Fußball-Kolumne Das gab‘s noch nie: Rekord-Rückkehrer zum Nulltarif

Von Udo Muras

Sympathischer Rekord-Rückkehrer: Claudio Pizarro läuft in dieser Saison wieder für Werder Bremen auf. Foto: dpa/JaspersenSympathischer Rekord-Rückkehrer: Claudio Pizarro läuft in dieser Saison wieder für Werder Bremen auf. Foto: dpa/Jaspersen

Frankfurt Die Bundesliga steht in den Startlöchern, in knapp drei Wochen rollt der Ball wieder in den großen Fußballstadien Deutschlands. Die Vereine stocken ihre Teams auf und geben dafür Millionen aus. Aufsehen erregte für unsern Kolumnist Udo Muras aber nicht ein Rekordtransfer, sondern einer zum Nulltarif. Claudio Pizarro ist – mal wieder – zurück bei Werder Bremen.

Nach der WM ist vor der Bundesliga. Meistens gingen deutsche Fans ja mit einem beschwingten Gefühl ins neue Spieljahr nach dem Großereignis und freuten sich darauf, ihre WM-Helden wiederzusehen – und auch einige aus den anderen Ländern. Wir kamen gewöhnlich von einer hohen Welle und schwebten sanft hinab in den Alltag.

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Das ist dieses Jahr natürlich völlig anders: die Bundesliga muss uns aus dem Loch herausholen, das die Adlerträger in Kasan für uns gebuddelt haben. Für diejenigen, die es schon glücklich verdrängt hatten: Aus in der Vorrunde – Weltmeister waren wir mal.

Nun hat die Bundesliga noch knapp drei Wochen Zeit, sich auf ihren Rettungsauftrag vorzubereiten. Stand jetzt gibt es wenig Grund zur Vorfreude. An Bayerns Dominanz rüttelt keiner, jedenfalls nicht verbal. Nur sie haben sich deutsche Nationalspieler geholt, die Herren Goretzka und Gnabry dürften erst mal die Bank in der Allianz Arena kennenlernen. Andere Klubs hätten sie besser gebrauchen können, aber das Thema langweilt ja nur noch.

Das gab‘s noch nie

Von den großen Stars der WM hat keiner einen Flieger nach Deutschland genommen. Die Ablöse-Millionen flossen trotzdem ungehemmt – zumeist für Spieler, die nur ihre engsten Verwandten kannten und der eine oder andere Scout. Hier die Teuersten: Paulinho (so heißen viele am Zuckerhut), Mukiele, Plea. Nie gehört? Sollten Sie, zusammen kosteten sie 60 Millionen Euro. Nun ging uns das bei Aubameyang, Mkhitaryan oder dem Ex-Wolfsburger Grafite nicht anders und wir wollen nicht ausschließen, dass die Neuen auch mal einen rein schießen.

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Aber der einzige Sommertransfer, der bundesweit elektrisiert und mir eine Kolumne wert ist, kam zum Nulltarif. Claudio Pizarro ist wieder bei Werder Bremen. Zum fünften Mal! Das kam sogar in der Tagesschau, denn das gab’s noch nie. Als ob der Peruaner nicht schon genug Rekorde hält! Ausländer mit den meisten Spielen, Ausländer mit den meisten Toren, Rekordjoker der Bundesliga und Werders Rekordtorjäger. Und jetzt noch Rekord-Rückkehrer! Die on-off-Beziehung zwischen dem Schlitzohr und den letzten Hanseaten der Bundesliga weckt Fantasien.

Wird Pizarro von seinem „Mini-Gehalt“ leben können?

Wenn einer, der Großes geleistet hat, an die alte Wirkungsstätte zurückkehrt, hoffen natürlich alle Anhänger auf weitere Großtaten. Das ist in dem Fall optimistisch. Im Oktober wird Pizarro 40 und dürfte kaum mehr Tore haben als jetzt. 2015/16 schoss er noch 14 und blamierte alle Fürsprecher des Jugendwahns, aber dann ließ er stark nach. Zwei Tore in zwei Jahren, das letzte für Köln, wo er im Vorjahr eigentlich schon sein Gnadenbrot bekam. Als Absteiger wollte er bloß nicht aufhören und plötzlich kam er wieder bei Werder unter.

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Er möge den Abschied bekommen, den er verdient habe, sagte Sportdirektor Frank Baumann, auch wenn er ihn kaum was verdienen lässt. Findet jedenfalls die „Bild“ und bedauert sein „Mini-Gehalt“ von nur 300.000 Euro in seinem nun aber wirklich letzten Jahr. Wird er davon leben können? Gewiss sorgt man sich in den Multi-Millionärs-Kreisen seines Standes. Definitiv zum Leben braucht Pizarro offenbar den Fußball. Wer in diesem Alter noch nicht aufgehört hat, hat eindeutig Probleme mit dem Absprung ins wahre Leben.

Happy End nicht garantiert

Fans und Beobachter ist es egal, 79% stimmten bei einer Internetumfrage der vierten Rückkehr nach Bremen zu. Ihnen will ich nicht die Laune verderben, aber es finden sich genügend Beispiele von Profis, die definitiv zu lang gespielt haben. Auch ihr Herzensklub konnte leider kein Happy end garantieren. Ich will hier keine Namen nennen außer vielleicht Manni Kaltz (HSV), Wolfgang Overath (Köln), Andy Möller und Alex Meier (Frankfurt) oder Gerd Müller (Bayern).

Und doch ist mir eine solche Beziehung lieber als etwa die, die sich zwischen Schalke 04 und Weltmeister Benedikt Höwedes (auseinander) entwickelt hat. Da wird eine Identifikationsfigur einem neuen Trainer zu Liebe im besten Fußballeralter erst nach Italien abgeschoben und dann, als die Leihe beendet ist, nur widerwillig zum Training zugelassen. Aber nur, um sich für den neuen Klub fitzuhalten. Jetzt geht er für drei Jahre nach Moskau. Dann doch lieber das Werder-Modell mit Herz.

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