Olympiasieger im Interview Speerwerfer Röhler: 90 Meter sind weiterhin Traumweiten

Von Johannes Kapitza

Bei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg landete Speerwerfer Thomas Röhler aus Jena auf Platz zwei. Auch bei der Leichtathletik-EM in Berlin will der Olympiasieger aus dem Jahr 2016 wieder vorne mitmischen. Foto: imago/Beautiful SportsBei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg landete Speerwerfer Thomas Röhler aus Jena auf Platz zwei. Auch bei der Leichtathletik-EM in Berlin will der Olympiasieger aus dem Jahr 2016 wieder vorne mitmischen. Foto: imago/Beautiful Sports

Osnabrück. Vom 7. bis 12. August findet zum dritten Mal eine Leichtathletik-Europameisterschaft in Deutschland statt. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler spricht im Interview über die Aussichten für Berlin, ehrliche Freude über starke Würfe der Konkurrenz und die Wahrnehmung der Leichtathletik in der Öffenlichkeit.

Herr Röhler, darf man zum zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft gratulieren oder sind Sie enttäuscht, dass Sie nicht ihren sechsten Titel geholt haben?

Man darf definitiv gratulieren. Es gibt unterschiedliche zweite Plätze, aber diesen zweiten Platz werde ich als positiven zweiten Platz in meinem Sportlerleben abspeichern: Ich habe im letzten Wurf die zweitbeste Weite des Tages erreicht, in einem Wettkampf, in den ich schwer reingefunden habe. Ich habe intensive Trainingswochen hinter mir. Alles ist auf die EM ausgerichtet, da war ich bei der DM körperlich noch nicht auf dem Höhepunkt. Und dann dieser richtig schöne Wurf in der letzten Runde, der noch Potenzial für ein paar Meter mehr hatte – das lässt mich positiv Richtung Berlin gucken.

Mit Andreas Hofmann, Johannes Vetter und Ihnen gibt es ein starkes deutsches Trio. Das spornt im Wettkampf an?

Auf alle Fälle. Wir profitieren in den letzten drei Jahren auch in den internationalen Wettkämpfen davon, dass wir uns gegenseitig pushen und gleichzeitig ein solides Team sind. Wir trainieren miteinander, tauschen uns aus. Am Ende steht aber jeder alleine auf der Bahn.

Wie passt der Teamgedanke zu einem Einzelsport, in dem Sie doch alle Konkurrenten sind?

Von außen fällt es vielen Menschen schwer, das zu verstehen. Der Kern im Speerwerfen ist: Es gibt keinen „Feindkontakt“. Wir stehen beim Wettkampf auf der gleichen Anlaufbahn, aber es gibt keine Beeinflussung der anderen. Jeder ist mit seiner Technik und den Wetterbedingungen auf sich allein gestellt. Uns Speerwerfern fällt es leicht zu respektieren, was der andere gerade geleistet hat. Es ist völlig ernst gemeint, wenn wir uns über einen starken Wurf des anderen freuen, weil wir wissen, was es braucht und wie es sich anfühlt, so einen Wurf zu generieren. Durch die starke Konkurrenz weiß man, dass man schon beim nächsten Wettkampf wieder geschlagen werden kann. Das verhindert, dass man abhebt, und macht es auch für uns so spannend.

Also ist es egal, wer in Berlin eine Medaille holt – Hauptsache einer aus dem deutschen Team?

Nein, nein, so ist es nicht. Im Team unterstützen wir uns, aber im Wettkampf sind wir Einzelsportler. Das können wir ganz gut trennen. Wenn man auf der Bahn steht und der Blick auf den Wurfsektor gerichtet ist, dann will jeder einzelne von uns auch gewinnen.

In einer Woche beginnt die EM. Spüren Sie auf der Straße die Vorfreude auf die EM im eigenen Land?

Die Menschen haben schon von der EM mitbekommen. Das Marketing läuft ja schon fast anderthalb Jahre. In Berlin spürt man das ein bisschen mehr. Im Rest der Republik wissen es zumindest die Leichtathletik- und Sportfans. Das ist ein guter Ausgangspunkt.

Aber die Begeisterung dürfte noch ein bisschen größer sein? Wenn Fußballer bei einer WM spielen, werden die Autos mit Fähnchen geschmückt. Wünschen Sie sich das auch für die Leichtathletik-EM in Berlin?

