Stadion vielleicht generell zu viel Aufmerksamkeit?

Weil sich Ultras stark engagieren, entwickeln sie bei vielen Themen Expertise und gewinnen so oft Einfluss. Gute Vereinspolitik berücksichtigt natürlich alle Interessen im Stadion, auch jene von Kindern, Familien oder Älteren. Faszinierend ist ja: Trotz fortschreitender Kommerzialisierung ist das Interesse ungebrochen. Der Fußball und seine Fankultur füllt Leerstellen, die Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften mit ihrem Bedeutungsverlust hinterlassen, er gewinnt dadurch eine große gesellschaftliche Relevanz.

Mit den Ultras als prägende Akteure...

Zugutehalten muss man ihnen, dass auch dank ihres Engagements Rassismus und Diskriminierung inzwischen fast überall in den Stadien geächtet sind – eine Leistung, die zu selten gewürdigt wird und neben der eine missratene Pyroshow dann doch etwas an Relevanz verliert. Die Ultras und alle weiteren Fans, die sich im sozialen Mikrokosmos Fanszene undFußballverein engagieren, in die Vereine zu integrieren, sie zu beteiligen und ihnen Mitsprache zuzugestehen, stellt aus meiner Sicht eine zukunftsweisende Vereinspolitik dar. Und sie schadet auch nicht der Wettbewerbsfähigkeit.


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