In Katar wird vieles anders Die WM 2018 hat nicht nur sportlich Maßstäbe gesetzt

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Rassiges und turbulentes Spiel gleich zu Beginn des Turniers: Die Vorrundenpartie zwischen Spanien und Portugal endete 3:3. Foto: AFP/Jonathan NackstrandRassiges und turbulentes Spiel gleich zu Beginn des Turniers: Die Vorrundenpartie zwischen Spanien und Portugal endete 3:3. Foto: AFP/Jonathan Nackstrand

Moskau. Diese WM hat Maßstäbe gesetzt: Bezüglich Organisation und Sicherheit hat Russland mit riesigem finanziellen und personellen Aufwand nichts dem Zufall überlassen. Sportlich haben ab den Halbfinals Europäer dominiert – aber nicht jene Teams, mit denen man gerechnet hatte.

Fußballerisch hat sich bei dieser WM ein seit Jahren erkennbarer Trend fortgesetzt, Ballbesitz-Fußball, nach dem WM-Triumph Spaniens 2010 als heiliger Tikitaka-Gral verehrt und von Deutschland 2014 weiterentwickelt, ist nicht mehr Maß aller Dinge. Nun war bei der Elf von Bundestrainer Joachim Löw diesmal die Einstellung zum Turnier wenig WM-reif – das Aus keine alleinige Frage des Stils. Bei den Spaniern war das anders: Ihnen ist bei allem erkennbaren Willen fußballerisch nichts eingefallen im Achtelfinale gegen kampf- und defensivstarken Russen.

Die Finalisten, Frankreich und Kroatien, spielten erfolgreich Fußball, indem sie in einigen Phasen des Spiels dem Gegner die Initiative überlassen und sich zurückgezogen haben. Blickt man auf Teams wie England, Mexiko oder Russland, wird der übergeordnete Trend noch klarer: Der Konterfußball aus einer stabilen und dicht gestaffelten Defensive hat reüssiert.

Der Fokus vieler Teams auf die defensive Stabilität hat nicht gerade für eine Flut an attraktiven Spielen gesorgt: In Erinnerung bleiben das rasante 3:3 von Portugal und Spanien, der 4:3-Schlagabtausch zwischen Frankreich und Argentinien im Achtelfinale sowie einige Partien mit Beteiligung Belgiens. Dann aber scheiterten sie an den Franzosen nach einem Standardtor – Beispiel für den anderen, herausragenden Trend dieser WM.

In Zahlen drückt das England am besten aus: 75 Prozent der Treffer fielen nach ruhenden Bällen, neun von zwölf Toren. Aber auch für die Finalisten waren Standards entscheidend – für Frankreich etwa im Viertelfinale gegen Uruguay.

Erfolge für Europa, Enttäuschung in anderen Erdteilen: Kein Team des fußballverrückten Kontinents Südamerika erreichte das Halbfinale, aus verschiedenen Gründen. Argentiniens Auswahl erwies sich vor allem defensiv als zu überaltert und langsam, Uruguays starker Elf fehlte im entscheidenden Spiel gegen Frankreich mit Edinson Cavani ein wichtiger Fixpunkt, und die gut organisierten Brasilianer scheiterten an groß aufspielenden Belgiern im begeisternden Viertelfinale von Kasan.

Für Mexiko geht indes der Achtelfinal-Fluch weiter, die Auswahl war in der K.-o.-Phase die einzige Elf Nordamerikas. Aus dessen Kontinentalverband war die Elf Panamas nicht wirklich konkurrenzfähig – als einziges WM-Endrundenteam. Zwischen Afrika und Asien entschied die Fair-Play-Wertung über ein Achtelfinalticket: zugunsten Japans, gegen den Senegals, die beste Auswahl desSchwarzen Kontinentes.

Und sonst? Wurde klar, welch überragenden Wert im Fußball inzwischen eine Führung besitzt. 13 Vorrundenspiele gingen 1:0 aus – das häufigste Ergebnis. Wendesiege gab es in 63 Spielen vor dem Finale nur sechsmal, darunter das 2:1 der deutschen Elf gegen Schweden und zwei Gruppenspiele zwischen ausgeschiedenen Teams. Interessanter als diese Statistik ist, wie sich die Spielweise einer führenden Mannschaft verändert: Plötzlich vergehen vor Einwürfen 20 Sekunden, werden bei Freistößen Behandlungspausen gezogen, oft unabhängig von der Schwere der Verletzung. Effekte, die im Fernsehen nicht so sichtbar werden, weil die Fans dort oft Zeitlupen, Trainer- oder Zuschauerporträts sehen – die aber im Stadion jeden neutralen Fan nerven.

Die drastischere Sanktionierung des Zeitspiels per Regeländerung kann hier helfen. Wer mehr Offensivfußball kreieren will, kann über eine leichte Vergrößerung der Tore nachdenken, damit die Verriegelung des Tores durch Fernschüsse besser aufgebrochen werden kann. Bewährt hat sich bei der WM der Videoreferee: Sein Einsatz verlief anders als in der Bundesliga dosiert, nur nach klaren Fehlern der Schiedsrichter auf dem Feld, und sorgte in den meisten Fällen für bessere Entscheidungen.

Er sollte ein tragendes Element werden auch für Katar – die WM 2022, bei der noch viele Fragen offen sind: Nehmen 32 oder 48 Teams teil? Steigt ein Co-Gastgeber wie Saudi-Arabien ins Boot? Über 150 Vertreter hatte das Emirat zur Beobachtung aller Abläufe nach Russland entsandt: Sie traten zurückhaltend-freundlich auf, aber stets mit dem Ziel, Kontakte im WM-Business zu knüpfen und für ihre Sache zu werben.

Gesehen haben sie, wie Russland über kostengünstige bis kostenlose Bereitstellung moderner Verkehrsinfrastruktur und eine Heerschar an freundlichen Volunteers in den Stadien, an Verkehrsachsen und Hotspots der Ausrichterstädte die Gäste gesteuert hat. Wie Polizei und Armee durch Dauerpräsenz, aber gleichzeitige Zurückhaltung sowohl das Gefühl von Sicherheit vermittelten, als auch den Boden für teilweise wilde Fanfeste bereitet haben. Partys, an denen gerade die weibliche Bevölkerung Russlands gerne teilgenommen hat – auch ein Grund dafür, dass viele Fans aus dem Ausland die WM in guter Erinnerung behalten werden.

Dass sich solche Feste bei der nächsten WM wiederholen, ist kaum vorstellbar in einem streng islamisch geprägten Land wie Katar, in dem die Scharia die Basis der Gesetzgebung ist. Sollte das ansatzweise passieren, wäre das noch eine viel größere Überraschung als die WM-Wohlfühlatmosphäre in Russland in diesem WM-Sommer 2018.


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