Wenn wir so weit kommen, wäre ich super happy. Jeder Leichtathlet träumt davon, gesellschaftlich in der Wahrnehmung so hoch zu klettern, dass wir die Leute dazu bringen, Fähnchen rauszuhängen. Ich glaube, dann hätten wir es geschafft, dass die Identifikation in Deutschland nicht nur mit einer Nationalmannschaft gelingt, sondern auch in anderen Sportarten. Das wäre natürlich genial.

In Berlin haben Sie anscheinend ein treues Publikum. Mitte Juli waren 250.000 Tickets für die sieben Tage verkauft…

Berlin hat eine gute Reputation in der Leichtathletik, auch durch das ISTAF-Meeting. Die Leute in Berlin wissen viel über den Sport, die Stadt ist jung und sportbegeistert. Als Leichtathlet fühlt man sich dort wohl. Das macht es wahrscheinlich ein bisschen leichter.

Diskuswerfer Robert Harting ist ein Aushängeschild der deutschen Leichtathleten. Er hat sich über die deutsche Bestenliste nicht qualifiziert, aber trotzdem einen Startplatz vom Verband bekommen. Was halten Sie davon?

Über richtig und falsch will ich nicht urteilen. Es ist eine ganz schwierige Entscheidung. Egal was entschieden wird: Man macht einem eine Freude, tut aber auch jemandem weh. Das ist bei Nominierungsentscheidungen immer der Fall. Wenn es ordentlich kommuniziert wird, werden es die Leute verstehen. Wichtig ist, dass sportliche Aspekte im Vordergrund stehen bei der Entscheidung. Ich bin mir sicher, dass Robert aus dieser Chance noch mal extrem viel Energie ziehen kann und wird und dass er dann die sportlichen Argumente für die Nominierung liefern wird.

Es ist die dritte EM in Deutschland. Die letzte gab es vor 16 Jahren, da waren Sie gerade zehn Jahre alt. Erinnern Sie sich noch daran, wie sie München 2002 erlebt haben?

Ehrlich gesagt: Nein. Wahrscheinlich habe ich die EM mit meinen Eltern im Fernsehen verfolgt, aber über Leistungssport habe ich damals noch nicht nachgedacht. Ich habe mit sieben Jahren angefangen und meine ersten Schritte im Verein gemacht. Da waren meine Freunde, es ging um den Spaß am Sport, aber um mehr noch nicht.

Ihr bisheriges Highlight war der Olympiasieg 2016 in Rio. Schauen Sie die Medaille noch häufig an oder ist sie in einer Schublade verschwunden, weil die Erfolge von gestern im Wettkampf heute nicht mehr helfen?

Olympiasieger zu sein, ist etwas, das bleibt. Ich habe den Sieg mal als „ewige Reputation“ bezeichnet. Aber um das zu spüren, muss ich nicht jeden Tag die Medaille aus dem Schrank holen. Ich weiß, wo sie ist, und ich bin glücklich, sie zu haben, aber in der Saison schaut man von Wettkampf zu Wettkampf und blickt selten zurück.

Sie sind als erster Deutscher in die Athleten-Kommission des Weltverbandes IAAF gewählt worden. Welche Themen haben Sie in den kommenden vier Jahren auf Ihrer Agenda?

Mir geht es um die Präsenz der Leichtathletik, es sind Marketingthemen dabei, und die weltweite Nachwuchsförderung ist wichtig. Aber es ist ein bisschen wie im wahren Leben: Man hat Ideen und Ziele, und dann kommt das Tagesgeschäft und wirft so eine Agenda ganz schnell wieder um. Zum Jahresbeginn ging es um die Aufarbeitung der Dinge aus 2016 und 2017. Die Korruption soll eingedämmt werden. Da sind wir auf einem extrem guten Weg. Um solche Themen sollten sich Athleten eigentlich gar nicht kümmern müssen, aber unsere Meinung ist gefragt. Auch Doping ist immer mal wieder ein Thema. Es ist viel strukturelle Arbeit, aber im Verband sind wir auf einem guten Weg. Ich hoffe, dass wir uns bald mehr mit Zukunftsthemen beschäftigen können.

Stichpunkt Präsenz: Es braucht die großen Erfolge wie Ihren Olympiasieg, damit die Leichtathletik beim breiten Publikum wahrgenommen wird.

