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Interview mit unserer Zeitung Warum sich schwule Fußballer verstecken – Expertin über Homosexualität im Profisport

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Osnabrück. Fußball – da dürfen Männer noch hemmungslos weinen, sich ungezwungen umarmen. Kurzum: Gefühle ausleben. Die Spieler auf dem Feld dürfen das auch, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn: Homosexualität im Profifußball ist noch immer ein Tabu. Zu diesem Thema äußert sich Tatjana Eggeling im Interview mit unserer Zeitung. Sie berät den DFB und homosexuelle Profisportler.

Frau Eggeling, in dieser Woche äußerte sich ein schwuler Fußballprofi gegenüber dem „Fluter“, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, über seine Homosexualität – anonym aus Angst vor den Folgen eines Outings. Wann sehen wir den ersten deutschen Profi, der sagt: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“?

Das weiß niemand. Denn es gibt mehrere Möglichkeiten des Outings. Möchte ein Profi weiterspielen, dann wird er sehr vorsichtig mit so einem plötzlichen Schritt nach außen sein. Die zweite Möglichkeit des Outings ist, dass man es auf lange Sicht vorbereitet. Diese Möglichkeit halte ich für besser und sinnvoll. Hier gilt es, Mitstreiter zu suchen, die mitziehen, um sich einen sicheren Boden zu bereiten. Das können Mannschaftskameraden, Trainer, Betreuer, Berater sein, zu denen der Spieler Vertrauen hat. So weiß er zumindest, dass er nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten muss. Und es dient auch der Vorbereitung der anderen, auf die das Medienecho ebenfalls einstürmt. Sie müssen schließlich auch Antworten haben.

Früher warfen Fans Bananenschalen auf schwarze Spieler. Was muss ein schwuler Profi fürchten, wenn er sich outet – abgesehen von dem erwähnten Karriereknick?

Ich glaube nicht, dass ein beliebter Spieler etwas von den eigenen Fans zu befürchten hätte, weil sie sich sonst mit den Konkurrenzteams solidarisieren würden. Ich glaube aber, dass es schon den einen oder anderen Schmähgesang der gegnerischen Fans geben könnte. Aber auch da gäbe es genügend Leute, die schnell klarstellen würden, dass das unerwünscht ist – bis hin zu den Stadionsprechern.

Wen muss ein schwuler Fußballer fürchten: die eigene Mannschaft, die Medien oder die Fans?

Das ist schwer zu sagen. Es hängt auch sehr von den örtlichen Gegebenheiten ab, wo der Betroffene spielt, in welcher Weise er sich outet und wie gut er vorbereitet ist. Wenn er stark ist, dann wird sämtliche Kritik schnell ins Leere laufen, weil er eben nicht mehr angreifbar ist. Letztlich kann man es aber nicht sagen und hängt auch davon ab, wie der Verein reagiert. Ich habe aber auch Verständnis dafür, wenn sich jemand zugunsten seiner Karriere nicht outen möchte.

Wie können Sie Spielern helfen, die Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?

Indem wir gemeinsam versuchen herauszubekommen, was der Spieler möchte. Wo will er eigentlich hin? Geht es ihm darum, innere Ruhe zu finden, dann würde es reichen, ein paar Leute zu finden, denen gegenüber er sich outen kann. Oder will er tatsächlich das große Fass aufmachen? Dann würden wir länger daran arbeiten, bis er so weit ist und wir ein tragfähiges Netz geknüpft haben.

Bisher wollte niemand das große Fass aufmachen?

Nein, bisher nicht.

Warum nehmen lesbische Profifußballerinnen offenbar weniger Anstoß?

Das hat mit der Entwicklung des Frauenfußballs zu tun. Fußball ist schon seit vielen Jahren eine Sportart, in der viele Lesben mitgespielt haben. Damit konnten auch alle recht gut leben – Vereine, Trainer und Fans. Aber auch bei den Frauen können wir beobachten, dass nichts so richtig offiziell ist. Trotzdem wird es auch dort nicht sehr gerne gesehen, wenn die Damen damit in die Öffentlichkeit gehen und sagen „Seht her, ich bin lesbisch“. Das hat damit zu tun, dass der Frauenfußball aus dieser Lesbenecke heraus will.

Weil?

Lesben gelten als männerfeindlich, unattraktiv, robust, nicht schön anzusehen. Dabei sehen selbstverständlich nicht alle Lesben – in Anführungszeichen – lesbisch aus. Fußballerinnen treten inzwischen betont weiblich auf. Das ist so eine Art Image-Pflege. Außerdem sind die Frauen so besser vermarktbar und für Sponsoren interessanter.

Ist denn Homophobie ein reines Problem des Fußballs?

Nein, die gibt es überall, auch in Individualsportarten. Dort ist man aber Alleinkämpfer und muss sich ausschließlich mit seinem persönlichen Umfeld herumschlagen. Es gibt kein Team, das einen als Nestbeschmutzer beschimpfen kann. Dennoch ist es auch dort nicht leicht, sich öffentlich zu outen, vor allem im Hochleistungssport. Auch dort geht es um Geld, Sponsoren und um das Zusammentreffen von Gegnern hinter den Kulissen. So hat sich Steffi Graf einmal geweigert, sich in derselben Umkleidekabine wie Martina Navrátilová umzuziehen, nachdem diese sich geoutet hatte.

Warum outet sich kein Profi-Spieler nach dem Ende seiner Profikarriere?

Dann ist es nicht mehr von großem Interesse – auch für ihn persönlich nicht mehr, weil er dann schwul leben kann, wie und wo er will. Aber wenn einer Funktionär oder Trainer werden will, dann ist er denselben Bedingungen unterworfen wie aktive Spieler. Es wird vielleicht auch nicht gerne gesehen, wenn so jemand eine Jugendmannschaft trainiert, was natürlich totaler Quatsch ist. Und wenn jemand 15 Jahre aktiv gespielt hat, dann ist das Verstecken für ihn so alltäglich geworden, dass das Outing dann auch fast schon unvorstellbar ist.

Sie sind als Beraterin für den DFB tätig. Wie ernst nimmt der Verband dieses Thema tatsächlich?

In der Arbeitsgruppe „Für Toleranz und Anerkennung, gegen Rassismus und Diskriminierung“ hatten wir dieses Thema zwei Jahre lang als Hauptthema. Der DFB nimmt das Thema schon ernst. Wozu es leider noch nicht geführt hat, sind nachhaltige Programme innerhalb des Verbandes. Aber das ist nicht einfach nur so ein PR-Ding.

Wie sieht das konkret in der Praxis aus?

Dazu gehört natürlich Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung. Im Januar hatten wir einen Workshop für die Landes- und Regionalverbände des DFB, bei dem fast alle vertreten waren. Sie zeigten sich sehr offen und neugierig, was der erste Schritt für eine Sensibilisierung ist.


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