EM beginnt Montag in Berlin Para-Leichtathlet Dietz: Ich will Weltrekord stoßen

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Den Weltrekord will Para-Kugelstoßer Sebastian Dietz überbieten. Foto: imago/Beautiful SportsDen Weltrekord will Para-Kugelstoßer Sebastian Dietz überbieten. Foto: imago/Beautiful Sports

Osnabrück. Sebastian Dietz, zweifacher Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen, sieht eine wachsende Akzeptanz, aber auch noch viel Überzeugungsarbeit für den Behinderten-Sport. Im Interview spricht er über die EM der Para-Leichtathleten, die am Montag in Berlin beginnt, und seine Jagd nach dem Weltrekord.

Herr Dietz, die deutschen Leichtathleten haben bei der Heim-EM in Berlin mit 19 Medaillen die Latte hoch gelegt. Wie sehr setzt das die deutschen Para-Leichtathleten unter Druck?

Erst mal freut es mich unheimlich, dass die EM in Berlin so angenommen worden ist, die Stimmung so gut war und alle ein Leichtathletik-Fest erlebt haben. Ich hoffe, dass auch wir so geile Wettkämpfe haben. Wir werden alles daransetzen, dass die Begeisterung für die Leichtathletik anhält. Ich finde es generell schwierig, den Erfolg bei einer Veranstaltung an Medaillen festzumachen. Es ist wichtig, dass jeder alles raushaut. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat eine geile Performance abgeliefert. Der DLV und die Athleten sind nur zu beglückwünschen. Jetzt hoffe ich, dass wir das in der kommenden Woche auch hinbekommen.

Im Vergleich mit anderen Sportarten spielt die Leichtathletik oft eher eine Nebenrolle. Kann die Heim-EM der Leichtathletik in Deutschland einen Schub geben?

Es ist einfach so, dass sich einige Sportarten durch gutes Marketing und gute Ideen bei den Fernsehzeiten fest positioniert haben. Andere Sportarten haben diesen Zug ein bisschen verpasst und müssen nun aufholen. Die Heim-EM war ein Schritt nach vorn für uns. Es wurde viel übertragen. Ich hoffe, dass wir diesen Schwung auch in der Para-Leichtathletik nutzen können.

Der Para-Sport fristet ein Dasein im Schatten der Sportarten, die von Menschen ohne Behinderung betrieben werden. Sind Sie neidisch, wenn Sie die TV-Zeiten der Leichtathletik und der Para-Leichtathletik vergleichen?

Wir haben über die gesamte Meisterschaft einen Livestream, das darf man nicht vergessen. Auch ARD und ZDF werden viel machen. Für Neid gibt es auch sonst keinen Grund. Es freut mich für die Leichtathleten, dass sie so im Fokus standen. Sie haben harte Zeiten hinter sich. Es ist viel geschimpft und auf die Leichtathletik eingeschlagen worden, sei es bei Doping-Skandalen oder wenn erwartete Leistungen nicht erbracht wurden. Das ist nicht schön. Ich weiß, was es heißt, wenn man als Sportler immer seine Leistung bringen muss. Es wird immer erwartet, dass man Gold holt. Es freut mich daher, dass die Leichtathleten jetzt Spaß und Erfolg hatten. Die EM hat gezeigt, dass wir in Deutschland doch gute Sportler haben.

Diese positive Aufmerksamkeit ist viel wert…

Vielleicht führen die Fernsehzeiten und die Aufmerksamkeit eines Tages dazu, dass man als Leichtathlet von seinem Sport leben kann. Mit einem finanziellen Rückhalt ohne Sorgen trainieren zu können ist ja auch eine Voraussetzung für gute Leistungen. Wir hoffen, dass auch wir Para-Athleten öffentlich so wahrgenommen werden.

Sie haben mal gesagt: Was wir machen, ist kein Kindergartensportfest, sondern Leistungssport. Wie viel Überzeugungsarbeit müssen Sie noch leisten?

Die Leute, die uns im Stadion gesehen haben, sind fasziniert von unserem Sport. Wir wollen den Menschen Spaß geben und ihnen zeigen, dass man mit jeder Schwierigkeit im Leben umgehen und auch Leistung auf sportlich höchstem Niveau bringen kann. Bei den Menschen, die uns noch nie zugeschaut haben, steht noch viel Überzeugungsarbeit an. In Deutschland wird über Inklusion diskutiert: Können Menschen mit Behinderung arbeiten? Können sie Sport treiben, und wenn ja, welchen? Da gibt es noch viel zu tun. Wir können nur durch unsere Leistungen überzeugen. Ich sage den Leuten immer: Kommt ins Stadion und macht euch selbst ein Bild. Wer will, kann mich auch mal in einer Trainingswoche begleiten und dann selbst entscheiden, ob ich Spaß mache oder Leistungssport betreibe.