Wir sind immer noch eine leistungsbasierte Sportart und weniger Spektakel. Diese beiden Dinge gilt es gekonnt zu mischen. Der Männerspeerwurf zeigt seit einigen Jahren, wie das funktionieren kann. Die Menschen verstehen den Sport inzwischen und fragen auch immer mehr nach. Das müssen wir einfach in der gesamten Leichtathletik schaffen. Dafür müssen wir unseren Sport pflegen und vielleicht an einigen Stellen auch wieder aufbauen, was die Vereinsarbeit und die Sichtbarkeit auf regionaler Ebene angeht.

Es braucht große Erfolge, um überhaupt vom Sport zu leben. Das ist in der Leichtathletik ja auch nicht der Regelfall. Man muss sich und seinen Erfolg vermarkten?

Da ist aktuell immer noch der einzelne Sportler gefragt, und es braucht regionale Lösungen zur Unterstützung. Es wird auch lange Zeit noch so bleiben, dass jeder Sportler zum Großteil selbst in der Hand hat, wie er sich vermarktet. Was sich positiv entwickelt, sind die neuen Kommunikationskanäle und social media. Das wird langsam in der Leichtathletik. Da müssen sich viele Funktionäre und viele auf Vereinsebene öffnen, um wahrgenommen zu werden. Ich sehe das als sehr wichtigen Weg an, auch, was die Finanzierung angeht.

Für Einzelsportler ist die Finanzierung schwierig. Sie sagten mal: Es bringt aber auch nichts, neidisch auf andere Sportarten wie Fußball zu schauen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich?

Das stimmt, aber wir haben aktuell eine Chance. Die Leute verstehen immer mehr, welche Gehälter im Fußball gezahlt werden, wie die Bezahlung im Sport mit dem runden Ball und dem viereckigen Tor aussieht. Es ist eine Chance für die olympischen Sportarten, wenn die Menschen darüber nachdenken, ob dieser Kreislauf nicht vielleicht krankt. Auf diese Einsicht setze ich weiterhin ein klein wenig Hoffnung. Das hat nichts mit Neid zu tun, aber ein gesunder Sportkreislauf ist etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt in diesem Land.

Sie haben sich früh für die Leichtathletik entschieden, sich aber erst mal auf Hoch- und Dreisprung konzentriert, bis Sie 17 Jahre alt waren. Im Nachhinein dürften Sie froh sein, dass Sie ziemlich noch den Speerwurf für sich entdeckt haben?

Werfen war immer meine Leidenschaft. Alles, was man im Wettbewerb auf Weite werfen konnte, hat mich fasziniert. Um aber auf dem Sportgymnasium zu bleiben, musste man seinen leistungssportlichen Charakter nachweisen, und das war im Sprung einfacher für mich möglich. In der Jugend hat das Werfen körperlich noch nicht so viel Sinn gemacht. Da bin ich also später eingestiegen, aber es war die goldrichtige Entscheidung.

Um erfolgreich zu sein, braucht man eine Beziehung zu seinem Sportgerät. Sie haben vor der Saison ausgiebig getestet. Worauf legen Sie Wert?

Ich personalisiere die Speere nicht zu sehr. Die gehen auch mal kaputt, und dann ist der Abschiedsschmerz zu groß. Für mich sind das Arbeitsgeräte, die funktionieren müssen – genau wie ein Rennwagen für einen Rennfahrer. Deshalb wird ausgiebig getestet, um zu sehen, wo noch Reserven sind. Da haben wir mit dem Hersteller vor der Saison noch mal viel Energie rein gesteckt. Es ging vordergründig nicht um meinen Wettkampfspeer, sondern viel darum, mit welchen Speeren interessierte jüngere Athleten mit Spaß an den Sport herangeführt werden können.

Wie oft müssen Sie werfen, bis Sie überzeugt sind: Das ist ein guter Speer, das ist mein Speer?

Pauschal kann man das nicht sagen. Man hat nach drei, vier Würfen ein erstes Gefühl für den Speer. Aber bis sich herauskristallisiert, welchem Speer ich für den Wettkampf vertraue, kann es dauern. 3000 Würfe kommen da locker mal mit einem Gerät zusammen. Wenn ein Speer frisch aus der Packung kommt, hat die Bindung zum Beispiel noch keinen Grip. Ich habe einen Speer auch schon mal zwei Jahre geworfen, bis ich mit ihm zufrieden war. Das ist wie mit Wein: Manchmal müssen die Teile erst älter werden, um den Geschmack zu treffen.

