Warum Mesut Özil kein Einzelfall ist Heimatliche Zerrissenheit: Zwischen Deutschland und der Türkei

Von Lothar Schmalen

Vor der WM 2018: Mesut Özil sitzt auf dem Trainingsgelände in Eppan auf einem Ball. Foto: Christian Charisius/dpaVor der WM 2018: Mesut Özil sitzt auf dem Trainingsgelände in Eppan auf einem Ball. Foto: Christian Charisius/dpa

Düsseldorf. Mesut Özil ist kein Einzelfall. Eine neue Studie zeigt, dass viele Türken heimatlich zerrissen sind. Ein immer größerer Teil fühlt sich dem Herkunftsland mehr verbunden als Deutschland.

Der im Ruhrgebiet geborene und aufgewachsene Fußballer Mesut Özil entschied sich 2007, Deutscher zu werden und in der deutschen statt der türkischen Nationalmannschaft zu spielen. Damals pfiffen ihn die türkischen Fans aus und beschimpften ihn als Verräter. 2018 besuchte er den türkischen Staatspräsidenten Erdogan und ließ sich mit ihm fotografieren – wohl auch, weil er zeigen wollte, dass er sich weiter als Türke fühle.

Auch Mevlüde Genc, die von vielen bewunderte Deutsch-Türkin, die 1993 bei einem Anschlag von Neonazis in Solingen einen Teil ihrer Familie verlor, bekannte kürzlich bei einer Gedenkfeier in Düsseldorf, dass sie sich sowohl ihrer Heimat Türkei als auch Deutschland, wo sie seit Jahrzehnten lebt, verbunden fühlt.

Heimatliche Zerrissenheit

Die heimatliche Zerrissenheit ist offenbar typisch für türkeistämmige Zuwanderer in Deutschland. Die Daten einer Langzeitstudie des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, die seit 1999 erhoben werden, zeigen, dass der Anteil der Deutsch-Türken, die sich gleichermaßen beiden Ländern verbunden fühlen, seit einigen Jahren stabil bei 30 Prozent liegt, wie Haci-Halil Uslucan, wissenschaftlicher Leiter des Essener Zentrums, erläuterte. Und der Anteil derjenigen, die sich vor allem der Türkei heimatlich verbunden fühlen, steigt sogar seit 2010 deutlich. Er liegt jetzt schon bei 50 Prozent (2010: 29,5 Prozent). Dementsprechend fällt der Anteil derjenigen, die sich vor allem Deutschland verbunden fühlen (von 25,4 auf 17,0 Prozent).

Dabei sind so viele türkeistämmige Zuwanderer wie noch nie inzwischen deutsche Staatsbürger. Die Tendenz wird bestätigt dadurch, das jeder dritte Deutsch-Türke der Nachfolgegeneration der eigentlichen Einwanderer sagt, dass das Zugehörigkeitsgefühl zur Türkei seit 2016 (Armenien-Resolution des Bundestags, Putsch in der Türkei, Diskussion um die Stationierung der Bundeswehr in Incirlik) sogar stärker geworden sei.

Uslucan führt die Trendwende etwa auf die überhitzte Türkei-Debatte in Deutschland, das Werben der türkischen Regierung sowie Diskriminierungserfahrungen von Menschen zurück, die sich häufig als „Pass-Deutsche“ abgelehnt fühlten. Die Debatte um das Foto der Fußballer Özil und Gündogan mit Erdogan hält der Professor vom Zentrum für Türkeistudien für überzogen. Sie zeuge teilweise auch von Unwissen. Die von vielen beanstandete Anrede „Mein Präsident“ für Erdogan sei eine im Türkischen übliche Höflichkeitsansprache und habe mit Nähe oder Distanz nichts zu tun, sagte Uslucan.


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