Trotzdem tragen Sie – im Gegensatz zu den Leichtathleten – Ihre Wettkämpfe nicht im Olympiastadion aus, sondern „nur“ im Jahn-Sportpark. Hätten Sie nicht gerne auch im Olympiastadion gezeigt, was Sie können?

Es gibt immer ein Für und Wider. Man muss sehen, welche unglaubliche Entwicklung der paralympische Sport hinter sich hat. 2000 in Sydney war der öffentliche Zuspruch gleich null. Die Einschaltquoten werden besser, die Akzeptanz wird größer. Im Ausland geht das noch ein bisschen schneller, aber wir arbeiten daran, dass wir das auch in Deutschland hinbekommen. Nichtsdestotrotz muss man einsehen: Die riesigen Tribünen im Olympiastadion würden wir nicht gefüllt bekommen. Wenn sich da 10000 Zuschauer in so einem großen Stadion verlieren, wäre das auch für uns stimmungsmäßig nicht so schön. Da ist ein 20000-Zuschauer-Stadion besser.

Sie sind ein positiv denkender Mensch. Liegt das auch an Ihrem Schicksal? Nach Ihrem Unfall lautete die Diagnose: Querschnittslähmung und ein Jahr in der Klinik. Sie haben die Klinik nach elf Wochen auf eigenen Füßen verlassen…

Der Unfall in seiner Gesamtheit war eine völlige Katastrophe, unter der nicht nur ich, sondern auch andere Menschen gelitten haben und jemand leider tödlich verunglückt ist. Für mich gab es danach zwei Wege: Entweder lasse ich diese sinnlose Situation, die da entstanden ist, so stehen oder ich mache das Beste daraus. Jede sinnlose Situation bringt immer einen neuen Weg mit sich. Ich weiß mit großer Ehrfurcht: Für die Familie des Verstorbenen ist die Situation noch heute schwierig. Aber es bringt nichts, das hinzunehmen und mit dem Leben aufzuhören. Es gibt immer einen Weg, nach vorne zu gucken.

Diese Einstellung geben Sie inzwischen auch als Motivationscoach an die Mitarbeiter eines Möbelhauses weiter...

Ich war früher Torwart im Fußball. Mein Vater hat immer gesagt, ich war bekloppt auf dem Feld – positiv bekloppt. Ich bin von Kindesbeinen an Sportler mit Leib und Seele. Ich möchte Menschen erreichen, begeistern und mitnehmen. Dazu gehören dann auch Motivationsvorträge, bei denen ich Menschen vermitteln kann: Es gibt schwierige Situationen, aber die sind dazu da, dass man sie annimmt, gestärkt daraus hervorgeht und nicht aufgibt. Man bekommt immer seine Chancen. Man muss sie dann nur wahrnehmen. Wenn ich mit diesen Vorträgen die Menschen erreiche und ihnen Mut mache, ist das fast genauso schön, wie wenn ich meine sportliche Leistung bringe und damit die Menschen auf der Tribüne begeistere.

Was darf man in Berlin erwarten? Bei einem regionalen Sportfest haben Sie schon einmal inoffiziell Weltrekord gestoßen…

Grundsätzlich ist das immer eine Idee. Ich bin auf der Jagd nach dem Weltrekord.

Wobei zu große Erwartungen auch nicht gut sind…

Machen wir uns nichts vor: Der Druck und die Erwartungshaltung sind gegeben, aber das ist auch normal. Ich bin zweifacher Paralympics-Sieger und Weltmeister. Was soll man da erwarten? Ich konzentriere mich aber mehr auf die Frage: Wie bekomme ich meine Motivation hochgeschraubt und was ist mein Ziel? Und da lautet die Antwort: Ich will Weltrekord stoßen.