2017 haben Sie in Doha 93,90 Meter geworfen und von einem „perfekten Wurf“ gesprochen, was gleichzeitig beinhaltet: Solch ein Wurf gelingt nur selten…

90 Meter sind weiterhin Traumweiten. In diesem Jahr erlebt man gerade mal wieder die Menschlichkeit des Sports. Wir sehen, dass die deutschen Speerwurfhelden, die inzwischen an den 90 Metern gemessen wurden, weiterhin zu kämpfen haben, diese Distanz zu überwinden. Das zeigt, dass 90 Meter weiter eine besondere Marke sind. Der Wunsch von uns Sportlern ist natürlich, diese Schwelle relativ locker zu überschreiten. Aber da sind Experimente und innovatives Training nötig und es ist viel „trial and error“ dabei. Man weiß nicht genau, was zum Erfolg führt.

Wie sehen die Experimente aus?

Es geht zum Beispiel um die Trainingsplanung. Legt man das Krafttraining möglichst weit weg oder ganz nah ans Wurftraining? Das sind Dinge, die nicht gelehrt wurden und nicht in Büchern stehen. Man muss das über Wochen ausprobieren. Ich habe viel auf der Slackline trainiert, da bekommt das Stabilitätstraining eine ganz neue Dynamik, bei der man sich fragt: Passt das überhaupt zusammen. Man weiß erst nach Wochen oder Monaten, ob eine Maßnahme anschlägt. Für mich als Olympiasieger geht es auch schon um 2020. Da nutzen wir jetzt die Zeit, um Dinge zu testen.

Wenn man mal die 90 Meter geknackt hat, wird man daran gemessen. Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um, dass alles unter 90 Meter als schwach bewertet würden könnte?

Diese Erwartungshaltung hat man ja erst mal auch an sich selber. Das ist für Sportler der Antrieb, der einen zu Höchstleistungen motiviert. Wenn Druck von außen dazukommt, muss man einen Weg finden, dass dieser Druck auch noch mal motiviert. Da muss man als Sportler reinwachsen. Es ist ja auch rein rational im Wettkampf so: Wenn du gewinnen willst, brauchst du schon solche 90-Meter-Würfe. Das Wichtigste ist: Man muss die Dinge richtig einschätzen und ehrlich zu sich sein. Dann kommt man auch in leistungsmäßig engen Zeiten gut voran.

Es gibt starke internationale Konkurrenz. Wer könnte Ihnen gefährlich werden?

In Europa gibt es fünf bis sechs Werfer, die um die Medaillen mitkämpfen. Magnus Kirt aus Estland und Jakub Vadlejch aus Tschechien sind da auf jeden Fall zu nennen. Und dann gibt es noch so eine Wundertüte aus Finnland, relativ jung, Oliver Helander, der sich sprunghaft entwickelt. Die vergangenen Meisterschaften haben immer gezeigt, dass es eine Überraschung gibt.

Sie haben in Berlin zumindest den Heimvorteil…

Das pusht sicherlich, aber im Wettkampf sind wir alle total rationale Typen: Stadion ist Stadion, und Wind ist Wind. Wo das auf dieser Erde ist, ist uns egal. Wir versuchen, unser Bestes zu geben. Wenn das Publikum da ist, macht es mehr Spaß und gibt vielleicht noch mal den Extrazentimeter.

…und dann können die deutschen Leichtathleten das Sommermärchen schreiben, dass die Fußballer bei der WM in Russland verpasst haben?

Das werden wir definitiv versuchen, das ist unser Ziel.


Thomas Röhler wird am 30. September 1991 in Jena geboren. Mit sieben Jahren beginnt er mit der Leichtathletik. Später besucht er das Sportgymnasium in Jena. Bis er 17 Jahre alt ist, stehen Hoch- und Dreisprung im Fokus, dann folgt der Wechsel zum Speerwurf, eine „goldrichtige Entscheidung“, wie Röhler heute sagt. Von 2012 bis 2016 wird er fünfmal in Folge Deutscher Meister. Höhepunkt seiner Karriere ist der Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro (90,30 Meter). Beim Diamond-League-Sieg in Doha 2017 wirft er mit 93,90 Metern deutschen Rekord. Knapp zwei Monate später nimmt Johannes Vetter ihm die Bestmarke ab. Röhler ist seit 2018 Athletensprecher im Leichtathletik-Weltverband IAAF.

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