Sie halten den Weltrekord im Para-Diskuswurf, sind zweifacher Paralympics-Sieger und hatten eine Audienz beim Papst. Ein EM-Titel fehlt noch…

Nachdem ich von Diskuswerfen auf Kugelstoßen umgestiegen bin, war ich 2014 einfach noch nicht so weit, um eine entsprechende Leistung zu bringen. 2016 stand nicht die EM im Mittelpunkt, sondern da war meine Saisonplanung auf die zwei Monate später stattfindenden Paralympischen Spiele in Rio ausgerichtet. Insofern ist die EM im eigenen Land jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um den EM-Titel anzugreifen – zumal ich in das Stadion zurückkehre, in dem 2005 mit meiner ersten Deutschen Meisterschaft meine sportliche Karriere begonnen hat. Darauf freue ich mich, aber ich habe auch ein bisschen Sorge. Bislang haben meine Ergebnisse im Jahn-Sportpark nicht so gut ausgesehen. Aber das heißt ja nur, dass es jetzt an der Zeit ist, daran etwas zu ändern. Das werde ich tun.

Warum sind Sie eigentlich vom Diskus auf die Kugel umgestiegen?

Nach der Weltmeisterschaft 2013 hat das Internationale Paralympische Komitee entschieden, dass es 2016 für meine Behinderungsklasse kein Diskuswerfen geben wird. Das war ein ziemlich harter Schlag: Ich war gerade Weltmeister geworden, hatte Weltrekord geworfen und ein Jahr zuvor die Paralympics gewonnen, und dann musste ich verstehen, dass sich von einem Moment auf den anderen alles auflöst und ich einen neuen Weg gehen musste. Kugelstoßen hatte ich immer schon neben dem Diskuswurf betrieben. Ich habe also den Fokus getauscht, auch wenn das im Nachhinein einfach klingt. Mental war das eine schwierige Situation.

Und dann kam Ihr Lebensmotto ins Spiel: Immer das Beste draus machen…

Als der Wechsel zum Kugelstoßen vollzogen war, wollte ich zeigen, dass ich mich von so einer Entscheidung nicht unterkriegen lasse. Ich wollte zeigen, was ich auch mit der Kugel draufhabe. Ich wollte zeigen, dass die Erfolge mit dem Diskus keine Eintagsfliegen waren. Das hat auch mit der Kugel ganz gut funktioniert.

Jetzt sind Sie 33, aber ans Karriereende denken Sie noch nicht. Das große Ziel heißt Tokio 2020?

Das werde ich auf jeden Fall angehen. Der Körper zwickt noch nicht. Ich bin von großen Verletzungen frei geblieben und hoffe, dass es so bleibt. Warum sollte ich 2020 also nicht ins Auge fassen als amtierender Paralympics-Sieger? Danach wird man sehen, ob der Körper sich meldet. Und was die Familie und der Trainer sagen, ob der Weg weitergeht oder nicht.


Sebastian Dietz wird am 25. Februar 1985 in Worms geboren. Bis 2004 spielt er Fußball. Zwei Tage nach seinem 19. Geburtstag ist er an einem Verkehrsunfall beteiligt, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. In der Klinik lautet die Diagnose: Querschnittslähmung. Dietz arbeitet in der Reha dagegen an. Seine Mutter weckt das erneute Interesse am Sport. Mit Zwischenstation beim TV Wattenscheid kommt er 2010 nach Herford, 2012 zieht er mit seiner heutigen Frau nach Hüllhorst. Inzwischen startet er für die BSG Bad Oeynhausen. 2012 gewinnt Dietz in London Paralympisches Gold im Diskuswurf. 2013 überwirft er bei der WM erstmals die 40-Meter-Marke und gewinnt mit Weltrekorddistanz (42,18 Meter). Nach dem Wechsel zum Kugelstoßen holt Dietz 2016 in Rio de Janeiro Gold – 14,84 Meter sind Paralympischer Rekord. 2017 wird er mit 15,28 Metern Weltmeister, sechs Zentimeter fehlen zum Weltrekord. Die Unfallfolgen zeigen sich bis heute in Armen und Beinen: Dietz humpelt leicht, die linke Hand funktioniert nicht mehr, einige Muskulaturgruppen lassen sich nicht mehr ansteuern, Gefühls- und Schmerzempfinden sind gestört. „Das sind Erscheinungen, die zu meinem Körper gehören – wie wenn jemand eine Brille trägt, keine Haare auf dem Kopf oder einen Pickel im Gesicht hat.“ Der Fußball hat ihn nicht losgelassen: Dietz trainiert die Fußballerinnen des SC Enger in der westfälischen Landesliga. jka

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